Kapitel 52: Das Leben ohne Zeugen

Die Namenlosen führten sie nicht durch ein Denkmal.

Sie zeigten ihnen die Küche, die Werkstatt, den Kartenraum und eine kleine Ecke mit kaputten Stühlen. Der Bäcker mit dem Brotsymbol stritt mit der Frau der blauen Schale darüber, wer das Mehl falsch gelagert hatte. Zwei Spielerinnen weigerten sich, ihre Partie für Besucher zu unterbrechen.

„Wir sind nicht nur hier, wenn ihr Fragen habt“, sagte die blaue Schale.

Mara entschuldigte sich.

Lena zeigte ihr die Wohnwand. Jeder Mensch konnte Sätze anbringen, ändern oder abnehmen. Manche bewahrten einen früheren Namen in einem verschlossenen Umschlag. Andere hatten ihn verbrannt oder einer einzelnen Person anvertraut.

„Gelöscht zu werden war Zwang“, sagte Lena. „Was danach mit einem Namen geschieht, darf nicht wieder von außen bestimmt werden.“

Eine der Spielerinnen hatte ihren alten Namen in einem Umschlag bewahrt und einen neuen gewählten Ruf für den Untergrund angenommen. Die andere nutzte nur das Symbol einer schwarzen Linie. Sie waren seit fünf Jahren ein Paar, erklärte Lena, aber die öffentliche Erinnerung machte selbst ihre Beziehung oben instabil.

„Wenn eine von ihnen vorausgeht, vergisst die andere sie nicht sofort“, sagte Lena. „Doch Orte, Händler und Dokumente geben ihnen keine gemeinsame Geschichte.“

Mara sah die beiden über einen Spielzug streiten. Ihre Beziehung brauchte keine öffentliche Akte, um wirklich zu sein. Eine Wohnung, eine Erbschaft oder ein medizinischer Notfall würden ohne Zeugen trotzdem fast unmöglich.

Am Ausgangsraum wartete eine Frau mit dem Symbol einer roten Tasse. Sie wollte für eine Stunde hinauf, um bei einem Lieferanten Salz und Lampenöl zu holen.

„Dürfen wir beobachten?“, fragte Elin.

Die Frau erlaubte es, solange niemand ihren wahren Namen verlangte.

Sie ging durch einen seitlichen Zugang zum öffentlichen Markt. Mara und Elin sahen durch eine Erinnerungsplatte zu, die keine Bilder speicherte, sondern nur den Ablauf für die unteren Zeugen sichtbar hielt.

Der Händler begrüßte die Frau freundlich. Sie handelte über den Ölpreis, lachte und bezahlte mit Münzen. Er schrieb das Geschäft in sein Buch. Eine Stunde später kehrte sie mit zwei Säcken zurück.

Lena drehte die Platte um. Auf dem Markt fragte Elin den Händler über eine neutrale Botenschrift, wer gerade Öl gekauft habe.

Seine Antwort kam: Niemand. Seit Mittag kein Verkauf.

Im Kassenbuch stand der Preis, aber die Käuferzeile war leer.

„Warten wir“, sagte Lena.

Nach zwei Stunden fragte die rote Tasse über denselben Kanal erneut. Der Händler erinnerte sich an eine Kundin in grauem Mantel, aber nicht an Gesicht, Stimme oder vereinbarten Preis. Nach vier Stunden glaubte er, ein Gehilfe habe die Säcke abgeholt.

„Und wenn sie oben jemanden kennt?“, fragte Mara.

Die Frau setzte sich auf einen Stuhl. „Meine Cousine betreibt einen Stand. Beim ersten Mal erkannte sie mich für drei Stunden. Beim zweiten für eine. Jetzt lächelt sie höflich, wenn ich Brot kaufe.“

Mara wusste nicht, was sie sagen konnte, ohne Trost zu erfinden.

„Möchten Sie, dass wir das dokumentieren?“

„Ja. Nicht meinen früheren Namen. Nur die Dauer.“

Elin schrieb die Zeitfolge auf. Joris bestätigte den materiellen Einkauf. Cassian vermerkte, dass eine geschäftsfähige erwachsene Person einen Vertrag geschlossen hatte, dessen Gegenpartei den Vertragspartner nicht stabil erinnern konnte.

„So lebt man ohne Zeugen“, sagte die rote Tasse. „Nicht unsichtbar. Unhaltbar.“

Sie öffnete einen kleinen Beutel und zeigte drei Quittungen vom selben Händler. Auf jeder war der Kauf vermerkt, aber keine Käuferin. Die erste trug noch ein verwischtes Mantelsymbol. Die beiden neueren nur leere Felder.

„Ich sammle sie nicht, um meinen früheren Namen zurückzubekommen“, sagte sie. „Ich sammle sie, damit niemand behauptet, ich hätte nie bezahlt.“

Cassian bat um eine Kopie der leeren Felder. Sie erlaubte eine, behielt aber die Originale.

Im Unterarchiv selbst erinnerten die Menschen einander länger. Papier, wiederholte Alltagshandlungen und die unterbrochenen Siegelsteine hielten ihre Verbindungen. Trotzdem gab es Lücken. Der Bäcker kannte den gewählten Namen einer Spielerin gestern und heute nicht mehr. Sie stritten darüber, ob er ihn je wissen durfte.

„Wir sind nicht außerhalb des Problems“, sagte Lena. „Nur näher an seinen Resten.“

Der Bäcker brachte Brot und fragte Mara, ob sie Allergien habe. Eine gewöhnliche Frage. Eine Namenlose mit Heilerfahrung notierte, wer welche Zutaten vertrug, weil öffentliche Gesundheitsakten die Bewohner nicht stabil führten.

„Ohne Zeugen heißt auch, dass wir einander viel zu oft bezeugen müssen“, sagte Lena. „Das kann Fürsorge sein. Es kann auch Kontrolle werden. Deshalb entscheiden die Leute selbst, welche Karten sie teilen.“

Mara sah, wie Lena einem Kinderspiel auswich, das zwei erwachsene Namenlose mit Holzfiguren spielten. Es gab hier keine Kinder; alle waren als Erwachsene gebunden worden. Die Holzfigur mit dem Flussblatt trug einen neuen Farbstreifen.

„Hast du Beziehungen hier?“, fragte Mara.

Lena hob eine Braue. „Natürlich.“

Mara spürte einen unvernünftigen Stich. Drei Jahre waren kein angehaltener Raum.

„Ich meine nicht, dass du keine haben solltest.“

„Ich weiß.“

Lena stellte sie der blauen Schale als ihrer engsten Arbeitsgefährtin vor. Kein wahrer Name, keine Erklärung, die Mara zustand.

Später versuchte Mara, Lenas Gesicht aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Narbe, Brauen, silberne Strähne. Nach einer Stunde blieb es stabil.

„Blut und Schlüssel“, sagte Lena. „Du hältst mich länger.“

„Ist das gut?“

„Für uns vielleicht. Für die Spur nicht.“

„Dann werde ich dich nicht ständig prüfen.“

„Danke.“

Mara schloss den Umschlag. Sie wollte ein Gesicht behalten, ohne Lena bei jedem Treffen beweisen zu lassen, dass sie noch dieselbe war.

Mara legte die Zeichnung in einen Umschlag und schrieb nicht öffentlich Lenas Namen darauf.

Über ihnen verging Zeit, die keiner im Unterarchiv richtig maß.

Unten blieb ein Gesicht nur dort, wo Menschen einander immer wieder fragten, wie sie heute gesehen werden wollten.