Kapitel 14: Elins Verdacht

Elin reichte ihren Antrag auf Gruppenwechsel vor dem Frühstück ein.

Mara erfuhr davon, weil die Wohnanzeige an der Tür ihre gemeinsamen Prüfungstermine löschte. Elin stand bereits im Mantel neben dem Fenster.

„Sie hätten es mir sagen können.“

„Der Antrag betrifft meine Teilnahme.“

„Und meine Gruppe.“

„Noch ist er nicht entschieden.“

Mara setzte Wasser auf. Sie würde Elin nicht bitten zu bleiben. Vertrauen, das nur unter Druck entstand, war für eine Prüfung mit veränderlichen Wänden wertlos.

„Was ist Ihre Begründung?“

„Ungeklärte Resonanz, unvollständige Offenlegung und ein externes Ermittlungsinteresse.“

„Sie meinen mich.“

„Ich meine die Lage.“

Elin strich ihre Decke glatt, obwohl sie längst glatt war. „Sie hören Stimmen, sehen Türen und lösen Ausfälle aus. Danach erwarten Sie, dass wir Ihre Schwester als Erklärung akzeptieren.“

„Ich erwarte, dass Sie aufschreiben, was Sie selbst gesehen haben.“

„Ich sah eine vierte Person.“

Die Worte kamen zu schnell.

Mara stellte den Becher ab. „Im Raum ohne Norden?“

Elin schwieg.

„Sie haben in Ihrem Protokoll nur Licht erwähnt.“

„Weil ich nicht sicher war.“

„Und jetzt?“

Elin löste den Kronenverschluss an ihrem Ärmel. Darunter verlief eine rote Druckstelle. „Als ich die Koordination beendet habe, blieb ein vierter Faden bestehen. Er führte zu jemandem zwischen Ihnen und der falschen Tür.“

„Wie sah die Person aus?“

„Gar nicht. Wie ein Schatten, den der Raum vergessen hatte.“

Mara setzte sich. Das Wasser kochte, doch keine von ihnen goss es auf.

„Warum wollen Sie dann wechseln?“

„Weil Sie vielleicht wussten, dass er erscheint.“

„Wusste ich nicht.“

„Das sagen Sie.“

„Dann gehen Sie.“

Elin blinzelte.

„Ich werde Sie nicht überzeugen, sich einer Gefahr auszusetzen“, sagte Mara. „Geben Sie Ihre Bildplatte und das freie Protokoll an die Prüfungsstelle. Wenn eine andere Gruppe Sie aufnimmt, widerspreche ich nicht.“

„Sie machen es sich leicht.“

„Nein. Ich lasse Ihnen die Wahl.“

Joris traf sie eine Stunde später vor dem Prüfungsausschuss. Er hatte den Wechselantrag ebenfalls erhalten und keine Einwendung eingereicht.

„Wir brauchen dann eine neue Person“, sagte er.

„Wenn jemand will.“

„Sie sind beide schrecklich vernünftig. Das macht mich nervös.“

Der Ausschuss hörte Elin getrennt an. Yara leitete die Sitzung nicht, weil sie bereits als Zeugin beteiligt war. Zwei andere Lehrkräfte prüften, ob ein Wechsel die Sicherheit verbesserte oder nur Informationen auseinanderzog.

Elin legte die Bildplatte vor. Auf der Aufnahme des Prüfungsraums standen Mara, Joris und Elin am Ausgang. Hinter Mara lag ein vierter, schmaler Schatten.

Doch niemand war da, der ihn hätte werfen können.

Die technische Prüferin vergrößerte das Bild. „Kann eine Kronenkoordination einen Nachlauf erzeugen?“

„Für zwei oder drei Herzschläge“, sagte Elin. „Nicht außerhalb meines Fadens.“

„Haben Sie die vierte Position bewusst koordiniert?“

„Nein.“

„Hat Frau Falk Sie darum gebeten?“

„Nein.“

Der Ausschuss vertagte die Entscheidung. Bis dahin durfte die Gruppe keine weitere geschlossene Kammer betreten.

Die Vorsitzende erklärte Elin, ein Wechsel könne ihre Wahrnehmung nicht ungeschehen machen. Wenn die vierte Position an Mara gebunden war, musste eine neue Gruppe dieselbe Gefahr neu kennenlernen. Wenn sie zur Kammer gehörte, war Elins Kronenzeichen gerade eine wichtige Messquelle.

„Sie müssen trotzdem nicht bleiben“, sagte die Vorsitzende. „Sicherheit ist kein Argument, Sie zur Teilnahme zu verpflichten.“

Elin bat um zehn Minuten Bedenkzeit. Im Korridor ging sie bis zum Fenster und zurück. Mara sah, wie oft sie dabei das Sorelwappen an ihrem Ärmel berührte.

„Meine Familie erwartet, dass Krone Probleme ordnet“, sagte Elin schließlich. „Nicht, dass ich vor einem Schatten die Gruppe wechsle.“

„Dann bleiben Sie nicht für Ihre Familie.“

„Sie machen jede Entscheidung absichtlich unbequem.“

„Nur die, bei denen jemand anderes schon eine passende Antwort vorbereitet hat.“

Elin sah wieder zur Tür. „Ich bleibe, wenn die zusätzliche Bedingung aufgenommen wird. Und wenn meine Aussage über den vierten Faden unverändert im Protokoll steht.“

Mara sagte nicht, sie sei stolz auf sie. Elin brauchte keine Belohnung von einer Frau, der sie noch immer misstraute. Die protokollierte eigene Entscheidung war genug.

Mara hätte erleichtert sein können. Stattdessen ärgerte sie sich darüber, dass ausgerechnet Elins Verdacht einen Beweis geschaffen hatte.

Vor dem Saal hielt Elin sie zurück. „Ich bleibe bis zur Entscheidung im Zimmer.“

„Der Wohnvertrag war nicht Teil des Antrags.“

„Ich wollte nur klarstellen, dass ich nicht fliehe.“

„Sie schulden mir keine Tapferkeit.“

Elin presste die Bildplatte an sich. „Und Sie schulden mir keine moralische Lektion.“

Joris stellte sich zwischen sie, ohne eine anzufassen. „Vielleicht schulden wir einander Mittagessen. Danach können Sie weiter korrekt streiten.“

Sie gingen tatsächlich gemeinsam. Das Gespräch blieb vorsichtig. Elin erklärte, ihr Kronenzeichen habe während der ersten Aufnahmezeremonie nicht nur auf Maras Ring reagiert. Für einen Herzschlag habe es versucht, acht statt sieben Positionen zu koordinieren.

„Warum haben Sie das nicht gemeldet?“, fragte Mara.

„Weil acht Positionen nicht existieren.“

„Das ist in dieser Akademie eine häufige Begründung.“

Am Nachmittag zog Elin den Gruppenwechsel zurück. Nicht weil sie Mara nun glaubte. Sie ergänzte stattdessen eine neue Bedingung: Jede Wahrnehmung einer vierten Position musste sofort laut genannt werden.

Mara unterschrieb.

Joris ebenfalls.

Als Elin ihre Krone auf die Gruppenkarte legte, erschienen drei goldene Fäden.

Dann ein vierter.

Er führte zu dem leeren Platz neben Mara.

Elin sah ihn diesmal ohne jedes Zögern offen an.

„Da steht jemand“, sagte sie.

Diesmal widersprach Mara ihr nicht sofort.