Kapitel 11: Helenes Angebot

Eva ging nicht allein zu Helene.

Zumindest nicht in dem Sinn, den Helene gemeint hatte.

Sie betrat das Gebäude von Keller Wohnbau um fünf Uhr ohne Begleitung. Vorher hatte sie Nora die Adresse, Uhrzeit und eine Kopie von Helenes Nachricht geschickt. Jana Mertens wusste von dem Termin. Tobias Rehm hatte Eva geraten, keine Originale mitzunehmen und nichts zu unterschreiben.

In ihrer Tasche lagen deshalb nur Kopien.

Die Zentrale von Keller Wohnbau befand sich in einem umgebauten Speicher am Rand der Lübecker Altstadt. Backstein, Glas, Messingbuchstaben über dem Eingang. Eva war bei Firmenfeiern hier gewesen, aber nie in den oberen Büros.

Die Empfangsmitarbeiterin führte sie in einen Besprechungsraum mit Blick auf den Kanal. Auf dem Tisch standen Wasser, Kaffee und zwei graue Mappen. Helene wartete bereits.

Sie trug einen dunkelgrünen Hosenanzug. Kein Mantel, keine Handtasche, nichts, was nach einer Frau aussah, die jeden Augenblick ihren verschwundenen Sohn suchen wollte.

„Danke, dass Sie gekommen sind.“

„Ich habe Frau Mertens über den Termin informiert.“

Helene lächelte nicht. „Das war nicht nötig.“

„Für mich schon.“

Eva setzte sich. Sie ließ die Tasche geschlossen.

Helene schob die erste Mappe über den Tisch. „Ein Vorschlag für Ihre anwaltliche Vertretung. Die Firma übernimmt sämtliche Kosten.“

„Ich habe bereits juristischen Rat.“

„Herr Rehm. Ein solider Anwalt für kleinere gesellschaftsrechtliche Fragen.“

Eva hatte Helenes Namen Tobias gegenüber nicht erwähnt. Nora vielleicht. Oder die Polizei. Trotzdem gefiel ihr nicht, wie schnell Helene Informationen sammelte.

„Dann brauche ich Ihren Vorschlag nicht.“

„Lesen Sie ihn.“

„Sie können mir eine Kopie geben.“

Helenes Hände blieben ruhig auf dem Tisch. „Sie haben sich verändert.“

„Seit Freitag?“

„Seit Sie angefangen haben, Daniel zu misstrauen.“

Eva blickte auf die Mappe. „Daniel hat sechs Jahre lang eine zweite Beziehung geführt und meine Identität für eine Finanzierung benutzt.“

„Das vermuten Sie.“

„Die Bankunterlagen nennen eine E-Mail-Adresse, die nicht mir gehört, und Daniels Telefonnummer.“

Zum ersten Mal bewegte sich etwas in Helenes Gesicht. Kein Schock. Aufmerksamkeit.

„Dann hat er Sie tiefer hineingezogen, als ich dachte.“

„Sie haben die Unterlagen eingereicht.“

„Als Geschäftsführerin auf Grundlage interner Prüfungen.“

„Mit einer Bestätigung, die Ihre Unterschrift trägt.“

„Eine Unterschrift kann echt sein, während die Informationen darunter falsch sind.“

Eva dachte an Noras Seite neun.

„Das wissen Sie offenbar sehr genau.“

Helene öffnete die zweite Mappe. „Diese Unterhaltung soll Ihnen helfen.“

Oben lag eine Verschwiegenheitsvereinbarung. Darunter eine Vollmacht, mit der eine von Helene ausgewählte Kanzlei in Evas Namen mit Bank, Versicherung und Ermittlungsbehörden kommunizieren durfte.

„Sie möchten meine Anwälte bezahlen und zugleich bestimmen, wer für mich spricht.“

„Ich möchte verhindern, dass ein privater Skandal ein gesundes Unternehmen beschädigt.“

„Meine falsche Unterschrift ist kein privater Skandal.“

„Noch wissen wir nicht, ob sie falsch ist.“

„Ich weiß, ob ich unterschrieben habe.“

Helene lehnte sich zurück. „Eva, Daniel kann charmant sein. Er kann Menschen dazu bringen, Dinge zu tun, die sie später anders erinnern.“

„Ist das Ihre Erklärung für Nora?“

„Nora Brandt ist emotional instabil.“

„Auf welcher Grundlage?“

„Sie arbeitet seit Jahren mit Versicherungsfällen und sieht überall Manipulation. Nach dem Tod ihrer Mutter—“

„Nora war zwölf.“

Helene schwieg einen Herzschlag zu lange.

„Daniel hat es Ihnen erzählt“, sagte Eva.

„Daniel erzählt viel.“

„Zum Beispiel, wo Nora die Unterlagen ihrer Mutter aufbewahrt?“

„Sie müssen zwischen einer trauernden Tochter und einer glaubwürdigen Zeugin unterscheiden.“

„Ich habe nicht gefragt, ob sie glaubwürdig ist.“

Eva zog einen kleinen Block aus der Tasche und schrieb den Satz auf: Helene nennt Nora instabil; verweist auf Mutter.

Helenes Blick folgte dem Stift. „Müssen Sie das tun?“

„Ja.“

„Dann notieren Sie auch, dass ich bereit bin, die Bank bis zur Klärung von Maßnahmen gegen Sie abzuhalten.“

„Können Sie das?“

„Ich kann Einfluss nehmen.“

„Als Gegenleistung für Schweigen und Vollmacht.“

„Als Gegenleistung für verantwortliches Verhalten.“

Eva schloss die Mappe, ohne zu unterschreiben. „Ich nehme Kopien mit.“

„Die Unterlagen sind nur für die Besprechung bestimmt.“

„Dann lehne ich ab, ohne sie mitzunehmen.“

Sie stand auf.

Helene blieb sitzen. „Wenn Sie mit Nora weiterarbeiten, wird sie Sie in die Geschichte ihrer Mutter hineinziehen.“

„Welche Geschichte?“

„Die Geschichte, dass Marlene um etwas betrogen wurde.“

Eva ließ die Tasche über die Schulter gleiten.

„Wurde sie das?“

Helene sah zum Fenster. Draußen glitt ein Ausflugsschiff durch den dunklen Kanal.

„Marlene hat ihre Anteile verkauft.“

„Wie viele?“

Jetzt sah Helene sie wieder an. „Fragen Sie Nora.“

„Nora weiß es nicht.“

„Dann sollte sie im alten Holzkoffer ihrer Mutter nachsehen. Zwischen den Bauplänen lag früher eine grüne notarielle Mappe.“

Eva sagte nichts.

Nora hatte den Holzkoffer nur Daniel gezeigt. Selbst Eva hatte bis gestern nicht gewusst, dass der Stoff im Inneren erneuert worden war.

Helene stand nun ebenfalls auf.

„Daniel hat Sie beide bestohlen“, sagte sie. „Aber Nora sucht nicht nur ihren Mann. Sie sucht ein Erbe, das nie existiert hat.“

Eva öffnete die Tür.

„Woher wissen Sie, welche Farbe die Mappe hatte?“

Hinter ihr blieb es still.

Eva ging, bevor Helene eine vernünftige Antwort bauen konnte.