Kapitel 16: Der leere Dokumentenkoffer

Hilde legte beide Hände auf den Holzkoffer, öffnete ihn jedoch nicht.

„Die Scharniere waren dunkler“, sagte sie. „Und innen war grüner Stoff.“

Nora stand auf der anderen Seite des Küchentisches. Sie hatte den Koffer am frühen Morgen vom Dachboden geholt und nichts darin berührt. Seit dem Telefonat mit ihrer Tante fühlte sich selbst ein Staubkorn wie ein möglicher Beleg an.

Eva fotografierte den geschlossenen Koffer von allen Seiten. „Sind Sie sicher?“

Hilde war eine kleine Frau mit kurz geschnittenem grauem Haar. Sie sah Eva an, als wolle sie entscheiden, ob sie die Frage als Zweifel oder als Sorgfalt verstehen sollte.

„Ich war dabei, als Marlene ihn gekauft hat“, sagte sie. „Grüner Stoff, Messingbeschläge, zwei Lederschlaufen für zusammengerollte Pläne.“

Nora öffnete den Deckel.

Das heutige Futter war beige. An der Rückwand verlief eine Naht, die gerader war als die übrigen. Die Lederschlaufen fehlten. Nur vier hellere Stellen im Holz zeigten, wo sie einmal befestigt gewesen sein mussten.

„Daniel sagte, der alte Stoff sei verschimmelt gewesen“, sagte Nora.

„War er nicht.“

„Der Koffer stand jahrelang auf Papas Dachboden.“

Hilde strich mit einem Finger über den Rand, ohne die Naht zu berühren. „Marlene bewahrte darin ihre wichtigsten Projektunterlagen auf. Den ließ sie nicht feucht werden.“

Nora spürte den alten Reflex, Daniel zu verteidigen. Vielleicht hatte er nur eine schlechte Restaurierung beauftragt. Vielleicht waren die Papiere schon vorher verschwunden. Vielleicht irrte Hilde sich nach siebenundzwanzig Jahren bei der Farbe.

Sie sprach keinen dieser Sätze aus.

„Wir brauchen die Rechnung“, sagte Eva.

Nora suchte in ihrem E-Mail-Archiv nach dem Namen der Restaurierungswerkstatt, den sie auf Daniels Visitenkarte gelesen hatten. Der Auftrag lag drei Jahre zurück. Daniel hatte ihr damals geschrieben, der Koffer brauche „ein paar Tage Pflege“. Zwei Wochen später hatte er ihn zurückgebracht und erklärt, innen sei nichts Verwertbares gewesen.

Die Rechnung war an Nora adressiert. Unter Leistungsumfang stand:

Reinigung Außenholz, Stabilisierung Beschläge, Erneuerung Innenfutter nach Rücksprache mit Abholberechtigtem.

Abholberechtigter: Daniel Keller.

„Er hat die Änderung freigegeben“, sagte Nora.

Eva deutete auf die Auftragsnummer. „Rufen Sie selbst an. Es ist Ihr Eigentum und Ihre Rechnung.“

Die Werkstatt existierte noch. Eine Mitarbeiterin bat Nora, die Rechnung per E-Mail zu schicken, bevor sie Auskunft gab. Zehn Minuten später meldete sich der Inhaber, Herr Sander.

„Ich habe den Koffer nicht persönlich bearbeitet“, sagte er. „Meine damalige Kollegin ist im Ruhestand. Im System sehe ich nur den Auftrag.“

„Steht dort etwas über den Inhalt?“

Tastengeräusche.

„Ja. Fremdinhalt vor Arbeitsbeginn entnommen, in säurefreier Hülle gesichert.“

Nora schaltete den Lautsprecher ein. Eva schrieb mit.

„Was für ein Inhalt?“

„Das ist knapp beschrieben. Bauzeichnungen, Schriftverkehr, eine grüne Dokumentenmappe.“

Hilde schloss die Augen.

„Wem wurde das übergeben?“

„Dem Abholberechtigten. Es gibt einen unterschriebenen Ausgabevermerk.“

„Daniel Keller?“

„Der Name steht hier. Mehr darf ich ohne Prüfung nicht versenden. Wenn Sie als Auftraggeberin eine Kopie möchten, schicken Sie bitte einen Identitätsnachweis über unser Kundenportal.“

Nora bedankte sich. Sie fragte nicht, ob Herr Sander Daniel für verdächtig hielt. Sie bat nur um den beschriebenen Weg zur Kopie.

Nach dem Gespräch herrschte in der Küche eine Stille, in der die Uhr über der Tür zu laut klang.

„Er hat die Mappe bekommen“, sagte Hilde.

„Er hat eine grüne Mappe bekommen“, korrigierte Eva. „Wir wissen noch nicht, ob es die notarielle Ausfertigung war.“

Nora sah auf den leeren Koffer. „Und er hat mir gesagt, es sei nichts darin gewesen.“

Das war kein juristischer Beweis für den Inhalt. Es war eine Lüge, die sich datieren ließ.

Sie schickten den Antrag an die Werkstatt und legten die Rechnung, Daniels E-Mail und die Fotos in einen neuen Ordner. Nora schrieb auf das Deckblatt: Holzkoffer – Übergabe vor drei Jahren.

Hilde beugte sich wieder über den offenen Deckel. „Die neue Leiste sitzt zu hoch.“

„Nicht ziehen“, sagte Eva sofort.

„Ich ziehe nichts.“

Hilde nahm die kleine Taschenlampe aus Noras Werkzeugschublade und leuchtete flach über den unteren Rahmen. Zwischen Holz und Stoff steckte etwas Helles. Kein ganzer Umschlag, nur eine ausgefranste Kante.

Nora holte eine Pinzette, hielt dann inne.

„Tobias?“, fragte Eva.

Nora rief ihn per Video an. Er sah sich die Stelle an und bat sie, zuerst den Zustand aus mehreren Winkeln zu fotografieren. Danach durfte Nora das lose Stück greifen, ohne Stoff oder Holz zu lösen.

Das Papier kam nur einen Zentimeter weit. Es hing nicht fest; es war unter die Leiste gerutscht. Nora zog langsam, bis ein halbes Kärtchen auf ihrer Hand lag.

Vorn war ein Teil eines geprägten Namens zu lesen:

Notariat Albrecht & Le—

Darunter stand ein Datum.

8. November 1999.

Hilde setzte sich.

Marlene war am 17. Oktober gestorben.

Nora drehte die Karte um. Auf der Rückseite begann eine handschriftliche Nummer, doch die zweite Hälfte fehlte.

Der Termin hatte zweiundzwanzig Tage nach dem Tod ihrer Mutter stattgefunden.

Nora steckte die Karte nicht zurück in den Koffer. Sie beschriftete die Hülle mit Fundort, Datum und den Namen aller drei Anwesenden. Der leere Koffer hatte ihnen endlich etwas zurückgegeben.