Kapitel 15: Der vierte Schatten

Der vierte Faden verschwand, sobald jemand die Tür öffnete.

Mara, Elin und Joris ließen die Gruppenkarte trotzdem liegen. Sie markierten ihre eigenen Positionen, die Lichtrichtung und den Abstand zum leeren Platz. Erst danach riefen sie Yara und Cassian.

„Keine Namen“, sagte Elin, als Cassian eintrat. „Wir haben nur eine vierte koordinierte Position.“

„Das ist überraschend vorsichtig“, sagte er.

„Ich lerne.“

Cassian prüfte die Karte, ohne seine eigene Resonanz einzuspeisen. Der vierte Faden kehrte nicht zurück. Im Speicher blieb jedoch eine zusätzliche Last von genau neun Herzschlägen.

„Wir müssen die Route nachstellen“, sagte Mara.

„Nicht im geschlossenen Prüfungsraum“, erwiderte Cassian.

„Im Modellsaal“, schlug Joris vor. „Keine wechselnden Böden, keine fremden Stimmen.“

Der Ausschuss erlaubte eine Rekonstruktion unter offenen Bedingungen. Joris baute die Wände mit kleinen Steinen nach. Elin setzte goldene Fäden für jede Koordination. Mara legte an jede Stelle eine Karte, an der sie ein Echo gehört hatte.

Die erste vierte Spur erschien dort, wo Maras Mutter sie nach links gerufen hatte.

Die zweite an der falschen Tür.

Die dritte während der verlorenen Minute.

„Vielleicht ist es immer dieselbe Person“, sagte Joris.

„Oder dieselbe Lücke“, sagte Cassian.

Mara nahm das Kräuterbuch. Lenas Zeichen unter der Brücke hatte eine gespeicherte Erinnerung geöffnet. Im Prüfungsraum hatte das Echo die Form einer Person angenommen.

„Lena war hier“, sagte sie.

Cassian korrigierte sie nicht sofort. „Eine gelöschte Bewegung kann geblieben sein, wenn der Name entfernt wurde.“

„Sie glauben also, dass jemand gelöscht wurde.“

„Ich halte eine solche Manipulation für prüfbar.“

Das war weiter, als er bisher gegangen war.

Elin setzte ihre Krone erneut ein. Diesmal koordinierte sie nur Mara und Joris. Der vierte Faden erschien trotzdem, aber nicht dort, wo sie Lena vermuteten. Er führte entlang der rekonstruierten Wand und endete an einer Stelle, an der der Prüfungsraum laut Plan massiv sein sollte.

Joris maß die Abstände. „Die Außenwand ist im Plan einen Schritt dicker als im Raum.“

„Ein Versorgungsschacht?“, fragte Mara.

„Oder eine alte Tür.“

Yara kam am späten Nachmittag mit zwei Kartenrollen. Sie legte den heutigen Bauplan neben einen alten, dessen Papier an den Kanten braun geworden war.

Im neuen Plan verlief die Wand durchgehend.

Im alten lag dahinter eine schmale Treppe.

„Wohin führt sie?“, fragte Mara.

„Die untere Beschriftung wurde entfernt.“

Nicht verblasst. Aus dem Papier war ein rechteckiger Streifen geschnitten worden.

Cassian ließ die Pläne als Beweis sichern. „Wir öffnen keine Wand aufgrund einer Rekonstruktion.“

„Was brauchen Sie?“

„Eine Bauprüfung, Eigentümerzustimmung und einen Sicherheitsplan.“

Mara stöhnte. „Bis dahin ist die Treppe vermutlich verschwunden.“

„Dann dokumentieren wir zuerst, dass sie existiert hat.“

Joris zeigte auf kleine Zeichen im Mauerverlauf. „Diese Kerben sind Steinmetzmarken. Wenn ich sie im Prüfungsraum finde, kann ich bestätigen, dass die Wand zum alten Bau gehört.“

Der Ausschuss erlaubte eine Sichtprüfung am nächsten Morgen. Keine Öffnung, nur Vergleich.

Bei Tageslicht kehrten sie in den Prüfungsraum zurück. Joris arbeitete mit einem Akademiesteinmetz, nicht allein. Beide fanden die alten Marken an der vermeintlich massiven Wand. Eine gehörte zum ursprünglichen Tragwerk, eine zweite zu einer späteren Verschließung.

„Die Fuge ist älter als die letzte Renovierung“, sagte der Steinmetz. „Aber jünger als der Raum.“

„Kann dahinter eine Treppe liegen?“, fragte Mara.

„Kann. Auch ein verfüllter Schacht oder gar nichts, falls der Plan nie ausgeführt wurde.“

Joris klopfte an drei genehmigten Punkten. Der mittlere Ton war hohl. Er widerstand sichtbar dem Wunsch, einen vierten Punkt zu prüfen, der außerhalb der Erlaubnis lag.

Cassian ließ die Feststellung aufnehmen und beantragte eine Bauöffnung mit unabhängiger Sicherung. Die Akademieverwaltung setzte eine Frist von drei Tagen. Mara protestierte, doch Yara erinnerte sie daran, dass eine falsch geöffnete Tragwand den Raum über ihnen gefährden konnte.

Elin legte ihre Kronenhand an die Wand, ohne Kraft einzuspeisen. „Der vierte Faden endet hier.“

Diesmal sahen die anderen nur ihre Aussage, nicht den Faden. Sie nahmen ihn als getrennte Beobachtung auf.

Mara kehrte mit Elin ins Zimmer zurück. Hinter dem Schrank waren L. F. noch sichtbar. Sie legte die Skizze neben den alten Plan. Die Buchstaben passten nicht zur abgeschnittenen Beschriftung, aber die Höhe der fehlenden Treppe endete ungefähr unter ihrem Wohnflügel.

„Wenn Lena hier wohnte und dieselbe Treppe benutzte“, sagte Mara, „könnte ihr Bewegungsecho in beiden Räumen geblieben sein.“

Elin setzte sich auf ihr Bett. „Sie bauen schon wieder eine ganze Geschichte.“

„Eine Hypothese.“

„Sie klingen besser, wenn Sie Yaras Wörter benutzen.“

Am Abend klopfte Yara. Sie kam allein und trug keine amtliche Mappe.

„Der alte Plan darf den Archivraum morgen nicht verlassen“, sagte sie. „Diese Kopie ist eine Lehrkarte, keine Beweisakte.“

Sie reichte Mara eine dünne, handgezeichnete Übersicht der unteren Akademieebenen. Mara sah Treppen, Versorgungsgänge und mehrere zugemauerte Räume.

„Wo ist der Eingang?“, fragte sie.

„Auf dieser Karte nicht.“

„Dann wozu?“

Yara zeigte auf sieben kleine Türzeichen. Keines war mit einem Korridor verbunden.

„Weil ein Eingang nicht immer als Ort erhalten bleibt. Manchmal bleibt nur die Handlung, die ihn geöffnet hat.“

„Warum helfen Sie mir?“

Yara sah auf das Kräuterbuch. „Weil eine Studentin vor drei Jahren dieselbe Frage stellte. Und weil ich ihr zu spät antwortete.“

Mara wollte den Namen hören, doch Yara ging bereits zur Tür.

Auf der Rückseite der Karte stand ein einziger Satz:

Jeder gelöschte Name hinterlässt eine Tür.