Kapitel 94: Auf der leeren Brücke

Mara wollte die Namenlosen schützen.

Cassian wollte beweisen, dass sie existierten.

Auf der leeren Steinbrücke klangen beide Ziele unvereinbarer, als sie sein mussten.

„Wenn Seraphine öffentlich zugibt, Elias nicht gefragt zu haben, wird Severin den Unterarchiv-Zugang schließen“, sagte Mara. „Vielleicht räumt er die Menschen dort um, bevor irgendjemand sie sehen kann.“

„Wenn wir weiter nur leere Felder zeigen, nennt er jeden Fall einen Verwaltungsfehler.“

„Dann zeigen wir die Akten, nicht ihre Wohnorte.“

„Die Akten beweisen, dass Namen fehlen. Nicht, dass die Menschen noch leben.“

Der Wind trug Glockenklang aus der Unterstadt herauf. Unter ihnen liefen Händler über die unteren Brücken. Keiner wusste, dass unter der Akademie Menschen ohne öffentliche Namen lebten.

Mara legte beide Hände auf die kalte Brüstung. „Lena hat nicht zugestimmt, dass wir ihren Aufenthaltsort veröffentlichen.“

„Elias hat der Nennung seines Namens im Zusammenhang mit der fehlenden Einwilligung zugestimmt.“

„Nicht der Öffnung des Unterarchivs.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Noch nicht.“

Cassian schwieg. Er hatte tatsächlich darüber nachgedacht. Das sah Mara nicht in seinen Gedanken, sondern in der Art, wie er die nächste Antwort prüfte.

„Ich fürchte, dass Severin die Akten wieder schließt, wenn wir nicht schnell genug öffentlich werden“, sagte er. „Und ich fürchte, dass Elias verschwindet, bevor ich mehr als zwei Minuten mit ihm gesprochen habe.“

Mara wandte sich zu ihm.

„Ich fürchte, Lena zu finden und sie trotzdem zu verlieren“, sagte sie. „Nicht nur an die Mauer. Auch daran, dass sie etwas entscheidet, das ich nicht mittragen kann.“

„Was plant sie?“

Mara erzählte ihm nicht jedes Detail aus dem Kräuterbuch, nur was Lena zur gemeinsamen Gefahr gemacht hatte: Sie suchte die übrigen Schlüssel und wollte das Versorgungssystem der Namenlosen beenden. Wie weit sie dafür gehen würde, war offen.

„Warum haben Sie das nicht früher geteilt?“

„Weil es ihre politische Absicht ist, nicht Ihre Akte.“

„Wenn die Absicht die Mauer betrifft, betrifft sie andere.“

„Ja. Deshalb sage ich es jetzt.“

Vertrauen bedeutete nicht, dass jede private Botschaft sofort gemeinsames Eigentum wurde. Es bedeutete, die Grenze neu zu ziehen, sobald andere gefährdet waren.

Cassian nahm die Korrektur an. Dann legte er seine eigene zurückgehaltene Überlegung offen. Die alte Verordnung zu lokalen Türmen enthielt Verweise auf ein königliches Messarchiv. Er hatte erwogen, einen ehemaligen Kollegen um einen inoffiziellen Auszug zu bitten.

„Haben Sie es getan?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich damit eine weitere Person ohne klare Zustimmung in ein Verfahren ziehen würde. Und weil ein heimlicher Auszug leicht als verändert gelten kann.“

Mara nickte. „Dann beantragen wir ihn öffentlich.“

„Severin wird ablehnen.“

„Dann zeigen wir die Ablehnung neben der alten Verordnung.“

Sie fanden einen begrenzten gemeinsamen Schritt. Seraphines Feststellung über Elias sollte öffentlich werden, weil Elias genau dieser Nennung zugestimmt hatte. Der Standort des Unterarchivs, Namen anderer Bewohner und Zugänge blieben geschützt. Gleichzeitig beantragten sie die Messdaten, die Lenas Behauptung einer absichtlichen Drosselung prüfen konnten.

Yara sollte beide Grenzen schriftlich festhalten. Wenn einer später weitergehen wollte, brauchte es eine neue Zustimmung der betroffenen Namenlosen. Die heutige Einigung war keine pauschale Freigabe.

Keine Seite bekam alles.

„Sind wir uns einig?“, fragte Cassian.

„Über diesen Schritt.“

„Nicht über die spätere Öffnung.“

„Nein.“

Mara fühlte Enttäuschung, obwohl sie diese Ehrlichkeit verlangte. Ein Teil von ihr wollte, dass Cassian aus Zuneigung automatisch ihre Position übernahm. Sie machte den Wunsch nicht zur Bedingung.

Er lächelte nicht. Mara war froh darum. Ein echter Konflikt war kein Flirt, den man mit Nähe belohnte.

Trotzdem blieb er neben ihr stehen, als die Abendkälte zunahm.

„Ich dachte früher, Regeln schützen Menschen, wenn sie für alle gleich gelten“, sagte er.

„Und jetzt?“

„Jetzt sehe ich, dass eine Regel auch gleichmäßig verschweigen kann.“

Mara sah auf sein versiegeltes Amtssiegel. „Ich dachte, wenn ich Lena finde, weiß ich automatisch, was richtig ist.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hat sie eine eigene Vorstellung.“

Die Brücke blieb leer, bis Yaras Bote sie fand. Seraphine hatte die öffentliche Feststellung freigegeben. Ihr Satz sollte am nächsten Morgen in allen Hallen erscheinen.

Gleichzeitig war Severins Antwort auf den Messdatenantrag eingetroffen.

Abgelehnt wegen Gefahr für die Mauer.

Unter der Ablehnung stand eine neue Warnung:

Weitere Veröffentlichung sicherheitsrelevanter Namen kann als Angriff auf den Kronenwall gewertet werden.

Cassian durfte die Warnung nicht mehr dienstlich anfechten. Als Bürger konnte er eine Begründung verlangen. Mara konnte als Kandidatin widersprechen. Sie beschlossen, getrennte Anträge einzureichen, damit keiner für die andere sprach.

Mara und Cassian waren nicht in allem einig.

Aber Severin hatte soeben versucht, ihren nächsten Streit durch eine gemeinsame Drohung zu ersetzen.