Kapitel 3: Cassian Dorn

Cassian erkannte ungewöhnliche Magie selten an ihrem Leuchten.

Leuchten ließ sich herstellen. Glutstudenten liebten Funken, Kronenfamilien goldene Ränder und Verwaltungsbeamte jede Farbe, die auf einem Bericht wichtig aussah. Wirklich gefährliche Abweichungen zeigten sich meist dort, wo ein System zu sauber wurde.

Die Willkommenstafel im Flutsaal war zu sauber.

Vom Beobachtungsgang aus sah Cassian, wie die neue Studentin aus Tannwald vor einer ausgeschabten Stelle stehen blieb. Sie trug ein altes Kräuterbuch an die Brust gedrückt und bewegte die Lippen, ohne dass ein Laut bis zu ihm hinaufdrang.

Neben ihm räusperte sich Registrator Ovel. „Die Aufnahme ist abgeschlossen, Siegelrichter.“

„Dann dürfte die Tafel nicht mehr prüfen.“

„Tut sie auch nicht.“

Der Silberrand um Mara Falks Namen flackerte ein zweites Mal.

Cassian schrieb die Uhrzeit auf. Keine Deutung, nur die Abweichung. Das war eine Gewohnheit, die Severin Rauk langweilig nannte und die Cassian mehr als einmal vor einer falschen Anklage bewahrt hatte.

„Wer hat die Stelle links von Falk ausgeschabt?“

Ovel sah hinunter. „Die Tafeln werden erneuert.“

„Wer?“

„Die Werkverwaltung.“

„Auftrag und Datum reichen mir.“

Der Registrator spannte den Kiefer an. „Sie untersuchen eine Studentin, keine Tischlerrechnung.“

„Ich untersuche noch niemanden.“

Unten steckte Mara Falk das Buch in ihre Tasche und verließ den Saal. Sie blickte nicht zum Beobachtungsgang. Entweder hatte sie Cassian nicht bemerkt oder beschlossen, ihm diese Erkenntnis nicht zu schenken.

Er folgte ihr mit Abstand.

Der erste Hof lag bereits im Schatten. Neuaufgenommene suchten Zimmer, Speisesäle und die richtigen Brücken. Falk ging zunächst zum Flutflügel, änderte an der Treppe die Richtung und blieb vor einer Wandkarte stehen.

Sie betrachtete nicht den Weg zum Wohnhaus.

Ihr Finger folgte den alten Fundamentlinien.

Cassian trat neben sie. „Zimmer einundvierzig liegt hinter der Ostbrücke.“

„Dann hat jemand die Schilder vertauscht.“

„Das wäre eine ungewöhnlich umfangreiche Vertauschung.“

Sie sah ihn jetzt an. Graue Augen, nasser Zopf, eine feine Narbe am Kinn. Vierundzwanzig laut Aufnahmebogen. Alt genug, um keine Belehrung über Gehorsam zu brauchen.

„Cassian Dorn“, sagte er. „Siegelrichter der Krone. Für die Aufnahmezeremonie als äußerer Beobachter bestellt.“

„Mara Falk. Grenzapothekerin. Für mein eigenes Leben als innere Beobachterin bestellt.“

„Eine unbezahlte Stellung?“

„Mit langen Arbeitszeiten.“

Er hätte fast gelächelt. Stattdessen zeigte er auf die Karte. „Was suchen Sie?“

„Den Wohnflügel.“

„Der liegt nicht unter dem Wortarchiv.“

Ihr Blick verriet nur, dass sie seine Beobachtung registriert hatte. „Dann sind Ihre Karten unübersichtlich.“

Cassian nahm das Kräuterbuch nicht. Er verlangte nicht einmal, es zu sehen. Eine administrative Prüfung erlaubte ihm Fragen zur aufgetretenen Magie, keinen beliebigen Zugriff auf persönliche Gegenstände.

„Beim dritten Glockenschlag beginnt die Begrüßung im Siegelhof“, sagte er. „Dort berühren alle Neuaufgenommenen sieben Steine. Ihre Tafel hat auf Sie reagiert, nachdem die Flutprüfung abgeschlossen war.“

„Vielleicht mochte sie meine Antwort über Bauchschmerzen.“

„Tafeln haben wenig Humor.“

„Das erklärt die Verwaltung.“

Sie ging an ihm vorbei. Cassian ließ sie gehen.

Im Westturm wartete eine versiegelte Nachricht aus Veyra. Severin hatte sie vor der Aufnahme gesandt.

Beobachten Sie jede Resonanz außerhalb der sieben anerkannten Ordnungen. Keine öffentliche Bezeichnung vor Bestätigung.

Der Befehl war vernünftig formuliert. Er erwähnte jedoch eine Möglichkeit, die laut königlichem Recht gar nicht existierte.

Cassian öffnete das Aufnahmeprotokoll. Bei Mara Falk standen Flut II, Tannwald, vierundzwanzig Jahre. Das Familienfeld zeigte Eltern und keine Geschwister.

Eine Minute später flackerte die Zeile.

Ein zweiter Eintrag erschien so kurz, dass Cassian ihn beinahe für eine Spiegelung hielt.

Lena Falk, Wort.

Dann war er fort.

Er rief das Protokoll erneut auf. Keine Änderungshistorie. Kein Prüfzeichen. Nur eine glatte Zeile, als wäre nie etwas geschehen.

Cassian schrieb den Namen auf Papier.

Er wartete darauf, dass ihm die Buchstaben fremd wurden. Nichts geschah. Lena Falk blieb lesbar, doch schon nach wenigen Atemzügen musste er sich bewusst daran erinnern, warum er den Namen notiert hatte. Das war keine gewöhnliche Vergesslichkeit. Der Gedanke rutschte an seinem Gedächtnis ab, als besäße er keinen Haken.

Cassian ergänzte Datum, Uhrzeit und den Satz: Zweiter Eintrag ohne Änderungsprotokoll.

Dann schrieb er darunter: Nicht vernichten, auch wenn Bedeutung unklar wird.

Die Anweisung wirkte übertrieben. Gerade deshalb ließ er sie stehen. Ein Siegelrichter durfte seinem Gedächtnis vertrauen, aber nie nur ihm.

Er faltete den Zettel zweimal und steckte ihn sicher in das ungeprägte Innenfach seines Mantels.

Als er die Tür öffnete, stand Mara Falk im Korridor.

„Sie verfolgen mich schlecht“, sagte er.

„Ich wollte zurück zum Wohnflügel.“

„Der liegt in der anderen Richtung.“

Sie blickte auf den Zettel in seiner Hand. Er drehte ihn nicht um.

Aus dem Hof erklang die erste Glocke.

Mara zuckte zusammen. Nicht wegen der Lautstärke. Ihr Blick ging zur Decke, als käme der Ton aus dem Stein über ihnen.

„Was haben Sie gehört?“, fragte Cassian.

„Eine Glocke.“

„Und darunter?“

Die zweite Glocke begann. Cassian spürte einen Druck hinter den Augen, einen winzigen Verlust von Richtung. Der Korridor schien für einen Moment nach links zu kippen.

Mara presste die Hand gegen ihre Tasche.

In der glatten Wand neben ihnen entstand ein dunkler Spalt, nicht breiter als ein Haar. Eine Frauenstimme flüsterte daraus. Cassian verstand nur den letzten Teil.

Mara hörte jedes Wort.

Ihre Antwort kam so leise, dass sie fast im dritten Glockenschlag verschwand.

„Geh nicht in den siebten Kreis.“