Kapitel 15: Fünfunddreißig Prozent

Der alte Zeitungsartikel war kein Gesellschaftsvertrag.

Er bewies nicht, dass Nora heute fünfunddreißig Prozent von Keller Wohnbau gehörten. Er bewies nur, dass Marlene Brandt bei der Gründung mit diesem Anteil genannt worden war.

Für Nora reichte das, um die Geschichte ihrer Kindheit auseinanderzunehmen.

„Mein Vater sagte, sie habe kurz vor dem Unfall verkauft.“

Eva saß ihr am Küchentisch gegenüber. Zwischen ihnen lagen der ausgedruckte Artikel, der Ring und Daniels Hotelbeleg.

„Vielleicht stimmt das.“

„Helene hat Sie schon angesteckt.“

„Nein. Ich möchte den Vertrag sehen.“

Nora stand auf und ging zum Fenster. Im Glas spiegelten sich Küche, Tisch und der leere Stuhl, auf dem Daniel immer gesessen hatte.

„Nach dem Tod meiner Mutter hat Helene meinem Vater geholfen“, sagte sie. „Sie bezahlte eine Zeit lang die Raten für unser Haus. Sie brachte uns Essen. Sie organisierte die Beerdigung.“

„Und später?“

„Später verschwand sie. Mein Vater sagte, das Geschäftliche sei geregelt. Wenn ich fragte, was meine Mutter gemacht hatte, sagte er nur, sie sei zu gutgläubig gewesen.“

Eva blätterte durch die öffentlich verfügbaren Registerhinweise. Die erste digital abrufbare Gesellschafterliste war Jahre jünger als die Gründung und nannte nur Helene und Rolf Keller.

„Marlene ist aus der Geschichte entfernt worden“, sagte Nora.

„Aus der aktuellen Darstellung, ja.“

„Sie war Mitgründerin.“

„Ja.“

„Mit fünfunddreißig Prozent.“

„Damals laut Presseartikel, ja.“

Nora drehte sich um. „Sie machen mich wahnsinnig.“

„Das ist besser, als Ihnen etwas zu versprechen, das wir nicht belegen können.“

Nora wollte widersprechen. Stattdessen nahm sie wieder Platz.

„Was suchen wir?“

„Einen Verkauf, eine Abtretung, einen Erbvertrag, eine Treuhandregelung. Irgendein Dokument, das erklärt, was nach dem Unfall geschah.“

„Die grüne Mappe.“

„Möglicherweise.“

Nora schloss die Augen.

Grünes Papier. Baupläne. Der Geruch des Dachbodens im Haus ihres Vaters.

Eine Erinnerung kam nicht wie ein Film zurück, sondern als einzelnes Bild. Nora war zwölf. Auf dem Esstisch lag der Holzkoffer. Ihr Vater nahm einen dunkelgrünen Umschlag heraus und schob ihn unter einen Stapel Zeitungen, als Helene klingelte.

„Ich habe ihn gesehen.“

Eva wartete.

„Den grünen Umschlag. Nach der Beerdigung. Mein Vater hat ihn versteckt.“

„Was stand darauf?“

„Ich weiß es nicht.“

Nora presste die Fingerspitzen gegen die Schläfen. Je stärker sie die Erinnerung zwingen wollte, desto undeutlicher wurde sie.

„Nicht raten“, sagte Eva.

„Ich rate nicht.“

„Dann beschreiben Sie nur, was Sie sehen.“

Nora atmete langsam ein. „Grünes, dickes Papier. Ein weißes Etikett. Schwarze Schrift. Mein Vater hat es unter die Zeitung gelegt.“

„Handschrift?“

„Vielleicht Maschine. Ich weiß es nicht.“

„Ein Name?“

Nora sah wieder das Etikett. Zwei kurze Zeilen. Die untere begann mit einem N.

„Nora“, sagte sie. „Ich glaube, mein Name stand darauf.“

Eva schrieb nicht sofort. „Glauben Sie es, weil wir gerade nach einem Dokument für Sie suchen?“

Die Frage tat weh. Sie war trotzdem notwendig.

Nora öffnete die Augen. „Vielleicht.“

„Dann halten wir fest: Sie erinnern sich sicher an einen grünen Umschlag. Ihr eigener Name ist unsicher.“

Nora nickte.

Sie rief ihre Tante Hilde an. Hilde war die jüngere Schwester ihrer Mutter und lebte inzwischen in Eutin. Nora hatte in den letzten Jahren nur zu Geburtstagen mit ihr gesprochen.

„Hilde, ich brauche eine ehrliche Antwort. Hatte Mama Anteile an Keller Wohnbau?“

Am anderen Ende lief ein Fernseher. Hilde stellte ihn leiser.

„Wer fragt das?“

„Ich.“

„Warum jetzt?“

„Weil Helene Keller sagt, Mama habe verkauft. Und weil Daniel nach einem Original gesucht hat.“

Stille.

„Hilde?“

„Du solltest Daniel da raushalten.“

Nora blickte zu Eva. „Daniel ist verschwunden.“

„Was?“

„Und er hat Evas und meine Namen für eine Finanzierung benutzt.“

Hilde atmete schnell. „Eva?“

„Seine Ehefrau.“

Noch längere Stille.

„Ich komme morgen“, sagte Hilde.

„Nein. Sagen Sie mir jetzt, ob es eine grüne Mappe gab.“

„Nicht am Telefon.“

„Dann nur dies: Hat Mama freiwillig alle Anteile verkauft?“

Hilde antwortete so leise, dass Nora das Telefon fester ans Ohr drückte.

„Deine Mutter hat nicht verkauft.“

Nora griff nach der Tischkante.

„Was dann?“

„Sie wollte die Anteile für dich sichern. Du warst noch ein Kind.“

„Wo ist das Dokument?“

„Es gab zwei Ausfertigungen“, sagte Hilde. „Eine beim Notar. Eine im Holzkoffer.“

„Welcher Notar?“

„Das weiß ich nicht mehr. Ein Büro in Hamburg. Marlene wollte nicht, dass Helene den Termin über die Firma organisiert.“

„Haben Sie das Dokument gelesen?“

Hilde schwieg so lange, dass Nora glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.

„Nur die erste Seite“, sagte sie schließlich. „Es ging um eine Regelung für den Fall, dass Marlene etwas zustößt. Du solltest nicht vor deinem achtzehnten Geburtstag darüber entscheiden müssen.“

„Warum haben Sie mir nie davon erzählt?“

„Weil dein Vater mich darum gebeten hat. Und weil Helene sagte, jede öffentliche Forderung könne das Haus, die Firma und deine Versorgung gefährden.“

Nora hörte den Fernseher im Hintergrund wieder lauter werden, als Hilde sich bewegte.

„Sie hat Ihnen Angst gemacht.“

„Sie hat Rechnungen bezahlt, als wir keine Luft hatten. Damals fühlte sich das nicht wie eine Drohung an.“

Nora sah zur offenen Dachbodentreppe.

Der Koffer war leer.

„Wer wusste davon?“

Hilde zögerte.

„Dein Vater. Ich. Und Helene Keller.“

Hilde legte nicht auf.

„Nora“, sagte sie, „wenn der Koffer leer ist, hat jemand nicht nur alte Familienpapiere genommen. Jemand hat gewusst, wonach er suchen muss.“