Kapitel 19: Lenas Rezept

Am Morgen roch Sumpfminze noch immer nach nichts.

Mara hielt das Blatt unter die Nase, schloss die Augen und erhielt nur die Erinnerung daran, wie Erinnerung funktionieren sollte. Professorin Lenne hatte recht behalten: Wissen war zurück, der Sinneseindruck nicht.

Sie ging nicht zum Unterricht, bevor sie die angeordnete Ruheprüfung bestanden hatte. Schlaf, Frühstück, Orientierung, drei Namen. Erst danach traf sie Joris und Elin im offenen Lesesaal.

„Vier Zahlen“, sagte Mara. „Vier Randwörter.“

Sie zeigte ihnen die Seiten, ohne das Kräuterbuch aus der Hand zu geben. Elin fotografierte nur die Nummern. Joris schrieb die Wörter ab.

Archiv. Abgänge. Herbstwoche. Jährlich.

„Ein Archivcode?“, fragte er.

Elin prüfte den öffentlichen Katalog. Die vier Zahlen 4-17-22-31 ergaben keine einzelne Akte. In der alten Wortsystematik wurden Codes jedoch nach Flügel, Bestand, Jahr und Position gelesen.

„Vier ist der Wortflügel“, sagte sie. „Siebzehn könnte der Altbestand sein.“

„Zweiundzwanzig ein Jahr?“

„Oder eine Reihe.“

Mara blätterte zu Lenas letztem Rezept. Dort stand eine weitere Zahl, fast im Falz verborgen: 03.

Vor drei Jahren.

Sie gingen zu Yara. Die Professorin hörte zu, ohne die Lösung vorwegzunehmen. „Welche Berechtigung haben Sie?“

„Der Katalog ist öffentlich“, sagte Mara.

„Dann dürfen Sie die Signatur suchen. Nicht automatisch die Akte öffnen.“

Im Katalog führte 4-17 zu Studienverläufen. Reihe 22 enthielt jährliche Abgänge. Position 31 war eine Statistik, kein persönlicher Datensatz.

Mara durfte sie einsehen.

Der Lesesaal für Verwaltungsstatistiken lag über der Namenhalle. Bei jedem Glockenschlag vibrierte der lange Tisch, als läge unter den Papieren ein zweiter, steinerner Puls. Der Archivar brachte ihnen nur die beantragte Mappe und ließ die Quittung offen danebenliegen.

„Keine Einzelkarten“, erinnerte er sie.

„Wir prüfen Summen und Belegstellen“, sagte Elin.

Sie teilten die Arbeit. Joris rechnete jede Jahressumme von Hand nach. Elin verglich die Kategorien mit der jeweils gültigen Prüfungsordnung. Mara suchte nicht nach Lena, sondern nach der Lücke, auf die Lenas Zahlen verwiesen. Das kostete mehr Disziplin, als den Namen auf jeder Seite zu erwarten.

Die Tabelle listete Aufnahme, Abschluss, Wechsel, Krankheit, freiwilligen Austritt und Tod. Jedes Jahr waren die Summen sauber. Zu sauber. Die Zahl der aufgenommenen Studenten entsprach exakt den bekannten Abschlüssen und Abgängen.

„Keine Lücke“, sagte Joris.

„Doch“, sagte Mara.

Sie zeigte auf die fortlaufenden Belegnummern. Vor der Herbstwoche endete eine Reihe mit 1847. Danach begann sie mit 1849. Die Jahressumme enthielt den fehlenden Vorgang, aber Blatt 1848 war nicht als entfernt, gesperrt oder vernichtet gekennzeichnet.

Elin prüfte die Archivordnung des betreffenden Jahres. „Selbst eine geschützte Karte müsste einen Platzhalter haben.“

„Vielleicht ein Nummerierungsfehler“, sagte Joris.

Sie prüften das Vorjahr. Dort fehlte ebenfalls genau eine Nummer. Im Jahr davor noch eine. Die Zahlen wechselten, die Form der Lücke blieb gleich.

In jedem Herbst lag eine Woche ohne Einzelbelege. Die Statistik enthielt eine Summe, aber die zugehörigen Namenkarten sprangen von Montag auf den folgenden Montag. Sieben Tage, in denen angeblich niemand aufgenommen, geprüft, krank oder abgemeldet worden war.

„Die Akademie hat Ferien“, sagte Elin.

„Nicht in dieser Woche.“

Yara bestätigte nur den Kalender. Unterricht, Prüfungen und Wohnbetrieb liefen normal.

Mara verglich drei Jahre. In jeder leeren Woche sank die Zahl aktiver Studenten um eins. Die Jahresstatistik glich den Unterschied später mit einem freiwilligen Austritt aus, aber ohne Name, Antrag oder Ziel.

„Lena“, sagte Mara.

Elin legte den Finger auf die Tabelle. „Möglicherweise in einem Jahr. Was ist mit den anderen?“

Sie zogen zwanzig Jahresübersichten. Immer dieselbe Woche. Immer eine Person weniger. Die Kategorien wechselten: freiwilliger Austritt, Gesundheitsdienst, Familienrückkehr. Nie lag ein vollständiger Beleg dahinter.

Joris rechnete die Summen getrennt. „Zwanzig Personen.“

„Mindestens“, sagte Mara.

Der äußere Ring blieb kühl. Das war keine unmittelbare Magie, sondern Verwaltung.

Yara stellte ihnen keine Namenliste bereit. „Persönliche Akten sind geschützt.“

„Auch wenn die Personen gelöscht wurden?“

„Gerade dann muss jemand verhindern, dass Neugier ihr ganzes Leben öffnet.“

Mara akzeptierte die Grenze. Sie beantragte nur die anonymisierten Austrittsgründe und die Bestätigung, ob zu jeder Position eine Einwilligung vorlag.

Das System antwortete nach wenigen Minuten:

Unterlagen nicht vorhanden.

„Nicht gesperrt“, sagte Elin. „Nicht vorhanden.“

Mara sah in Lenas Kräuterbuch. Der Code hatte nicht zum Namen ihrer Schwester geführt. Er hatte zu einem Muster geführt, das viel größer war.

Joris legte seine Berechnung daneben. „Die Hauptsummen stimmen nur, wenn man jede fehlende Karte als realen Abgang mitzählt.“

„Also wurde der Vorgang nicht einfach vergessen“, sagte Mara. „Jemand hat sein Ergebnis in der Statistik behalten.“

„Oder die Statistik wurde nachträglich angepasst“, sagte Elin.

Sie beantragten die Änderungsprotokolle. Für gewöhnliche Korrekturen erschienen Datum, Stelle und Gegenzeichnung. Bei den zwanzig fehlenden Vorgängen stand jeweils nur Systemübernahme. Das älteste Protokoll benutzte denselben Ausdruck wie das jüngste, obwohl dazwischen zwei Archivsysteme gewechselt hatten.

Mara spürte Kälte in den Fingern. Eine Person konnte eine Karte verstecken. Ein wiederkehrender Vorgang über Jahrzehnte brauchte eine Regel.

Am Rand der Statistik erschien eine alte Prüfnotiz. Sie war so blass, dass nur Mara sie sah:

Wenn jedes Jahr eine Person freiwillig geht, warum erinnert sich niemand an den Abschied?

Die Handschrift war eckig.

Lenas Handschrift.

Mara rief Cassian gemäß ihrer Vereinbarung. Er kam mit einer unabhängigen Archivkraft, prüfte den öffentlichen Fund und ließ die Notiz getrennt kopieren. Auf seiner Kopie blieb sie zunächst sichtbar.

„Sie wusste es“, sagte Mara.

„Sie stellte dieselbe Frage.“

„Und drei Wochen später verschwand sie.“

Cassian sah auf die zwanzig leeren Wochen. „Dann prüfen wir nicht nur einen Familienregisterfehler.“

Er bat den Archivar, die Originalmappe bis zur Verfahrensprüfung gegen Austausch einzelner Blätter zu versiegeln. Der Archivar verlangte dafür eine schriftliche Begründung und eine zeitliche Grenze. Cassian setzte vierundzwanzig Stunden an, nicht unbegrenzt. Yara bestätigte als akademische Zeugin.

Mara strich mit dem Finger über die aktuelle Jahreszeile.

Die Herbstwoche lag sechs Wochen in der Zukunft.

Die Liste dafür war bereits angelegt.