Tobias legte die halbe Karte unter eine Dokumentenkamera und vergrößerte die Rückseite auf seinem Bildschirm.
„Nicht ergänzen, was Sie zu erkennen glauben“, sagte er.
Nora saß mit Eva und Hilde im kleinen Besprechungsraum seiner Kanzlei. Das Original lag in einer Klarsichthülle. Auf dem Monitor wirkte die abgerissene Nummer wie eine Botschaft, die absichtlich in der Mitte verstummte:
99/BR/41—
Darunter waren zwei Buchstaben erhalten. Na und ein Teil eines c.
„Nachlass“, sagte Hilde.
Tobias sah sie an. „Vielleicht.“
„Was soll es sonst heißen?“
„Nachtrag. Nachweis. Name einer Person. Wir behandeln es als nicht vollständig.“
Nora kannte das inzwischen. Jede Vermutung bekam einen eigenen Abstand zur Tatsache. Vor einer Woche hätte sie diese Vorsicht für Feigheit gehalten. Nun sah sie darin eine Art Geländer.
Tobias hatte bereits geprüft, dass das Notariat Albrecht & Lenz seit elf Jahren nicht mehr bestand. Einer der Notare war verstorben, der andere hatte sein Amt aufgegeben. Die Urkunden und Nebenakten waren an unterschiedliche amtliche Verwahrstellen gegangen.
„Können wir dort einfach nach der Nummer fragen?“, sagte Nora.
„Wir können eine konkrete Anfrage stellen und Ihr mögliches rechtliches Interesse erklären. Wir können nicht verlangen, sämtliche Unterlagen mit dem Namen Ihrer Mutter durchsuchen zu dürfen.“
„Ich bin ihre Tochter.“
„Das begründet ein Interesse. Es hebt aber nicht automatisch jede Verschwiegenheit gegenüber anderen Beteiligten auf.“
Eva schob Tobias eine Kopie des Gründungsartikels und Hildes Notiz hin. „Reicht das?“
„Für eine Anfrage wahrscheinlich. Für die Herausgabe einer Urkunde noch nicht zwingend.“
Hilde hatte am Morgen eine Erklärung geschrieben. Darin bestätigte sie nur, was sie selbst gesehen oder gehört hatte: Marlene hatte von zwei Ausfertigungen gesprochen; eine sollte bei einem Hamburger Notar bleiben; die zweite lag zeitweise im Holzkoffer. Hilde behauptete nicht, alle Klauseln zu kennen.
Tobias las den Text noch einmal. „Der ist brauchbar, gerade weil er nicht mehr behauptet.“
„Sie könnten auch einmal etwas Nettes sagen“, murmelte Hilde.
„Das war nett.“
Nora nahm die halbe Karte aus der Hülle nicht heraus. „Warum gab es überhaupt einen Termin nach ihrem Tod?“
„Möglicherweise wegen des Nachlasses“, sagte Tobias. „Vielleicht wurde eine frühere Urkunde besprochen. Vielleicht sollte etwas zurückgenommen, bestätigt oder umgesetzt werden.“
„Von wem?“
„Das wissen wir nicht.“
Hilde presste die Lippen zusammen. „Peter war in den Wochen nach dem Unfall zu allem bereit. Er schlief kaum. Er hatte Angst, das Haus zu verlieren.“
Peter Brandt, Noras Vater, war vor vier Jahren gestorben. Nora hatte ihn als vorsichtigen Mann in Erinnerung, der Rechnungen dreimal prüfte und bei jedem größeren Kauf eine Nacht wartete. Nach dem Tod ihrer Mutter musste er ein anderer gewesen sein, ein Mann, den Nora als Kind nicht erkennen konnte.
„War Helene bei ihm?“, fragte sie.
„Fast täglich.“
„Und beim Notar?“
„Davon wusste ich nichts.“
Tobias öffnete das sichere Nachrichtenportal seiner Kanzlei. Er formulierte die Anfrage an die zuständige Verwahrstelle, fügte Noras Abstammungsnachweis, die Sterbeurkunde, die Kartennummer und Hildes Erklärung bei. Nora las jeden Satz, bevor er absendete.
Beantragt wurde zunächst keine vollständige Akte. Tobias bat um die Bestätigung, ob das Aktenzeichen existierte, ob Nora als Betroffene oder Begünstigte geführt wurde und welche weiteren Nachweise für Einsicht erforderlich waren.
„Wie lange dauert das?“, fragte Nora.
„Tage, vielleicht Wochen.“
„Die Bank gibt uns keine Wochen.“
„Die Bank und diese Urkunde sind zwei verschiedene Verfahren. Wir dürfen sie nicht künstlich zusammenbinden.“
Nora sah auf die Karte. „Und wenn die Bank vorher vollstreckt?“
„Dann beantragen wir auf Grundlage der vorhandenen Unterschrifts- und Kontaktmängel Schutz. Die Treuhandakte kann später hinzukommen. Ein fehlendes Puzzleteil macht die anderen nicht wertlos.“
Eva sah von ihrer Kopie auf. „Aber wenn die Gesellschaft Noras Rechte verschwiegen hat und dieselbe Gesellschaft ihr Haus als Sicherheit benutzt, ist das nicht völlig getrennt.“
„Materiell vielleicht nicht. Für die nächsten zweiundsiebzig Stunden schon.“
Sie arbeiteten deshalb an beiden Spuren. Tobias bereitete die Einwände gegen die Garantie vor. Nora beantragte bei ihrem Versicherer eine vollständige Kopie des damaligen Schaden- und Finanzierungsanhangs. Eva wartete auf die Zertifikatsdaten des Signaturanbieters.
Am Nachmittag ging Hilde nach Hause. Eva fuhr zur Arbeit. Nora blieb in der Kanzlei, weil eine Sachbearbeiterin der Verwahrstelle zurückgerufen hatte.
„Es gibt einen Registereintrag zu 99/BR/417“, sagte Tobias nach dem Gespräch. „Keine Urkunde am Telefon, nur Metadaten.“
Nora stand sofort auf. „Also war die fehlende Ziffer eine Sieben.“
„Ja.“
„Und der Betreff?“
Tobias hatte drei Zeilen notiert. Er drehte den Block zu ihr.
8. November 1999.
Brandt, Marlene – Nachlassangelegenheit.
Besprechung einer Treuhandregelung.
„Steht mein Name darin?“
„Nicht in den Daten, die sie telefonisch nennen durfte. Für die Akteneinsicht verlangt sie einen zusätzlichen Erbnachweis und prüft dann den Umfang.“
Nora las die drei Zeilen erneut.
Der Termin war nicht als Verkauf bezeichnet. Nicht als Abtretung. Nicht als Abschlusszahlung.
Zweiundzwanzig Tage nach Marlenes Tod hatte jemand mit dem Notariat über eine Treuhandregelung gesprochen.
Und Helene hatte Nora ihr ganzes Leben erzählt, die Anteile seien schon vorher verkauft worden.
Nora fotografierte Tobias’ Notiz nicht. Sie wartete auf seine schriftliche Gesprächsbestätigung. Diesmal wollte sie keine Erinnerung besitzen, die später größer wurde als die Auskunft selbst.
