Kapitel 18: Der Preis des Flutzeichens

Die Übungspatientin hieß Ada und war zweiunddreißig.

Professorin Lenne stellte sie vor, bevor jemand ein Siegel aktivierte. Ada war selbst Flutstudentin im dritten Jahr und hatte freiwillig zugestimmt, eine kontrollierte Resonanzstörung zu tragen. Das Problem war künstlich erzeugt, begrenzt und jederzeit von der Professorin abschaltbar.

„Sie heilen keine Krankheit“, sagte Lenne. „Sie stabilisieren eine überschießende Flutantwort. Wer von Wunderheilung spricht, verlässt den Raum und liest das Grundlagenbuch.“

Mara mochte sie sofort.

Vier Studenten arbeiteten nacheinander. Sie sollten Adas Puls, Temperatur und Magiefluss wahrnehmen, eine einzige Abweichung benennen und nur so viel Kraft einsetzen, wie für die Stabilisierung nötig war.

Mara trat als Dritte vor.

Ada hielt ihr die Hand hin. „Sie dürfen Kontakt ablehnen.“

„Direkter Kontakt ist genauer.“

„Dann einverstanden.“

Mara legte zwei Finger an Adas Handgelenk. Die Flutresonanz rauschte zu schnell, als würde Wasser in einem zu engen Rohr kreisen. Mara schickte einen kühlen Impuls dagegen.

Der Strom verlangsamte sich.

Dann kam eine zweite Welle.

Sie gehörte nicht zur Übung.

Ein Name glitt durch Adas Resonanz, undeutlich und abgeschnitten. Mara folgte ihm instinktiv. Der äußere Silberring erschien.

„Falk“, sagte Professorin Lenne. „Nur die gesetzte Störung.“

Mara zog ihre Aufmerksamkeit zurück. Ada atmete schneller.

„Abbruch?“, fragte Mara.

Ada schüttelte den Kopf. „Weiter, aber weniger.“

Mara reduzierte die Kraft. Sie stellte sich keinen mächtigen Fluss vor, sondern die Tropfrinne in der Apotheke ihres Vaters. Gleichmäßig, kontrolliert, nicht mehr, als das Gefäß tragen konnte.

Adas Puls beruhigte sich.

Die Professorin löste die künstliche Störung. „Kontakt beenden.“

Mara nahm die Hand weg.

Zuerst fühlte sie sich nur müde. Dann bat Lenne jeden Studenten, drei Kräuter aus einem vorbereiteten Bündel zu benennen. Mara erkannte Fieberrinde und Wundklee.

Das dritte Blatt war schmal, grau und am Rand gezackt.

Sie kannte es.

Sie hatte es seit ihrem zwölften Lebensjahr jede Woche sortiert.

Der Name fehlte.

„Frau Falk?“

Mara roch daran. Nichts.

Nicht ein schwacher Geruch. Kein Geruch. Als läge zwischen Blatt und Nase eine Glasscheibe.

„Ich weiß es nicht.“

Professorin Lenne nahm ihr das Bündel ab. „Sumpfminze.“

Das Wort brachte Wissen zurück, aber nicht den Geruch. Mara wusste, dass Lena damit Fiebertee verdorben hatte, weil sie zu viel nahm. Sie wusste, wie die Pflanze aussah. Ihre Nase lieferte keine Erinnerung.

„Verblassen“, sagte Lenne. „Wahrscheinlich vorübergehend.“

Mara setzte sich. Ada kam nicht zu ihr; sie blieb an ihrem eigenen Platz, bis die Professorin auch ihre Werte geprüft hatte. Niemand machte aus der Übung eine Schuldfrage zwischen Patientin und Studentin.

Lenne dokumentierte Kraftmenge, äußeres Zeichen und den verlorenen Sinneseindruck. „Sie ruhen heute. Keine weitere Flutarbeit. Sie versuchen nicht, den Geruch mit stärkerer Magie zurückzuholen.“

„Wie lange?“

„Stunden, manchmal Tage. Schlaf, Essen und konkrete Zeugen helfen. Ihre Freunde können den Geruch beschreiben. Sie können ihn nicht für Sie riechen.“

Lenne setzte sich ihr gegenüber und ließ Mara die übrigen Sinne einzeln prüfen. Sie erkannte Salz auf der Zunge, hörte das Ticken der Wanduhr und unterschied warmes von kaltem Glas. Nur die Sumpfminze blieb hinter der unsichtbaren Scheibe.

„Ist das eine Erinnerung oder eine Wahrnehmung?“, fragte Mara.

„Beides lässt sich nicht sauber trennen. Verblassen nimmt selten ein ordentlich beschriftetes Stück. Es löst eine Verbindung.“

„Kann die Verbindung dauerhaft fort sein?“

„Ja.“

Die Professorin sagte es ohne Beschönigung. Danach erklärte sie das weitere Vorgehen: erneute Kontrolle am Abend, sofortige Meldung bei Ausweitung, kein alleiniger Weg über die Brücken, solange Mara nicht wusste, ob die Orientierung betroffen war. Mara unterschrieb, dass sie die Anweisungen verstanden hatte. Ada unterschrieb getrennt, dass die gesetzte Störung korrekt beendet worden war.

„Habe ich Ihnen geschadet?“, fragte Mara sie.

Ada prüfte ihren Puls, bevor sie antwortete. „Nein. Sie sind der zweiten Spur gefolgt, aber Sie haben auf meinen Wunsch nach weniger reagiert. Schreiben Sie beides auf.“

Mara tat es. Die Verantwortung wurde dadurch nicht leichter, aber genauer.

Joris wartete vor dem Saal. Mara erzählte ihm nur, dass sie vorübergehend eine Pflanze nicht roch. Er holte Elin, und beide halfen ihr, eine sichere Liste zu schreiben: Name, Aussehen, Verwendung, Warnung. Keine heimliche Behandlung.

„Sumpfminze riecht wie ein nasser Schrank, der glaubt, er sei Tee“, sagte Joris.

Elin verzog das Gesicht. „Das ist nicht fachlich.“

„Aber unvergesslich.“

Mara lachte. Sie roch immer noch nichts.

Auf dem Weg zum Wohnhaus blieb Joris auf jeder Brücke einen halben Schritt hinter ihr. Er griff nicht nach ihrem Arm und fragte nicht dauernd, ob alles in Ordnung sei. An jeder Kreuzung ließ er Mara den Weg nennen. Erst als sie Zimmer einundvierzig ohne Zögern fand, strich er den Punkt Orientierung von der Liste.

Elin stellte Essen auf den Tisch und verdeckte das Kräuterbuch mit einem Tuch.

„Lenne hat Ruhe angeordnet“, sagte sie.

„Ich werde nur meine vorhandenen Notizen sortieren.“

„Das sagst du in demselben Ton, in dem Joris eine Wand nur ansieht.“

Mara wollte ärgerlich werden. Stattdessen setzte sie sich und aß. Der Geschmack war vollständig. Die Suppe enthielt Lorbeer, Pfeffer und eine Spur Rauch. Dass sie diese Dinge wahrnahm, fühlte sich plötzlich nicht selbstverständlich, sondern geliehen an.

Am Abend schlug sie das Kräuterbuch auf. Auf jeder Seite mit Sumpfminze waren die Seitenzahlen dunkler als zuvor. 4, 17, 22, 31.

Lena hatte die Zahlen nicht am selben Tag geschrieben. Manche stammten aus frühen Rezepten, andere aus dem letzten Jahr vor ihrem Verschwinden. Doch ohne den Geruchsausfall hatte Mara nie bemerkt, dass sie ein Muster bildeten.

Sie legte die Seiten in der Reihenfolge aus.

Die Randbemerkungen ergaben vier Wörter:

Archiv. Abgänge. Herbstwoche. Jährlich.

Mara schrieb die Beobachtung auf, bevor Müdigkeit weitere Details nahm.

Sie meldete Professorin Lenne knapp, dass die alten Randmarkierungen während der Ruhezeit deutlicher geworden waren. Eine Deutung fügte sie nicht hinzu. Lenne antwortete nur: Fund sichern, dann schlafen.

Mara legte vier Papierstreifen zwischen die betreffenden Seiten. Kein Zauber, keine erneute Flut. Als sie das Buch schloss, kam für einen Augenblick der Duft des Flussufers zurück, an dem Lena ihr Sumpfminze gezeigt hatte.

Nicht die Pflanze selbst. Nur kaltes Wasser und Lenas nasse Ärmel.

Der Preis ihres Flutzeichens hatte ihr einen Geruch geraubt.

Und genau die Lücke zeigte auf Lenas letzte Untersuchung.