Die erste Treppe war neun Stufen zu kurz.
Mara zählte dreimal. Vom Wortsaal bis zum östlichen Innenhof führte sie laut Bauplan über zwei volle Geschosshöhen. Tatsächlich endete sie nach einunddreißig Stufen auf einem Absatz, der außen einen Meter tiefer liegen musste.
„Vielleicht sind Akademiestufen größer“, sagte Joris.
„Dann müsste ich müder sein.“
Er maß mit einer Schnur nach. Joris kannte Treppen nicht aus Lehrbüchern. Seine Familie baute Häuser, Werkhallen und Brückenlager. Er prüfte Steigung, Wanddicke und die Höhe der Fenster.
„Sie hat recht“, sagte er schließlich. „Zwischen diesem Absatz und dem Hof fehlt fast ein halbes Geschoss.“
Elin hielt die alte Karte Yaras gegen den aktuellen Wegeplan. „Ein halbes Geschoss ist keine ganze unterirdische Ebene.“
„Noch nicht“, sagte Mara.
Sie untersuchten nur öffentlich zugängliche Wege. Keine verschlossenen Türen, keine Wartungsgänge. Jede Messung bekam Datum und zwei Unterschriften. Elin bestand darauf, auch gewöhnliche Abweichungen einzutragen: nachträglich erhöhte Böden, dickere Gewölbe, Versorgungsschächte.
„Wenn wir alles geheim nennen, beweisen wir nur, dass Gebäude alt sind“, sagte sie.
Am Nordflügel fehlten zwölf Stufen. Beim Kronenhaus stimmte die Höhe genau. Die Westtreppe über dem Speisesaal verlor erneut fast ein Geschoss.
Die Abweichungen bildeten keine durchgehende Ebene. Sie lagen wie Inseln unter den ältesten Gebäudeteilen.
Joris zeichnete Querschnitte. „Wenn dort Räume sind, wurden sie beim Umbau getrennt. Keine normale Treppe verbindet sie.“
Mara legte Yaras Karte daneben. Die sieben Türzeichen lagen genau an diesen Inseln.
„Eingänge ohne Wege“, sagte sie.
„Oder Notausgänge, die nie gebaut wurden“, sagte Elin.
Am Nachmittag kamen sie zu Zimmer einundvierzig zurück. Die Treppe im Wohnhaus war besonders auffällig. Zwischen dem dritten und vierten Stock lag außen eine Reihe schmaler Fenster, innen jedoch nur Mauer.
Joris stellte sich mit dem Rücken an die Wand und lauschte. „Hohlraum.“
„Wie groß?“
„Ohne Öffnung nicht zu sagen.“
Mara sah zum Schrank. Hinter ihm standen L. F. Wenn eine frühere Treppe unter dem Zimmer geendet hatte, konnte Lena von hier aus einen Zugang gekannt haben.
„Wir beantragen eine Bauprüfung“, sagte Elin.
„Die Verwaltung hat für die Prüfungswand drei Tage angesetzt.“
„Dann stellen wir einen zweiten Antrag. Heimlich messen beschleunigt nichts.“
Mara wollte widersprechen. Stattdessen dachte sie an die falsche Tür und den schwarzen Schacht. Ein verborgener Raum war kein Grund, eine tragende Wand aufzubrechen.
Sie reichten den Antrag gemeinsam ein.
Der Schreiber der Bauverwaltung nahm ihn nicht sofort an. Er strich mit einem dicken Finger über Joris’ Querschnitt und erklärte, Höhenunterschiede in einem dreihundert Jahre alten Gebäude seien kein Mangel.
„Das haben wir auch nicht behauptet“, sagte Elin. „Wir beantragen eine zerstörungsfreie Prüfung.“
„Wegen einer alten Karte ohne Archivnummer?“
Joris schob seine Messreihe vor. „Wegen drei voneinander unabhängiger Abweichungen. Die Karte ist nur eine mögliche Erklärung.“
Der Schreiber wollte die Zuständigkeit an das Wohnamt abgeben. Elin fand auf der Rückseite des Formulars die Klausel für tragende Bauteile und las sie vollständig vor. Erst dann setzte er den Eingangsstempel. Als Prüfdatum trug er den übernächsten Morgen ein und gab ihnen eine Kopie.
„Keine Wand wird vorher berührt“, sagte er.
„Das stand bereits in unserem Antrag“, erwiderte Mara.
Auf dem Rückweg gingen sie noch einmal an der Wohnhausmauer entlang, diesmal draußen. Unter den schmalen Fenstern verlief ein Streifen älteren Mörtels. Joris hielt die Hand davor, ohne ihn anzufassen.
„Hier war einmal eine Öffnung“, sagte er. „Später geschlossen. Man erkennt die andere Steinsetzung.“
Mara stellte sich auf die gegenüberliegende Seite des Hofes. Von dort bildeten die Fenster, der Mörtelstreifen und Zimmer einundvierzig eine senkrechte Linie. Sie erinnerte sich an Lenas Angewohnheit, Wege nicht mit Richtungswörtern zu beschreiben, sondern mit Gerüchen: Seife beim Waschraum, heißer Staub beim Ofen, Minze am Fenster.
„Wenn Lena die Treppe benutzt hat, musste sie an unserem Zimmer vorbei“, sagte sie.
Elin korrigierte ruhig: „Wenn diese Öffnung eine Treppe war. Und wenn L. F. wirklich Lena bedeutet.“
Mara schrieb beide Vorbehalte an den Rand. Die Einschränkungen machten den Gedanken nicht kleiner. Sie hielten ihn nur davon ab, zur Erinnerung zu werden, bevor er bewiesen war.
Am Abend kontrollierte Mara ihre Notizen im Innenhof. Sie spürte einen Blick und sah Cassian unter dem Bogengang stehen. Er hatte sie und Joris am Vormittag beim Messen beobachtet; das erkannte sie an der Position seiner Protokolltasche und dem Kreidestaub, der noch an seiner Schuhspitze haftete.
„Haben Sie uns verfolgt?“, fragte sie.
„Ich ging denselben öffentlichen Weg.“
„Mit einem Maßstab?“
Er zog tatsächlich einen zusammenklappbaren Maßstab aus der Tasche. „Ich prüfte die Abweichung getrennt.“
„Und?“
„Die Osttreppe ist elf Komma acht Stufenhöhen zu kurz, wenn man den Durchschnitt des Gebäudes zugrunde legt.“
Joris, der gerade aus der Tür kam, lächelte. „Neun echte Stufen. Elf Komma acht durchschnittliche. Ich akzeptiere beides.“
Mara wartete auf die Meldung. „Warum haben Sie uns nicht aufgehalten?“
„Sie haben keine Grenze überschritten.“
„Warum haben Sie es nicht gemeldet?“
Cassian sah zur Mauer. „Eine Bauabweichung ist noch keine illegale Siegelhandlung. Mein Auftrag betrifft Ihre Resonanz, nicht jede Treppe.“
„Severin möchte sicher gern wissen, was wir suchen.“
„Das ist kein rechtlicher Grund.“
Mara wusste nicht, ob sein Schweigen Schutz oder nur korrektes Zögern war. Sie wollte ihm keine edlere Motivation schenken, als er selbst behauptete.
Cassian reichte Joris seine Messwerte. „Nehmen Sie sie in den Antrag auf. Mit Herkunft.“
„Ihre Herkunft bedeutet, dass die Verwaltung den Siegelrichter sieht und schneller handelt“, sagte Mara.
„Dann vermerken Sie, dass ich erst nach Einreichung gemessen habe. Ich werde keine Priorität verlangen.“
„Und wenn die Prüfung den Hohlraum bestätigt?“
„Dann gibt es einen baulichen Befund. Über einen Zugang entscheidet die zuständige Stelle, nicht ich.“
Seine Antwort war frustrierend, gerade weil sie keinen Angriff bot. Mara notierte sie wörtlich. Wer auf Verfahren bestand, musste später daran gemessen werden können.
Dann ging er.
Elin kam aus dem Zimmer und sah ihm nach. „Ein königlicher Richter, der wartet.“
„Vorläufig“, sagte Mara.
In dieser Nacht legte sie Yaras Karte unter das Kräuterbuch. Der silberne Ring blieb ruhig, bis die Mitternachtsglocke erklang.
Dann erschienen auf der Karte zwischen den sieben Türen schmale Linien.
Keine führte zu einem Eingang.
Alle führten tiefer hinab.
