Kapitel 12: Die sechs verlorenen Jahre

Nora begann mit dem ersten Foto, auf dem Daniel zu sehen war.

4. Mai, sechs Jahre zuvor. Ein Seminarhotel in Hamburg. Nora stand mit drei Kollegen vor einer Leinwand, auf der „Schadenprüfung bei Neubauten“ zu lesen war. Daniel hielt sich am Rand des Bildes, eine Kaffeetasse in der Hand.

Er hatte sie in der Pause angesprochen.

Nicht wegen ihrer Mutter. Nicht wegen Keller Wohnbau. Angeblich, weil Nora während des Vortrags die einzige Person gewesen war, die dem Referenten widersprochen hatte.

„Sie haben den Mann fast zum Weinen gebracht“, hatte Daniel gesagt.

„Dann sollte er seine Zahlen kennen.“

Er hatte gelacht.

Nora hatte diese Begegnung hundertmal erzählt. Auf Geburtstagen, bei Kollegen, später bei der privaten Zeremonie in Dänemark. Die Geschichte vom Mann, der ihre Direktheit mochte, statt sie zu fürchten.

Jetzt legte sie das Foto auf den Küchentisch und schrieb darunter:

Erstes nachweisbares Treffen: 4. Mai.

Danach kamen Restaurantrechnungen, Urlaubsbilder, Nachrichten und Kalendereinträge. Als Versicherungsprüferin rekonstruierte Nora regelmäßig Abläufe aus unvollständigen Angaben. Sie wusste, dass Erinnerungen sich an Gefühle hielten und Daten an Belege.

Also suchte sie Belege.

Daniel hatte öffentliche Orte gemieden, ohne dass es ihr aufgefallen war. In sechs Jahren gab es kein gemeinsames Foto auf einer großen Familienfeier. Keine markierte Aufnahme in einem Restaurant. Keine Hotelbuchung auf beide Namen.

Er hatte Selfies geliebt, solange kein Schild im Hintergrund stand.

Wenn Nora einen Ort markierte, bat er sie, die Veröffentlichung auf später zu verschieben. Wegen seiner Arbeit, hatte er gesagt. Wegen Kunden, die Privates nicht sehen sollten. Sie hatte das für Vorsicht gehalten.

Jetzt erkannte sie eine Methode.

Um halb elf klingelte Eva.

Nora ließ sie herein und sah sofort, dass das Gespräch mit Helene nicht freundlich gewesen war.

„Sie ist nicht Ihre größte Bewunderin.“

„Damit kann ich leben.“

Eva legte ihren Block auf den Tisch. „Helene wusste vom Holzkoffer. Von der grünen Mappe zwischen den Bauplänen.“

Nora setzte sich langsamer hin. „Das habe ich ihr nie erzählt.“

„Daniel?“

„Nur Daniel.“

„Dann hat er ihr davon berichtet. Oder sie hat die Mappe selbst gesehen.“

Nora blickte zum leeren Platz, an dem der Koffer gestanden hatte, bevor sie ihn nach unten brachte. „Sie sagte, meine Mutter habe verkauft?“

„Ja.“

„Mein Vater hat das auch gesagt.“

„Gibt es einen Vertrag?“

„Nicht bei mir.“

Eva deutete auf den Stapel Fotos. „Was haben Sie gefunden?“

„Dass ich sechs Jahre mit einem Mann zusammen war, der keine Ortsangaben mochte.“

Sie zeigte Eva die Zeitleiste. Jeder rote Kreis markierte einen Termin, den Daniel in seinem zweiten Kalender anders benannt hatte. Schwerin. Kiel. Hannover. Ein Wochenende an der Schlei.

Eva setzte sich und öffnete eine Datei auf ihrem Laptop. „Ich habe die Termine aus meinen Kalendern ergänzt.“

Sie arbeiteten eine Stunde schweigend nebeneinander.

Die Überlappungen waren präzise. Daniel hatte Puffer eingebaut: angebliche Zugfahrten, verspätete Besprechungen, frühe Abreisen. Nie versprach er beiden Frauen denselben ganzen Tag.

Nora fügte eine zweite Spalte hinzu: Quelle. Nicht Erinnerung, nicht Vermutung, sondern Kalender, Rechnung, Foto oder Nachricht. Bei jedem Eintrag, der nur aus Daniels Erzählung bestand, setzte sie ein Fragezeichen. Nach zehn Minuten war fast die Hälfte der sechs Jahre damit bedeckt.

„Das ist schlimmer, als ich dachte“, sagte sie.

Eva betrachtete die Tabelle. „Es ist vor allem weniger vollständig.“

„Sie finden immer die unfreundlichste genaue Formulierung.“

„Die genaue Formulierung lässt sich später verteidigen.“

Nora wusste, dass Eva recht hatte. In ihrem Beruf war eine schmerzhafte Lücke besser als eine bequeme Annahme. Trotzdem traf es sie, zu sehen, wie viele ihrer schönsten Erinnerungen nur durch einen Mann datiert waren, der Termine als Tarnung benutzt hatte.

„Er hat Weihnachten geteilt“, sagte Nora.

Eva sah auf die Daten. „Frühstück bei mir. Nachmittag bei Ihnen.“

„Er sagte, seine Mutter brauche ihn.“

„Mir sagte er, er müsse ein Projekt prüfen.“

Nora schob den nächsten Fotostapel heran. Es waren Bilder, die Daniels Konto vor der Trennung vom Tablet lokal gespeichert hatte. Die meisten kannte sie. Ein Baustellenbesuch. Ein Firmenessen. Der See.

Zwischen zwei Aufnahmen erschien ein graues Vorschaubild ohne Datum. Nora tippte darauf. Das Foto lud nicht vollständig, doch die verkleinerte Version blieb sichtbar.

Daniel stand auf einem Friedhof.

Neben ihm Helene.

Hinter beiden erhob sich ein heller Grabstein mit einem Namen, den Nora auch in schlechter Auflösung erkannte.

Marlene Brandt.

Nora vergrößerte das Bild. Die Qualität wurde schlechter, aber unten erschien ein Zeitstempel.

3. Mai. Sechs Jahre zuvor.

Eva zog das Seminarfoto daneben.

„Einen Tag vor Ihrer Begegnung.“

Nora spürte nichts Dramatisches. Kein Schwindel, keinen Zusammenbruch. Nur eine kalte, feste Linie, die sich von ihrem Brustbein bis in den Bauch zog.

„Er war am Grab meiner Mutter.“

„Mit Helene.“

„Und am nächsten Tag sprach er mich an.“

Eva fragte nicht, ob das Zufall sein konnte.

Nora tat es selbst.

„Vielleicht hatte Keller Wohnbau dort einen Termin. Vielleicht war Jahrestag. Vielleicht—“

Sie brach ab. Der Unfalltag ihrer Mutter lag im Oktober. Geburtstag im Januar. Der 3. Mai bedeutete ihrer Familie nichts.

Nora öffnete die ursprüngliche Seminareinladung. Die Teilnehmerliste war nicht angehängt, aber ihre Zusage trug den Zeitstempel vom 18. April. Daniel hatte also mehr als zwei Wochen Zeit gehabt, von ihrer Teilnahme zu erfahren. Ob er Zugriff auf die Liste gehabt hatte, wusste sie nicht. Sie schrieb auch das nicht als Tatsache auf.

Unter dem Friedhofsfoto notierte sie: Aufnahme einen Tag vor erstem Treffen. Herkunft der Aufnahme ungeklärt.

Eva zeigte auf einen Gegenstand in Daniels Hand. „Was trägt er?“

Nora vergrößerte das Bild erneut.

Ein schmaler grüner Umschlag.

Dieselbe Farbe, die Helene für die notarielle Mappe genannt hatte.

Nora nahm den Silberring vom Finger und legte ihn auf das Foto.

„Er hat mich nicht zufällig kennengelernt“, sagte sie.

Zum ersten Mal widersprach Eva nicht.