Kapitel 10: Das Foto vom Bahnhof

Auf dem Foto trug Daniel keinen Rucksack.

Eva bemerkte es vor seinem Gesicht.

Jana Mertens hatte sie und Nora am Mittwochvormittag erneut ins Polizeigebäude gebeten. Auf dem Tisch lag ein Ausdruck aus der Bahnhofskamera, schwarz-weiß und körnig. Daniel ging am rechten Bildrand durch die Halle. Uhrzeit: Freitag, 18:54.

Vierzehn Minuten nach der vorbereiteten Nachricht.

„Sind Sie sicher, dass er das ist?“, fragte Jana.

„Ja“, sagten beide Frauen gleichzeitig.

Nora deutete auf seine Jacke. „Die hat er bei mir aufbewahrt.“

Eva blickte auf die Schuhe. „Die fehlen aus unserem Haus.“

Daniel hatte seine Abreise aus beiden Kleiderschränken zusammengesetzt.

„Wir haben noch eine zweite Aufnahme“, sagte Jana.

Sie legte ein weiteres Bild daneben. Daniel stand am Fahrkartenautomaten. Niemand hielt ihn fest. Niemand stand dicht genug, um auf dem Ausschnitt als Begleitung zu gelten. In der linken Hand trug er eine rote Dokumentenmappe.

„Kennen Sie die?“

„Sie lag normalerweise in seinem Arbeitszimmer“, sagte Eva. „Seit Freitag ist sie weg.“

„Wissen Sie, was darin war?“

„Nein.“

Nora beugte sich über das Bild. „Er hatte keinen Koffer.“

„Möglicherweise hatte er Gepäck an einem anderen Ort“, sagte Jana. „Oder er plante nur eine kurze Strecke.“

„Wohin ist er gefahren?“

„Das wissen wir noch nicht. Wir sehen ihn am Automaten, aber nicht eindeutig beim Einsteigen. Die Kartennutzung betraf nur die Parkgebühr. Eine Fahrkarte wurde nicht über das gemeinsame Konto gekauft.“

Eva betrachtete Daniels Haltung. Rücken gerade, Kopf leicht gesenkt, als lese er eine Anzeige. Kein Mann auf der Flucht vor einem sichtbaren Verfolger. Aber Angst musste auf einem Standbild nicht sichtbar sein.

„Damit ist er nach der Nachricht am Leben“, sagte sie.

„Zu diesem Zeitpunkt, ja.“

Nora legte die Hände unter dem Tisch zusammen. „Und Sie suchen immer noch keinen Vermissten?“

„Wir prüfen weiter. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise, dass Herr Keller sein Verschwinden vorbereitet hat.“

„Weil er keine Tasche trägt?“

„Wegen der geplanten Nachricht, der aufgeteilten Kleidung, der Dokumente, der Bahnhofsnutzung und der Tatsache, dass er am Freitagnachmittag regulär das Büro verließ.“

Jana schob ihnen ein Formular zu. „Außerdem hat Keller Wohnbau mitgeteilt, dass eine interne Finanzierung in Verzug geraten ist. Die Firma behauptet, Herr Keller habe Unterlagen und Geld entzogen.“

„Wie viel Geld?“, fragte Eva.

„Dazu macht die Firma noch keine vollständigen Angaben.“

„Wer spricht für die Firma?“

„Helene Keller.“

Nora lehnte sich zurück. „Natürlich.“

Jana sah zwischen ihnen hin und her. „Ich rate Ihnen erneut: Keine privaten Treffen, keine öffentlichen Anschuldigungen. Wenn Frau Keller Kontakt aufnimmt, dokumentieren Sie ihn.“

„Welche Frau Keller?“, fragte Nora.

Für einen Moment wusste Eva nicht, ob Nora einen bitteren Witz gemacht hatte.

Jana schon. „Helene Keller.“

Auf dem Weg nach draußen blieb Eva vor dem Getränkeautomaten stehen. Ihr Magen war leer, aber der Gedanke an Kaffee machte ihr übel.

Nora stand neben ihr. „Er sieht nicht aus, als hätte er Angst.“

„Es ist ein Foto.“

„Sie verteidigen ihn.“

„Nein. Ich verteidige die Grenze dessen, was wir sehen.“

„Und wenn diese Grenze nur dafür sorgt, dass niemand jemals verantwortlich ist?“

Eva wandte sich zu ihr. „Dann brauchen wir mehr als ein Gefühl, um sie zu überschreiten.“

Nora blickte weg. „Der Ring gehörte meiner Mutter. Davon bin ich überzeugt.“

„Dann finden wir heraus, was am 14. März 1999 war.“

„Wir?“

Eva war selbst überrascht von dem Wort.

„Wir haben dieselbe Darlehensnummer.“

„Das ist keine Freundschaft.“

„Nein.“

„Gut.“

Sie gingen gemeinsam zum Parkplatz und stiegen in getrennte Autos.

Eva war noch nicht aus der Parklücke gefahren, als ihr Telefon klingelte. Unbekannte Nummer aus Lübeck.

„Eva Keller.“

„Frau Keller, hier ist Helene.“

Ihre Schwiegermutter nannte sie nie Eva. Auch nach achtzehn Jahren sagte sie gewöhnlich Frau Keller, als hätten beide nur zufällig denselben Namen.

„Wo ist Daniel?“

„Das wollte ich Sie fragen.“

Helene klang nicht erschöpft. Nicht ängstlich. Im Hintergrund hörte Eva gedämpfte Stimmen und eine Tür. Bürogeräusche.

„Sie haben der Polizei gesagt, er habe Geld und Unterlagen entzogen.“

Eine kurze Pause. „Dann hat Frau Mertens mit Ihnen gesprochen.“

„Wie viel Geld fehlt?“

„Mehr, als Daniel allein hätte bewegen können.“

Eva verstand den Satz. Er war so gebaut, dass er eine zweite Person in den Raum stellte, ohne ihren Namen zu nennen.

„Wenn Sie glauben, ich hätte geholfen, sagen Sie es.“

„Ich glaube, dass mein Sohn zwei Frauen belogen hat. Eine davon arbeitet mit Löhnen, Konten und digitalen Freigaben. Die andere besitzt ein Haus, das in die Finanzierung geraten ist.“

„Und Sie haben die Unterlagen bei der Bank eingereicht.“

„Als Geschäftsführerin. Auf Grundlage der Bestätigungen, die Daniel mir vorgelegt hat.“

Helene hatte eine Antwort vorbereitet. Korrekt, begrenzt, fast hilfsbereit.

„Ich habe nie für Keller Wohnbau gearbeitet.“

„Dann hat Daniel Ihnen etwas angetan, das ich kaum aussprechen kann.“

Eva hörte genau hin.

Kein Bedauern. Nur eine Richtung.

„Warum rufen Sie an?“

„Weil ich verhindern möchte, dass Sie für seine Entscheidungen bezahlen.“

„Wie?“

„Kommen Sie heute um fünf in mein Büro. Allein. Bringen Sie die Bankunterlagen mit. Wir finden eine Lösung.“

Eva sah durch die Windschutzscheibe zum Polizeigebäude.

„Schicken Sie mir das Angebot schriftlich.“

„Manche Dinge sollte eine Familie nicht schriftlich klären.“

„Dann sind es vermutlich genau die Dinge, die schriftlich geklärt werden müssen.“

Helene schwieg.

Als sie wieder sprach, war ihre Stimme noch immer höflich.

„Daniel hat Sie beide bestohlen, Eva.“

Zum ersten Mal benutzte sie ihren Vornamen.

„Und Sie wissen noch nicht, welche von Ihnen er als Beweis zurückgelassen hat.“