Am Morgen trug Veyra Papier.
Zettel hingen an Mantelkragen, Körben und Türen. Manche waren ordentlich mit Zunftstempel und zwei Zeugennamen versehen. Andere bestanden aus einem Stück Verpackung, auf das jemand nur Vorname und Straße geschrieben hatte. Überall standen die dunklen Namensspiegel und zeigten das königliche Wappen.
Mara ging durch das Apothekerviertel, ohne ihre Fahndungsbilder zu beachten. Die Menschen erkannten sie trotzdem. Einige wechselten die Straßenseite. Ein Mann stellte sich vor seine Tochter, obwohl Mara weder die Hand hob noch den silbernen Ring zeigte.
An der siebten Brücke stockte die Menge.
Die Papierkontrolle hatte zwei Frauen mit demselben Namen erfasst. Beide hießen Alva Kern, beide arbeiteten in einer Färberei, und ihre bisherigen Spiegelzeichen unterschieden sich nur durch eine Zahl, die nun nicht angezeigt wurde. Der Wächter erklärte, eine müsse warten, bis das königliche System zurückkehrte.
„Warum eine?“, fragte Mara.
Er erkannte sie und griff nach seiner Pfeife.
Die ältere Alva stellte sich dazwischen. „Beantworten Sie die Frage.“
Die jüngere zog einen Arbeitszettel hervor. Darauf standen Schichtzeit, Vorarbeiterin und drei Kolleginnen. Die ältere hatte eine Mietquittung und einen Nachbarn als Zeugen.
„Wir sind beide prüfbar“, sagte sie.
Der Wächter sah auf die wachsende Schlange. Er ließ beide mit unterschiedlichen Papiervermerken passieren. Keine magische Entscheidung war nötig gewesen, nur mehr Arbeit und die Bereitschaft, zwei ähnliche Menschen nicht in einen Datensatz zu pressen.
Hinter den beiden Frauen wartete ein Mann ohne bürgerlichen Namen. Auf seinem Zettel stand nur der gewählte Rufname Kiefer und das Zeichen der Namenlosen-Abstimmung. Der Wächter verlangte ein Geburtsregister.
„Das gibt es nicht mehr“, sagte Kiefer.
Mara griff nicht ein. Esche, die wenige Plätze weiter hinten stand, trat als Zeugin vor. Sie bestätigte, dass Kiefer seit elf Jahren im Unterarchiv unter diesem Rufnamen lebte. Ein Grenzbote bestätigte seine Teilnahme an der Abstimmung.
„Das beweist nicht, wer er vorher war“, sagte der Wächter.
„Das will ich nicht beweisen“, antwortete Kiefer. „Ich will unter dem Namen durchgehen, den ich heute benutze.“
Der Wächter schuf einen vorläufigen Eintrag. Gewählter Name, Herkunft ungeprüft, zwei aktuelle Zeugen. Kiefer durfte passieren, ohne eine frühere Identität zu erfinden.
Mara folgte ihnen über die Brücke.
Auf dem Marktplatz hatte eine Gruppe ehemalige Namensschreiber Tische aufgestellt. Sie boten kostenlose Abschriften an. Daneben verlangte ein Händler drei Silberstücke für einen angeblich sicheren Identitätsstein. Mara hörte keinen Namen darin.
„Der Stein ist leer“, sagte sie.
Der Händler zog ihn zurück. „Sie dürfen hier gar nicht sein.“
„Das ändert den Stein nicht.“
Eine Wartende bat um Prüfung. Mara lehnte es ab, jede Ware mit dem achten Ring zu kontrollieren. Stattdessen zeigte eine Wort-Schreiberin, wie sich die Serienzeichen mit dem öffentlichen Herstellerregister vergleichen ließen. Der Stein war dort nicht verzeichnet.
„Wenn die Spiegel zurückkehren, braucht niemand diese Zettel mehr“, sagte der Händler.
Die Schreiberin schüttelte den Kopf. „Dann wissen wir wenigstens, was die Spiegel vorher für uns getan haben.“
Mara ging weiter. Sie sah die Last dieser neuen Ordnung. Alte Menschen mussten Erinnerungen wiederholen, Arbeiter verpassten Schichten, und Menschen ohne bekannte Nachbarn standen länger an den Tischen. Die leeren Spiegel machten die Stadt nicht automatisch gerecht. Sie zeigten nur, welche Ungleichheit vorher als reibungslose Magie erschienen war.
Vor Yaras Archivhaus zog sich eine Schlange bis in die Nebengasse. Menschen brachten Namen von Verschwundenen, aber auch Belege für die eigene Identität. Freiwillige trennten beides sorgfältig. Niemand sollte bei der Suche nach Gelöschten selbst aus den täglichen Abläufen fallen.
Mara half einer Frau, drei durchnässte Briefe zu trocknen. Das Flutzeichen konnte Feuchtigkeit aus dem Papier ziehen, doch nach zwei Seiten begann ihr Geruchssinn zu schwinden. Sie hörte auf und übergab die Arbeit einer zweiten Apothekerin.
Bevor sie weiterging, trug sie die eigene Überlastung in die Tagesliste ein. Dauer, verlorener Geruchssinn, Zeitpunkt der Pause. Die Apothekerin setzte ihr Zeichen daneben. Wenn Mara später erklärte, die neue Ordnung müsse Belastungen sichtbar machen, sollte ihre eigene nicht zu einer Heldengeschichte verschwinden.
„Sie sind Mara Falk“, sagte die Frau.
„Ja.“
„Mein Bruder ging vor neun Jahren an die Akademie. Ich weiß seinen Namen nicht mehr.“
Mara öffnete nicht sofort ihre Hand. „Was wissen Sie noch?“
„Er schnitt Brot zu dünn. Er konnte keine roten Socken leiden. Und er pfiff, wenn er log.“
„Schreiben Sie das auf. Ein Name kann später geprüft werden. Diese Dinge gehören bereits zu Ihrer Erinnerung.“
Die Frau setzte sich an einen Tisch.
Mara sah zu, wie sie jedes Detail auf eine eigene Karte schrieb. Die Schreiberin fragte nicht nach einem dramatischen letzten Abschied. Sie fragte nach Datum, Ort und wer die Erinnerung noch teilen konnte. Aus Trauer wurde kein Beweis, aber sie wurde auch nicht mehr als bedeutungslos abgewiesen.
Über ihnen sprang ein Namensspiegel an. Für einen Herzschlag zeigte er nicht das Wappen, sondern eine lange Reihe leerer Felder. Dann wurde er wieder dunkel.
Die Menschen auf dem Platz wichen nicht auseinander.
Sie lasen ihre Zettel weiter laut vor.
