Kapitel 9: Der Montag ohne Gehalt

Eva hatte am Montag gearbeitet, aber sie konnte sich am Dienstag an keinen einzigen erledigten Vorgang erinnern.

Das war ungewöhnlich.

Normalerweise wusste sie am Abend noch, welche Schichtzulage falsch berechnet worden war, welcher neue Fahrer seine Steuermerkmale zu spät eingereicht hatte und bei wem eine Krankmeldung fehlte. Zahlen hinterließen bei ihr kleine Haken im Gedächtnis.

An diesem Dienstag hinterließ nur ein Name einen Haken.

Keller Wohnbau.

Um zehn Uhr öffnete Eva in ihrer Pause die vollständigen Anhänge, die die Nordbank inzwischen bereitgestellt hatte. Sie verwendete ihren privaten Laptop im Pausenraum und nicht das HanseKontor-System. Auf dem Bildschirm erschienen achtundvierzig Seiten Finanzierungsunterlagen.

Sie suchte nach ihrem Namen.

Dreizehn Treffer.

Auf Seite vier stand sie als Finanzleiterin. Auf Seite elf als Ansprechpartnerin für Personalaufwand. Auf Seite achtundzwanzig als elektronische Freigeberin. Seite zweiunddreißig enthielt einen Lebenslauf.

Eva las ihn zweimal.

Die ersten drei Zeilen waren echt. Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Weiterbildung zur geprüften Entgeltabrechnerin. Seit zwölf Jahren bei HanseKontor Logistik.

Danach begann ein anderes Leben.

Seit fünf Jahren Finanzleiterin der Keller Wohnbau GmbH. Verantwortung für Projektfinanzierung, Personal und Liquiditätsplanung. Handlungsvollmacht für Bankgeschäfte bis 500.000 Euro.

Jemand hatte ihre echten Qualifikationen benutzt, um die erfundene Position glaubwürdig zu machen.

Die Angaben waren nicht besonders geschickt. Eine Handlungsvollmacht dieser Größe musste sich in internen und teilweise externen Unterlagen spiegeln. Eva tauchte auf keiner öffentlichen Unternehmensseite auf. Im Handelsregister war sie nicht als Prokuristin eingetragen. Ein sorgfältiger Prüfer hätte Fragen stellen müssen.

Vielleicht hatte jemand Fragen gestellt.

Vielleicht hatte Daniel sie beantwortet.

Eva speicherte die Datei auf ihrem privaten Datenträger. Dann schrieb sie eine Liste:

Wer erstellte den Lebenslauf?

Welche Nachweise erhielt die Bank?

Welche E-Mail-Adresse wurde benutzt?

Wer bestätigte die Handlungsvollmacht?

„Alles in Ordnung?“

Eva klappte den Laptop halb zu.

Ihre Kollegin Sabine stand in der Tür, eine Tasse in der Hand.

„Ja.“

Das Wort kam automatisch. Eva korrigierte sich.

„Nein. Aber es betrifft meine private Situation.“

Sabine setzte sich ihr gegenüber. „Musst du nach Hause?“

„Noch nicht.“

„Bist du sicher?“

Eva war sich bei fast nichts sicher. Bei den Lohnläufen schon.

„Die Zahlungen müssen heute raus.“

Sabine betrachtete sie. „Dann machen wir die Vier-Augen-Prüfung diesmal besonders langsam.“

Keine Neugier. Kein Drängen. Nur ein konkretes Angebot.

Eva nickte. „Danke.“

Zurück am Arbeitsplatz kontrollierte sie die Zahlungsliste gemeinsam mit Sabine. Zweihundertneunundachtzig Beschäftigte. Zwei Korrekturen. Keine Verbindung zu Daniel.

Kurz vor Mittag rief Tobias Rehm an. Eva kannte ihn nicht persönlich; Jana hatte eine Liste unabhängiger Beratungsstellen genannt, und Nora hatte über ihre Rechtsschutzversicherung einen ersten Termin angefragt.

„Frau Keller, Frau Brandt hat zugestimmt, dass ich Sie wegen der Bankunterlagen kontaktiere. Passt es gerade?“

„Fünf Minuten.“

„Dann kurz: Unterschreiben Sie nichts, auch keine scheinbare Empfangsbestätigung mit zusätzlichen Erklärungen. Bestreiten Sie die Verpflichtung weiter schriftlich. Und sammeln Sie Belege zu Ihrer tatsächlichen Beschäftigung.“

„Arbeitsvertrag, Abrechnungen, Organigramm?“

„Ja. Aber nehmen Sie keine internen Unterlagen mit, zu deren Verwendung Sie nicht berechtigt sind.“

„Das hatte ich nicht vor.“

„Gut. Ich sage es trotzdem.“

Eva mochte ihn dafür.

„In den Bankunterlagen steht, ich hätte Handlungsvollmacht für Keller Wohnbau.“

„Sind Sie dort jemals beschäftigt gewesen?“

„Nein.“

„Haben Sie für die Firma beraten, unterschrieben oder eine Vollmacht übernommen?“

„Nein.“

„Dann ist die falsche Berufsbezeichnung ein wichtiger objektiver Widerspruch.“

Eva blickte auf die Lohnliste vor sich. „Der Lebenslauf enthält meine echten Daten.“

„Das zeigt Zugang zu Informationen, noch nicht die Person, die ihn erstellt hat.“

„Sie klingen wie Frau Mertens.“

„Das fasse ich als Kompliment auf.“

Nach dem Gespräch öffnete Eva die Metadatenansicht der PDF-Datei. Sie erwartete nicht, einen Täter in einem Autorenfeld zu finden. Solche Felder ließen sich ändern. Trotzdem dokumentierte sie, was vorhanden war.

Erstellt von: HK-FIN-02.

Geändert von: DKELLER.

HK konnte für HanseKontor stehen. Oder für Helene Keller. Oder für Hauptkonto.

Eva suchte im Anhang nach „HK-FIN-02“.

Ein Treffer führte zu einer Bestätigung der angeblichen Handlungsvollmacht. Das Schreiben trug den Briefkopf von Keller Wohnbau und eine Unterschrift von Helene Keller.

Darunter stand:

Wir bestätigen, dass Frau Eva Keller seit dem 1. Januar als Finanzleiterin unseres Hauses tätig ist.

Eva scrollte zum Datum.

Der 1. Januar war ein Sonntag gewesen.

An diesem Tag hatte sie mit Daniel bei ihrem Vater im Pflegeheim gesessen. Daniel hatte mehrfach den Raum verlassen, angeblich wegen schlechter Verbindung.

Unten auf der Seite befand sich ein Prüfcode. Eva gab ihn nicht auf irgendeiner Webseite ein. Sie rief die offizielle Nummer der Bank an und ließ sich mit der zuständigen Stelle verbinden.

Die Mitarbeiterin bestätigte, dass der Code am 1. Januar um 14:17 Uhr aktiviert worden war.

„Über welche Nummer?“

„Das kann ich nach Ihrer Identitätsprüfung nennen. Endung siebenundvierzig.“

Wieder Daniels Nummer.

Eva legte auf und sah auf die Uhr.

14:17 Uhr.

Sie erinnerte sich jetzt an diesen Neujahrstag. Daniel war nach seinem dritten Telefonat zurück ins Zimmer gekommen und hatte gesagt, die Bank habe endlich eine wichtige Freigabe erteilt.

Er hatte nicht gelogen.

Nur die Freigabe hatte ihren Namen getragen.