Mara hätte fliehen können, solange die Türen noch offen standen.
Der Siegelhof lag unter freiem Himmel. Sieben konzentrische Kreise aus verschiedenem Stein führten zu einem flachen Podest. An jedem Ring wartete eine Prüfstele. Die neuen Studenten standen nach Aufnahmegruppen geordnet, ihre Bänder als blaue, rote, graue und weiße Flecken im Abendlicht.
Über dem Hof spannte sich eine gläserne Kuppel aus Magie. Regen traf auf sie und lief in schimmernden Linien zu den Rändern.
Geh nicht in den siebten Kreis.
Lenas Stimme hatte nicht ängstlich geklungen. Eher so, wie sie früher vor einer falschen Dosierung gewarnt hatte: ruhig, knapp und sicher, dass Mara verstand.
Mara verstand nur die Folge. Wer die Aufnahmezeremonie verweigerte, verlor den Studienplatz. Ohne Zugang zur Akademie fand sie weder das alte Archiv noch die Erklärung für den Namen, den ein königlicher Richter für einen Augenblick gesehen hatte.
„Falk.“
Elin Sorel stand zwei Plätze vor ihr. „Wenn Sie heute noch vorhaben, ohnmächtig zu werden, tun Sie es bitte vor der Kronenprüfung. Sonst muss ich warten.“
„Ich werde mich bemühen, Ihre Abendplanung zu schützen.“
Joris Bell, der breite Mann mit dem grauen Steinband, lachte. „Das ist freundlich. Ich habe versprochen, vor dem Essen niemanden aufzufangen.“
Die erste Gruppe trat in den Glutkreis. Hände berührten roten Basalt. Kleine Flammen erschienen über den Handflächen, manche kräftig, manche kaum sichtbar. Danach folgten Stein, Flut, Wind, Schleier, Wort und Krone.
„Die Steine prüfen Resonanz, nicht Rang“, erklärte Professorin Yara Brenn vom Rand. „Ein schwaches Leuchten bedeutet keinen geringeren Rang. Wer nichts spürt, nimmt die Hand weg und sagt es. Niemand erzwingt eine Antwort.“
Mara blickte zu Cassian. Er stand außerhalb der Kreise neben einem Protokolltisch. Kein Lehrergewand, kein Akademieabzeichen. Sein schwarzer Mantel trug nur das silberne Amtszeichen eines Siegelrichters.
Er sah sie nicht an.
Die Reihe rückte vor.
Am Rand kontrollierten zwei Heiler Atem, Puls und Zeichenfarbe. Niemand wurde allein hinter einen Vorhang gebracht. Diese sichtbare Sorgfalt beruhigte Mara mehr, als sie wollte. Ein Ort konnte Regeln zum Schutz Erwachsener ernst nehmen und trotzdem einen Namen auslöschen. Beides musste gleichzeitig möglich sein.
Am Glutstein spürte Mara Wärme, die nicht ihr gehörte. Der Ring in ihrer Hand blieb blass. Beim Stein wurde ihre Schulter schwer. Flut antwortete klar: kühles Licht lief über die offene Mondsichel. Der Prüfer notierte Flut II.
Wind roch nach Höhe. Schleier ließ den Hof für einen Atemzug farblos werden. Am Wortstein hörte Mara ein Rascheln wie viele Seiten, die gleichzeitig umgeblättert wurden.
Zwischen den Geräuschen lag ein Name.
Nicht Lena.
Mehrere Namen, zu schnell, um sie zu greifen.
Mara zog die Hand zurück.
„Etwas Ungewöhnliches?“, fragte Yara.
Sie hätte jetzt die Warnung nennen können. Cassian hätte sie aus der Reihe genommen. Vielleicht wäre das vernünftig gewesen.
„Viele Stimmen“, sagte Mara.
Yaras Blick blieb eine Sekunde zu lange auf ihr. „Wortsteine bewahren alte Prüfungen. Stimmen sind nicht ungewöhnlich. Verständliche Sätze wären es.“
Mara antwortete nicht.
Vor ihr legte Elin die Hand auf den Kronenstein. Goldene Linien verbanden für einen Moment alle sechs anderen Stelen. Das Licht war präzise und schön. Elin trat zurück, ohne Freude zu zeigen.
Joris folgte. Der Stein blieb fast dunkel.
„Keine Krone“, sagte er. „Welche Überraschung.“
Dann war Mara an der Reihe.
Der siebte Kreis bestand aus hellem Kalkstein. In seiner Mitte lag die Kronenstele, ein schwarzer Block mit sieben schmalen Adern. Mara blieb an der Grenze stehen.
„Frau Falk?“, fragte der Zeremonienleiter.
„Kann eine Studentin einen Stein verweigern?“
„Jede Berührung ist freiwillig. Ohne vollständige Resonanzprüfung kann die Aufnahme jedoch nicht bestätigt werden.“
Genau die Art Wahl, vor der Lena gewarnt hatte: freiwillig, solange Mara bereit war, den Preis der Verweigerung zu tragen.
Cassian hob den Kopf. „Sie können eine unabhängige Zeugin verlangen.“
„Sind Sie das?“
„Nein. Professorin Brenn könnte die Berührung getrennt protokollieren.“
Yara trat näher. „Wenn Sie fortfahren wollen.“
Mara dachte an den Namen im Kräuterbuch. An ihre Eltern, die beim Abschied nur eine Tochter umarmt hatten. An die Kerbe neben ihrem Namen.
Sie trat in den siebten Kreis.
Der Kronenstein war kälter als Regenwasser. Zuerst geschah nichts.
Dann zuckte das Flutzeichen in ihrer Hand.
Ein silberner Faden schoss über ihr Handgelenk. Die sieben Adern im Stein leuchteten gleichzeitig auf. Um Mara herum erloschen die Namenplaketten an den Mänteln der Studenten.
Jemand rief erschrocken.
Mara konnte die Hand nicht lösen. Der Stein hielt sie nicht fest; vielmehr hatte sie für einen Augenblick vergessen, wie man Finger öffnete.
„Falk“, sagte Cassian. Seine Stimme kam näher. „Nennen Sie Ihren Namen.“
„Mara.“
„Vollständig.“
„Mara Falk.“
Das Kräuterbuch in ihrer Tasche schlug gegen ihre Hüfte, als bewegten sich die Seiten von selbst.
Das Flutzeichen glühte weiß. Seine offene Mondsichel schloss sich nicht. Stattdessen erschien außerhalb des vertrauten Rings eine zweite Linie.
Sie wuchs gegen den Uhrzeigersinn.
Yara flüsterte etwas, das Mara nicht verstand.
Cassian griff nicht nach ihr. Er legte seine Hand neben ihre auf den Stein, ohne sie zu berühren. Schwarze Schrift lief über die Oberfläche: Mara Falk, Flut.
Darunter entstand eine leere Zeile.
Mara konnte ihre Finger wieder bewegen. Sie riss die Hand zurück.
Das Licht erlosch. Die Namen auf den Mänteln kehrten zurück. Studenten wichen von ihr fort, bis sie allein im innersten Kreis stand.
Auf ihrer linken Handfläche lagen nun zwei silberne Formen.
Die bekannte unvollständige Mondsichel.
Und darum ein achter Ring.
