Kapitel 95: Der erste Kuss

Seraphines Satz hing am Morgen in allen sieben Hallen.

Ich habe Elias Dorn nicht nach seiner Zustimmung gefragt.

Darunter stand kein Freispruch für die Direktorin, keine Erklärung des Nachtbruchs und kein Standort des Unterarchivs. Nur die Feststellung, der Elias zugestimmt hatte.

Menschen lasen seinen Namen laut.

Einige vergaßen ihn nach wenigen Schritten und kehrten zur Tafel zurück. Andere schrieben ihn auf. Cassian stand im hinteren Teil der Wort-Halle und beobachtete nicht, ob alle ihn als Bruder ansahen. Er prüfte, ob die Veröffentlichung vollständig blieb.

Seraphine hatte ihre eigene Unterschrift darunter gesetzt. Sie erschien als Verantwortliche der Feststellung, nicht als entschuldigte Zeugin. Elias’ Aufenthaltsort und Tonspur blieben geschützt.

Mara kam nach der dritten Glocke. Ihr Finale begann am nächsten Tag. Cassians Disziplinarprüfung lief weiter. Elins Familie hatte ihre Ratslehre beendet. Nichts an diesem Morgen war gelöst.

„Er kann die Tafel hören“, sagte Mara.

„Elias?“

„Der dritte Schlüssel reagiert. Nur schwach.“

Cassian sah zu dem Namen. „Dann weiß er, dass sie es gesagt hat.“

„Er weiß auch, dass Sie seine Tonspur nicht veröffentlicht haben.“

„Sie gehörte nicht mir.“

Sie gingen hinaus, bevor die Halle sich füllte. Auf der kleinen Seitenbrücke war kein Publikum, nur Regen auf Stein. Mara zog die Kapuze hoch. Cassian blieb unter dem Bogen stehen.

„Ich habe gestern etwas nicht gesagt“, begann er.

Mara wartete.

„Als ich von der Öffnung des Unterarchivs sprach, ging es nicht nur um Beweise. Ein Teil von mir wollte hinuntergehen und Elias mitnehmen, bevor er wieder Nein sagen kann.“

„Das wäre keine Rettung.“

„Ich weiß.“

„Heute?“

„Heute auch.“

Seine Ehrlichkeit machte den Impuls nicht harmlos. Sie machte ihn sichtbar.

„Lena würde mich ebenfalls nicht begleiten, nur weil ich sie gefunden habe“, sagte Mara. „Vielleicht wollte ich am Anfang auch keine Schwester mit eigenen politischen Plänen. Ich wollte die Person aus meinem Buch.“

Regen sammelte sich an der Kante ihrer Kapuze. Cassian hob die Hand, hielt aber inne, bevor er sie berührte.

„Darf ich?“

Mara wusste, dass er den Regentropfen meinte. Vielleicht wusste er selbst nicht, ob die Frage größer war.

„Ja.“

Er strich den Tropfen von ihrer Wange und nahm die Hand wieder zurück.

Die Entfernung zwischen ihnen blieb bestehen.

Maras Herz schlug schneller. Sie wartete auf den vertrauten Zug eines Siegels, doch der silberne Faden blieb still. Cassian ebenfalls. Er stand im Regen und ließ ihr die Entfernung, ohne sie mit einem Amt, einem Schlüssel oder einem Schutzversprechen zu füllen.

„Cassian.“

Er sah sie an.

„Wenn Sie mich küssen möchten, fragen Sie danach. Nicht nach dem Regen.“

Sein Atem veränderte sich. „Möchten Sie, dass ich frage?“

„Ja.“

„Darf ich Sie küssen?“

„Ja.“

Er trat langsam näher. Mara hätte noch zurückweichen können; stattdessen hob sie das Gesicht. Der Kuss war kurz und warm im kalten Regen. Als Cassian sich löste, lief ein Tropfen von seiner Schläfe bis zum Kragen.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte er.

„Ja. Ihnen?“

„Ja.“

Die vorsichtige Rückfrage brachte Mara zum Lachen, mehr aus Erleichterung als aus Romantik.

„War das falsch?“, fragte er.

„Nein. Nur erstaunlich unmagisch.“

„Das war die Hoffnung.“

Diesmal schloss Mara selbst den Abstand. Sie küsste ihn ein zweites Mal und trat danach zurück, bevor der Regen aus einer Entscheidung ein großes Schicksalszeichen machen konnte.

Der Konflikt vom Vorabend war nicht verschwunden. Mara wollte Namen und Aufenthaltsorte nur mit Zustimmung veröffentlichen. Cassian hielt mehr öffentliche Beweise für nötig. Beide wussten, dass der Streit wiederkommen würde.

„Ich gehe jetzt zur Finalvorbereitung“, sagte Mara.

„Ich zur Anhörung.“

„Sie werden nicht bei meiner Prüfung sein?“

„Nur auf der öffentlichen Tribüne. Ohne Aufsichtsfunktion.“

„Gut.“

Er verzog den Mund. „Sie klingen erfreut.“

„Ich bin erfreut, dass Sie meine Punktzahl nicht kontrollieren.“

Sie gingen an der nächsten Brücke in verschiedene Richtungen.

Cassian erreichte die Westbrücke und drehte sich noch einmal um. Mara hob beinahe die Hand, ließ sie dann aber sinken, als die Akademieglocke über den Regen schlug. Morgen würden sie vermutlich wieder streiten; heute blieben ihr noch die überraschende Wärme des Kusses und sein schiefes, fast ungläubiges Lächeln.

Am Ende des Ganges wartete Joris mit einer Nachricht.

Die Akademie hatte seine öffentliche Ablehnung für den morgigen Ehrendienst angesetzt. Gleichzeitig sollte Mara im Finale ihre „Bereitschaft zur höchsten Pflicht“ erklären.

Severin hatte zwei Neins auf denselben Tag gelegt.