Kapitel 150: Die Feindin des Reiches

Mara ging nicht schneller.

Die Spiegel über der Straße zeigten ihr Gesicht aus der Aufnahme vor der Namenprüfung. Darunter stand Feindin des Reiches. Menschen wichen zurück, andere blieben stehen. Eine Frau faltete hastig den Zettel an ihrem Mantel zusammen, als könnte schon die Nähe zu Mara ihren Namen gefährden.

Zwei Stadtwächter kamen von der Brücke.

Mara hob die Hände, nicht als Unterwerfung, sondern damit sie sahen, dass sie keine Waffe trug. Ihre linke Handfläche lag offen. Der unvollständige silberne Ring schimmerte im grauen Licht.

„Mara Falk“, sagte der ältere Wächter. „Sie sind wegen Gefährdung des Kronenwalls gesucht.“

„Ich gehe zur öffentlichen Kernanhörung.“

„Es gibt keine Kernanhörung.“

„Cassian Dorn hat die Dreihunderterliste beim Rat eingereicht. Seraphine Vael hat ihre Aussage öffentlich abgegeben. Fordern Sie eine Bestätigung auf Papier an.“

Der jüngere Wächter sah zum leeren Namensspiegel. „Unsere Prüfverbindung ist ausgefallen.“

„Dann brauchen Sie Zeugen.“

Hinter Mara trat die ältere Kräuterhändlerin aus der Menge. „Ich bestätige, dass sie freiwillig durch das Markttor kam und niemanden bedroht hat.“

Die jüngere stellte sich daneben. „Ich bestätige ihre Worte im Zollhaus.“

Ein Schreiber aus der Schreibstube hob die gestempelte Kopie. „Ich bestätige den Eingang der Liste.“

Es waren keine Beweise für Maras Unschuld. Nur Grenzen dessen, was hier geschehen war. Der ältere Wächter wirkte, als hätte man ihm den Boden unter einer vertrauten Regel weggezogen.

Der Spiegel wechselte zu Severins Stimme.

„Nehmen Sie die Frau fest.“

Der Befehl trug kein sichtbares Amtssiegel. Auf den königlichen Anzeigen war nur noch das Wappen, weil Severin die Namenfunktion selbst geschlossen hatte.

„Bestätigen Sie Ihre Identität“, verlangte der Wächter vom Spiegel.

Keine Antwort.

Mara spürte den ersten Namen, bevor jemand ihn aussprach. Mira Albrecht. Die verschwundene Wind-Studentin. Der Klang kam aus einer handgeschriebenen Karte am nächsten Brückentisch.

Dann Elias Dorn.

Lena Falk.

Andere folgten. Einige kannte Mara aus Yaras Archiv, andere nicht. Namen, die Menschen auf Zettel geschrieben und in Fenstern befestigt hatten. Namen von Nachbarn, deren Gesichter sie nicht mehr erinnerten. Namen von Verwandten, die angeblich nie existiert hatten.

Zwischen ihnen erschienen gewöhnliche Einträge: der Bäcker, der jeden Morgen die Brücke öffnete; eine Steinmetzin aus dem Südviertel; drei Kinder derselben Familie, die ihre Namen selbst in Kreide schrieben. Sie waren nicht gelöscht. Gerade deshalb waren sie wichtig. Die Stadt verband die Erinnerung an die Verschwundenen mit Menschen, die weiterhin öffentlich bezeugen konnten.

Der silberne Ring in Maras Hand wurde warm.

Sie versuchte nicht, die Stimmen zu verstärken. Sie ließ sie kommen.

Über der Straße begann der erste Spiegel zu flackern. Das königliche Wappen verschwand nicht. Daneben erschien eine Zeile in ungleichmäßiger Schrift: Mira Albrecht, Wind-Studentin, zuletzt gesehen bei der königlichen Prüfung.

Ein zweiter Spiegel zeigte Elias Dorn, zwölf Jahre gelöscht.

Auf einem dritten stand nur ein gewählter Name: Esche.

„Sie greifen die Spiegel an“, sagte der jüngere Wächter.

„Nein“, antwortete Mara. „Die Menschen haben Papier und Stimmen verbunden. Die Spiegel können den Widerspruch nicht mehr ausblenden.“

Die Anzeigen entlang der Brücke füllten sich. Nicht alle Einträge waren vollständig. Bei manchen stand ein Fragezeichen, bei anderen zwei widersprüchliche Jahre. Die Stadt sah keine perfekte Wahrheit. Sie sah, wie viele Lücken nötig gewesen waren, damit das königliche Wappen allein bleiben konnte.

Mara half keiner der unbekannten Personen bei einer Wiederherstellung. Ein öffentlicher Hinweis war keine Zustimmung und ein Name auf Glas keine Rückkehr in ein früheres Leben. Ihr Ring hörte nur die Verbindungen, die andere freiwillig zwischen Papier, Stimme und eigener Erinnerung herstellten.

Der ältere Wächter senkte die Hand.

„Ich habe keinen bestätigten Haftbefehl“, sagte er langsam. „Aber ich kann Sie nicht passieren lassen.“

„Dann protokollieren Sie die Sperre.“

Der Schreiber reichte ihm Papier.

Noch bevor er schreiben konnte, kam aus dem Ratsviertel die öffentliche Glocke. Einmal für eine eingereichte Notpetition. Zweimal für eine bestrittene königliche Maßnahme. Beim dritten Schlag öffneten sich die Seitentore zur unteren Brücke.

Cassian hatte die Anhörung nicht erzwungen. Er hatte erreicht, dass der Rat ihr Vorliegen nicht mehr leugnen konnte.

Mara ging nicht durch die Reihe der Wächter. Sie nahm das offene Seitentor, das für alle Petitionsbeteiligten galt. Die Kräuterhändlerinnen blieben zurück; ihre Zustimmung reichte nicht weiter als bis hier.

Auf der anderen Seite wartete kein sicherer Weg. Über den Dächern zitterte der Kronenwall, und Severins Fahndungsbild erschien weiterhin zwischen den Namen.

Mara zog die Kapuze nicht wieder hoch.

Sie prüfte die drei Grenzstimmen in ihrer Tasche. Keine war verblasst. Hinter ihr setzte der Wächter seine Unterschrift unter die protokollierte Sperre und deren Aufhebung durch die Petitionsglocke. Auch ein gescheiterter Befehl hinterließ nun eine Akte.

Als sie die Brücke betrat, hörte sie nicht nur die Gelöschten.

Tausende gewöhnliche Namen antworteten ihnen.