Kapitel 14: Die zweite Zahnbürste

Daniel hatte nie eine zweite Zahnbürste gekauft.

Er nahm an jedem Sonntagabend eine neue aus dem Badezimmerschrank in Lübeck und brachte sie am Freitag zurück.

Eva erkannte es an den Kassenzetteln.

Die Erkenntnis war unwichtig im Vergleich zu einer Garantie über 284.000 Euro. Trotzdem saß Eva fast eine Minute am Küchentisch und betrachtete die regelmäßigen Käufe: Reisegröße Zahnpasta, Rasierklingen, Zahnbürste. Montags gekauft. Freitags manchmal umgetauscht oder zusammen mit anderen Dingen erneut eingescannt.

Daniel hatte seine zwei Leben nicht nur mit Kalendern getrennt. Er hatte verhindert, dass ein Alltagsgegenstand dauerhaft am falschen Ort lag.

Nur in den letzten Monaten war er nachlässiger geworden.

Eva hatte die Kiste mit Belegen aus dem Arbeitszimmer geholt. Daniel bewahrte Restaurant- und Hotelrechnungen für seine Steuererklärung auf. Er sortierte sie nach Quartalen, aber nicht nach Zweck. Geschäftlich, privat, Nora, Eva – alles lag zusammen, solange niemand die Daten verglich.

Jetzt verglich Eva.

Nora hatte ihr die Zeitleiste geschickt. Nicht die privaten Fotos, nur Datum, Ort und überprüfbare Belege. Eva legte die Hotelrechnungen daneben.

17. Juni: Hotel in Schwerin. Daniel hatte Eva ein Foto aus einem Zimmer geschickt.

Die Rechnung zeigte nur eine Tagesnutzung von 11:00 bis 16:00 Uhr, keine Übernachtung.

Am Abend war er mit Nora am See gewesen.

9. September: zwei Nächte in Kiel.

Daniel hatte Nora gesagt, er begleite Eva zu einer Familienfeier. Eva hatte geglaubt, er prüfe eine Baustelle.

Keiner von beiden hatte ihn gesehen.

21. Dezember: Restaurant in Lübeck, zwei Menüs um 18:12 Uhr. Danach Tankstellenkauf in Bad Oldesloe um 21:04 Uhr.

Frühstück bei Eva. Abendessen bei Nora. Dazwischen ein Essen, von dem beide nichts wussten.

Eva schrieb nicht automatisch „dritte Frau“ auf. Ein Geschäftsessen war wahrscheinlicher. Sie notierte nur: unbekannte Begleitung.

Sie zwang sich auch bei den kleinen Dingen zu derselben Disziplin. Die Zahnbürsten bewiesen keine zweite Beziehung. Sie zeigten nur eine wiederkehrende Reisegewohnheit, die Daniel vor ihr verborgen hatte. Erst zusammen mit Noras Daten ergab sich ein Muster.

Eva fotografierte die Belege einzeln, nummerierte die Bilder und legte die Originale wieder in derselben Reihenfolge ab. Daniel hatte ihre Ordnung immer belächelt. Er nannte sie „mein kleines Finanzamt“, wenn sie Garantiescheine aufhob oder den Zweck einer Zahlung auf einem Kontoauszug ergänzte.

Nun verhinderte genau diese Gewohnheit, dass er später behaupten konnte, sie habe seine Unterlagen durcheinandergebracht.

Um 20:40 Uhr kam Nora.

Sie stellte eine Bäckertüte auf den Tisch. „Ich habe nichts Richtiges gegessen.“

„Ich auch nicht.“

Sie aßen Franzbrötchen über Daniels Belegen.

„Romantisch“, sagte Nora.

Eva sah sie an.

„Nicht wir. Die Situation.“

„Ich hatte nichts anderes angenommen.“

Nora zog die Terminliste heran. „Hier. Am 17. Juni hat er mir gesagt, das Hotel sei ausgebucht und er müsse bei einem Kollegen schlafen.“

Eva zeigte auf die Tagesrechnung. „Er war nur fünf Stunden dort.“

„Warum überhaupt?“

„Um mir das Zimmerfoto zu schicken. Vielleicht für einen Termin.“

„Fünf Stunden für ein Alibi.“

Eva betrachtete die Rechnung. „Oder für Unterlagen.“

In der Mappe mit dem Hotelbeleg lag eine Visitenkarte eines Restaurators. Rückseite leer. Eine zweite Karte gehörte einem Notar, der nicht mehr praktizierte.

Nora nahm sie hoch. „Der Name sagt mir nichts.“

„Die Adresse?“

„Hamburg.“

Eva prüfte die Rechnung genauer. Daniel hatte das Zimmer mit seiner privaten Karte bezahlt, die Restauratorrechnung am selben Tag jedoch über die Firmenkarte. Auf dem Hotelbeleg war eine zweite Position aufgeführt: Kopierservice, achtundvierzig Seiten.

„Er hat dort etwas vervielfältigt“, sagte sie.

„Oder ein anderer Gast.“

„Die Position steht auf seiner Zimmerrechnung.“

Nora nahm ihr den Beleg nicht aus der Hand. „Dann schreiben wir: Daniel hat für achtundvierzig Kopien bezahlt. Nicht: Er hat den Vertrag kopiert.“

Eva sah sie an. „Die Schule gefällt Ihnen inzwischen auch.“

„Nur das Lehrpersonal nicht.“

Eva drehte den nächsten Beleg um.

Auf der Rückseite stand Daniels Handschrift.

M.B. – 35 % – Original finden.

Nora hörte auf zu kauen.

„M.B.“, sagte sie.

„Marlene Brandt.“

„Und der Schlüssel.“

„Wahrscheinlich.“

Eva fotografierte Vorder- und Rückseite, bevor sie den Beleg in eine Klarsichthülle legte.

Nora zog den Silberring vom Finger. „Das Datum im Ring. 14. März 1999.“

Eva gab es in die Suche ein, zusammen mit Keller Wohnbau und Marlene Brandt. Die aktuellen Unternehmensseiten erwähnten nur Helene als Gründerin. Alte Presseartikel waren teilweise digitalisiert.

Der dritte Treffer stammte aus einem lokalen Wirtschaftsarchiv.

14. März 1999: Zwei Lübeckerinnen gründen Keller & Brandt Wohnbau.

Eva öffnete den Artikel.

Das Foto zeigte zwei jüngere Frauen vor einem kleinen Backsteingebäude. Helene Keller links, Marlene Brandt rechts. Beide hielten denselben symbolischen Messingschlüssel.

Unter dem Bild stand:

Die Gesellschafterinnen Helene Keller (65 Prozent) und Marlene Brandt (35 Prozent) wollen bezahlbaren Wohnraum in historischen Beständen schaffen.

Nora setzte sich gerader hin.

„Sie hat nicht für Helene gearbeitet.“

„Nein.“

„Sie war Mitgründerin.“

Eva scrollte weiter. Der Artikel endete mit dem Datum der ersten Gesellschafterversammlung.

14. März 1999.

Nora legte ihren Ring neben das Foto auf dem Bildschirm. Auf Marlenes rechter Hand glänzte ein schmaler Silberreif.

„Daniel hat mir ihren Ring gegeben“, sagte sie.

Eva las den Satz auf dem Beleg erneut.

Original finden.

„Und er hat nach einem Original gesucht, das er mit ihren fünfunddreißig Prozent verband.“

Der Unterschied war klein. Für Eva war er der Abstand zwischen einer Spur und einer Geschichte, die Daniel ihnen erneut erzählen könnte.