Kapitel 53: Der Mann mit der Geige

Der Geiger kam von selbst in den Gemeinschaftsraum.

Diesmal trug er die Geige im Kasten. Er setzte sich an das andere Ende des Tisches und sah Cassian direkt an.

Das Gesicht war älter als auf dem Foto. Dieselben Augen wie ihre Mutter, eine schmale Narbe an der Schläfe, graue Strähnen. Cassian hob nicht sofort sein Journal.

„Darf ich dich ansehen?“, fragte er.

„Ja.“

„Darf ich deinen Namen verwenden?“

Der Mann schwieg, dann sagte er: „Elias. Hier. Heute.“

Cassian wiederholte ihn nicht. „Verstanden.“

Elias stellte den Geigenkasten auf den Tisch. „Du willst alles zurück.“

„Ich will wissen, was mir genommen wurde.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Nein.“

Cassian hatte die Antwort offenbar vorbereitet, aber Mara sah, dass sie ihn trotzdem kostete.

Elias öffnete den Kasten. Darin lagen Noten, Reparaturwerkzeug und ein Kinderbogen. „Wenn ich dir jede Erinnerung erzähle, werde ich zum Material für deine Heilung. Dann bist du vollständig und ich bin wieder eine Funktion.“

„Das will ich nicht.“

„Du kennst mich kaum genug, um zu wissen, was du willst.“

Cassian nahm den Satz an. „Was willst du?“

„Dass die nächste Person nicht hier ankommt.“

„Und von mir persönlich?“

Elias sah auf den Geigenkasten. „Dass du nicht erwartest, ich werde dankbar, weil du dich erinnerst.“

„Erwarte ich nicht.“

„Dass du unsere Mutter nicht mit meinem Namen überfällst, nur damit du ihre Reaktion prüfen kannst.“

Cassian nickte. „Ich frage dich vorher, ob und wie sie informiert werden soll.“

„Und dass du mir nicht erzählst, welche Version von mir dir fehlt.“

Dieser Satz brauchte länger. „Einverstanden.“

Joris saß am Seitentisch. Elias blickte kurz auf dessen Steinzeichen und dann weg.

„Die Auswahl ist noch nicht abgeschlossen“, sagte Cassian. „Ich habe eine Sperre beantragt.“

„Eine Sperre ist ein aufgeschobener Zugriff.“

„Bis wir Beweise für ein dauerhaftes Ende haben.“

„Du sprichst immer noch wie jemand, der glaubt, das Verfahren müsse nur richtig angewendet werden.“

Cassian schloss die Hand um seinen Stift, schrieb aber nicht. „Vielleicht.“

Elias schob ihm eine einzelne Karte zu. „Das darfst du wissen: Ich stimmte einem begrenzten Grenzdienst zu. Sechs Monate. Ich stimmte keiner Löschung, keiner dauerhaften Bindung und keinem Verschwinden aus unserer Familie zu.“

„Wer änderte die Bedingungen?“

„Das Kanzleramt bestätigte einen Notfall. Die Kronenzeugin bestätigte später meine angebliche Zustimmung.“

„Seraphine?“

„Den Namen gebe ich dir heute nicht als Beweis.“

Cassian legte den Stift hin. „Dann bleibt die verantwortliche Kronenzeugin unbenannt.“

„Du glaubst trotzdem zu wissen, wer es war.“

„Vermutung und freigegebene Aussage bleiben getrennt.“

Elias schnaubte. „Du warst schon als Kind unerträglich ordentlich.“

„Das klingt wie eine Erinnerung, die du nicht freigegeben hast.“

Zum ersten Mal lächelte Elias wirklich. „Korrekt.“

Cassian strich die Frage. Nicht aus dem Gedächtnis, nur aus der freigegebenen Aussage.

„Darf ich dich nach unserer Kindheit fragen?“

„Eine Frage.“

„Warum hast du mir den zu großen Bogen gegeben?“

Elias’ Mund bewegte sich. Fast ein Lächeln. „Weil du alles anfassen wolltest, was mir gehörte. Mit einem eigenen Bogen hast du meine Geige endlich in Ruhe gelassen.“

Cassian lachte leise. Die Erinnerung kehrte: Harz an den Fingern, Elias’ wütender Ruf, der viel zu große Bogen in braunem Papier.

„Stabil“, sagte er nach einer Minute.

„Ich bin kein Arzneimittel.“

„Nein.“

Cassian öffnete das Journal nicht. „Möchtest du, dass ich es später aufschreibe?“

Elias überlegte. „Ja. Als Erinnerung, die ich freiwillig geteilt habe.“

Mara sah, wie sich etwas zwischen ihnen verschob. Keine wiederhergestellte Bruderschaft. Ein einzelner erlaubter Satz.

Elias schloss den Geigenkasten. „Wenn du oben berichtest, gib meinen Ort nicht preis.“

„Ich muss die illegale Anlage und die Identitätsanomalien melden.“

„Identitätsanomalien.“

Cassian verzog das Gesicht. „Menschen, deren öffentliche Namen unrechtmäßig getrennt wurden.“

„Besser.“

„Ich kann melden, dass Betroffene existieren und eine weitere Bindung abgelehnt wird. Ohne individuelle Standorte.“

„Severin wird fragen, ob ich hier bin.“

„Ja.“

„Wirst du lügen?“

„Ich werde sagen, dass ich keine personenbezogenen Aufenthaltsorte ohne Schutzverfahren offenlege.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die Antwort, die ich rechtlich vertreten kann, ohne dich auszuliefern.“

Elias betrachtete ihn lange. „Dann erkennst du wenigstens, wie Gewalt in vollständigen Formularen aussehen kann.“

„Kannst du es? Oder hoffst du es?“

„Ich kann einen begrenzten Bericht rechtlich vertreten. Ob Severin ihn akzeptiert, ist eine andere Frage.“

Elias stand auf. „Dann beweise nicht zuerst, dass du dich an mich erinnerst. Beweise, dass du einen weiteren Menschen vor demselben Verfahren schützt.“

Er nahm den Kasten.

Cassian sagte nicht Bruder. Er sagte nur: „Ich versuche es.“

„Versuchen ist kein Ergebnis.“

„Nein.“

„Wenn du oben keinen sofortigen Erfolg hast, komm nicht herab, um dir von mir bestätigen zu lassen, dass du trotzdem ein guter Bruder bist.“

Cassian wurde blass. „Das werde ich nicht.“

Mara glaubte ihm die Absicht. Ob er die Grenze unter Druck halten konnte, musste sich erst zeigen.

Elias ging, ohne sich umzudrehen.

Auf dem Tisch blieb die freiwillig geteilte Karte.

Cassian öffnete sein Journal erst, nachdem Elias außer Sicht war. Unter den Satz über den Kaffee schrieb er:

Elias gab mir einen eigenen Bogen, damit seine Geige ihm gehören konnte.

Dann unterstrich er das letzte Wort.