Das Haus gehörte Nora.
Diese Tatsache hatte Daniel oft benutzt, um ihr Sicherheit zu versprechen.
„Egal, was passiert“, hatte er gesagt, „der Lindenweg ist deiner.“
Am Donnerstagmorgen hielt Nora den aktuellen Grundbuchauszug in der Hand und verstand, dass Eigentum nicht dasselbe war wie Freiheit.
Sie hatte als eingetragene Eigentümerin eine Abschrift beantragt und zusätzlich die Unterlagen aus ihrem Bankschließfach geholt. Im Grundbuch stand nur ihr Name. Nora Brandt.
Darunter standen zwei Grundschulden.
Die erste kannte sie. 210.000 Euro für den Kauf des Hauses.
Die zweite war höher.
320.000 Euro zugunsten der Nordbank Lübeck.
„Das ist nicht das Darlehen über 284.000 Euro“, sagte Eva.
Sie saßen in Tobias Rehms Kanzlei. Tobias hatte einen schmalen Konferenztisch, ein Regal voller Kommentare und die Angewohnheit, jede Seite vollständig zu lesen, bevor er eine Frage stellte.
„Nein“, sagte Nora. „Aber die Nordbank beruft sich in der Garantie darauf.“
Tobias legte den Auszug neben die Kaufunterlagen. „Eine Grundschuld kann einen höheren Rahmen haben als die konkrete Forderung. Entscheidend ist die Sicherungsvereinbarung. Die fehlt in Ihrer Mappe.“
„Daniel hat gesagt, die zweite Grundschuld sei für die Sanierung.“
„Gab es eine Sanierung in dieser Höhe?“
Nora lachte trocken. „Neue Fenster, Dach, Heizung. Vielleicht hunderttausend. Nicht dreihundertzwanzig.“
Eva blätterte durch die Kontoauszüge. „Woher kam das Eigenkapital beim Kauf?“
„Von mir. Dachte ich.“
Nora zeigte auf eine Zahlung über 42.000 Euro. Die Buchungszeile nannte „KW Projektservice GmbH“.
„Daniel sagte, das sei ein Vorschuss aus unserem gemeinsamen Vermögensplan. Er wollte seinen Anteil später intern verrechnen.“
Tobias sah auf. „Haben Sie einen Darlehensvertrag mit dieser Gesellschaft?“
„Nein.“
„Eine Schenkungsvereinbarung?“
„Nein.“
„Gesellschaftsanteile?“
„Natürlich nicht.“
„Dann müssen wir klären, auf welcher Grundlage die Zahlung erfolgte.“
Eva öffnete das öffentliche Unternehmensregister auf ihrem Laptop. KW Projektservice hatte dieselbe Geschäftsanschrift wie Keller Wohnbau. Geschäftsführerin war Helene Keller.
Nora suchte im Kaufvertrag nach der Summe. Dort stand nur, dass das Eigenkapital vor Beurkundung nachgewiesen worden sei. Die Herkunft wurde nicht genannt. In einer alten E-Mail hatte Daniel ihr damals geschrieben, er kümmere sich um die „interne Umbuchung“, damit der Notartermin nicht verschoben werde.
„Ich habe das gelesen und für Fürsorge gehalten“, sagte Nora.
„Weil er es so formuliert hat“, sagte Eva.
Tobias hob den Blick. „Bewahren Sie die Nachricht im ursprünglichen Postfach auf. Eine weitergeleitete Kopie ist nützlich, aber die Originaldaten sind besser.“
Nora markierte die E-Mail, exportierte jedoch nichts, bevor Tobias ihr erklärt hatte, welche Form er brauchte. Zum ersten Mal seit Daniels Verschwinden fühlte sich Nichtstun für zwei Minuten wie eine aktive Entscheidung an.
Nora lehnte sich zurück. „Also hat Helene mein Eigenkapital bezahlt.“
„Die Gesellschaft hat gezahlt“, korrigierte Tobias. „Wir wissen noch nicht, wer die konkrete Zahlung angewiesen hat und mit welchem Zweck.“
Nora warf Eva einen Blick zu. „Sind Sie beide in derselben Schule ausgebildet worden?“
„Nein“, sagte Eva. „Aber die Schule gefällt mir.“
Zum ersten Mal seit Freitag musste Nora fast lächeln.
Tobias zog die Garantieunterlagen heran. „Die Bank stützt sich offenbar auf drei Ebenen: persönliche Garantie, Grundschuld und angebliche Einkünfte aus einem Projekt. Wenn eine Unterschrift oder Anlage ausgetauscht wurde, müssen wir das sauber angreifen. Nicht mit einer allgemeinen Behauptung, alles sei falsch.“
„Wie lange dauert das?“
„Länger, als Ihnen gefallen wird.“
„Die Bank prüft in wenigen Tagen die Vollstreckung.“
„Ich werde heute eine formelle Aussetzung bis zur Dokumentenprüfung verlangen. Das ist kein Versprechen, dass sie zustimmt.“
Nora sah auf ihren Namen im Grundbuch. Alleinige Eigentümerin. Alleinige Schuldnerin der Grundschuld. Ein Haus konnte einem gehören und trotzdem als Hebel in der Hand eines anderen liegen.
„Wer hat den Antrag vorbereitet?“, fragte Eva.
Tobias blätterte zur letzten Seite der Grundschuldbestellung. „Die notarielle Urkunde wurde mit einer Vollmacht vorbereitet. Kontaktperson für die Projektunterlagen war eine Katrin Vogt.“
Nora kannte den Namen nicht.
Eva schon.
„Helenes Assistentin.“
„Sind Sie sicher?“
„Sie sitzt im Vorzimmer. Ich habe sie bei Firmenfeiern gesehen.“
Tobias markierte die Zeile. „Das beweist zunächst, dass sie Kontaktperson war.“
Nora legte den Silberring auf den Tisch. „Und das?“
Tobias las die Gravur. „Ein Gegenstand mit Initialen und Datum.“
„Er gehörte meiner Mutter.“
„Woher wissen Sie das?“
Nora dachte an den Koffer, das Friedhofsfoto und den grünen Umschlag.
„Ich weiß es noch nicht.“
Diesmal fühlte sich der Satz nicht wie eine Niederlage an.
Tobias bat um eine Kopie des Grundbuchauszugs und der Kaufunterlagen. Nora gab sie ihm, behielt die Originale und notierte, was sie abgegeben hatte.
Auf dem Flur vibrierte ihr Telefon.
Eine E-Mail der Nordbank.
Anbei erhalten Sie auf Ihre Anfrage die bei Antragstellung hinterlegte Kontaktübersicht.
Nora öffnete den Anhang.
Antragstellerin: Nora Brandt.
Finanzberater: Daniel Keller.
Dokumentenkoordination: Katrin Vogt.
Freigabe Projektgesellschaft: Helene Keller.
Unter „bevorzugte Kontaktaufnahme Antragstellerin“ stand nicht Noras Nummer.
Es war die Durchwahl von Katrin Vogt.
Vier Jahre lang hatte die Bank Mitteilungen über Noras Haus an Helenes Vorzimmer geschickt.
Nora rief nicht sofort bei der Nummer an. Sie prüfte zuerst ihre alten Kontoauszüge. Die regelmäßigen Darlehensinformationen waren an ihre Privatadresse gegangen, doch drei Schreiben fehlten in ihrer Ablage: die Einrichtung der zweiten Grundschuld, die Änderung der Sicherungsvereinbarung und die jährliche Bestätigung der Kontaktdaten.
Alle drei Daten lagen in Wochen, in denen Daniel ihre Post übernommen hatte.
Sie leitete die Kontaktübersicht an Tobias weiter und schrieb nur einen Satz:
Ich bestreite, diese Telefonnummer als meinen bevorzugten Kontakt angegeben zu haben.
Dann speicherte sie eine Kopie der gesendeten Nachricht.
„Wenn Katrin Vogt die Bankpost erhalten hat“, sagte Eva, „wusste Helene nicht erst seit dieser Woche, dass Ihr Haus in der Finanzierung steckt.“
Nora sah auf die vier Jahre alte Änderung.
„Nein“, sagte sie. „Sie hat darauf gewartet.“
