Nora breitete vier Versionen derselben Unterlage auf dem Boden ihres Wohnzimmers aus.
Links lag ihre private Kopie des Versicherungsnachtrags. Daneben die Datei, die ihr Versicherer am Morgen geschickt hatte. Rechts lagen die Garantieunterlagen der Nordbank und eine vergrößerte Aufnahme ihrer angeblichen Unterschrift.
Auf den ersten Blick passte alles.
Auf den zweiten nicht.
„Hier“, sagte sie und zeigte Eva die Lochung am linken Rand.
Eva kniete sich neben sie. „Was sehe ich?“
„Beim Original sind die beiden Löcher gleich weit vom Rand entfernt. Bei der Bankkopie schneidet das obere Loch fast in die Seitenzahl.“
„Kann das vom Scannen kommen?“
„Die Position vielleicht. Nicht der Abstand zwischen Loch und Text.“
Nora nahm ihr Lineal. In Schadenakten erkannte sie häufig, ob Seiten später ergänzt worden waren: andere Druckränder, abweichende Heftspuren, ein Datum, das nicht zur Besichtigung passte. Ein einzelnes Merkmal bewies wenig. Mehrere konnten eine Prüfung begründen.
Ihr Versicherungsnachtrag bestand aus vier Seiten. Auf Seite vier hatte Nora unterschrieben, unter einer Erklärung zur Richtigkeit der Gebäudedaten.
Die Bankdatei bestand aus zwölf Seiten. Auf Seite neun erschien dieselbe Unterschrift unter einer persönlichen Garantie.
Nicht nur ähnlich. Derselbe kleine Abbruch im letzten Strich des B. Derselbe helle Punkt über dem r. Sogar eine graue Falte verlief durch beide Abbildungen an exakt derselben Stelle.
„Sie haben dieselbe gescannte Seite verwendet“, sagte Eva.
„Das vermute ich.“
„Sie klingt schon wie Tobias.“
„Leider.“
Nora legte transparente Folie über beide Ausdrucke. Die Unterschriften deckten sich vollständig. Doch der Text direkt darüber war verschieden. Beim Versicherer begann er mit Angaben zum Gebäudezustand. Bei der Bank mit der Übernahme einer selbstschuldnerischen Garantie.
„Ich habe diesen Satz nie unterschrieben.“
Eva fotografierte die Vergleichsanordnung. „Wir brauchen die Originaldateien, nicht nur Ausdrucke.“
Nora hatte sie bereits angefordert. Der Versicherer stellte den ursprünglichen Scan über sein Kundenportal bereit, einschließlich Eingangsdatum. Die Nordbank hatte bisher nur ein PDF geschickt, das nachträglich zu einer Gesamtakte zusammengefügt worden war.
Sie rief Tobias an. Er kam eine Stunde später und brachte einen mobilen Scanner mit, ließ die Originale aber zunächst liegen.
„Erklären Sie es mir, als wüsste ich nichts“, sagte er.
Nora zeigte ihm Seite für Seite, was sie sicher wusste. Sie hatte den vierseitigen Versicherungsnachtrag am 12. Februar vor vier Jahren unterschrieben. Ihre Kopie war am unteren Rand durch Kaffee beschädigt, weil Daniel die Tasse umgestoßen hatte. Der Versichererscan zeigte denselben Fleck.
Die Garantieseite der Bank zeigte den Fleck ebenfalls, obwohl die Garantie laut Dokumentenkopf erst sechs Wochen später erstellt worden war.
„Das ist gut“, sagte Tobias.
„Gut?“
„Als Anknüpfungstatsache. Nicht gut für Sie.“
Er notierte die unterschiedlichen Dokumentendaten und bat Nora, ihren Versicherer um eine schriftliche Bestätigung, wann die Originalseite eingegangen war. Von der Bank verlangte er die Einzeldokumente vor der Zusammenführung, die Übermittlungsprotokolle und Angaben dazu, wer die Anlage hochgeladen hatte.
„Wenn sie die Seite ausgetauscht haben, ist die Garantie doch erledigt“, sagte Nora.
„Wenn sich das bestätigt, haben Sie einen starken Einwand. Bis dahin wird die Bank sagen, dass ihr eine vollständige, plausibel signierte Akte vorlag.“
„Und meine zweite Unterschrift?“
Nora zeigte auf die letzte Seite der Bankakte. Dort befand sich eine weitere Signatur, kleiner und leicht geneigt, angeblich ebenfalls von ihr. Sie erinnerte sich nicht daran. Anders als die erste war sie nicht identisch mit einem vorhandenen Scan.
„Eine Unterschrift zu viel“, sagte sie.
Tobias vergrößerte die Seite. „Nicht selbst nachzeichnen, nicht im Freundeskreis vergleichen. Wir lassen prüfen, ob ein Original existiert und ob eine sachverständige Untersuchung nötig ist.“
„Sie sieht aus wie meine.“
„Das kann Absicht sein. Oder sie stammt von einem anderen Dokument. Oder Sie haben unterschrieben, ohne sich heute an den Zusammenhang zu erinnern. Wir schließen nichts aus, bevor wir die Quelle kennen.“
Nora legte beide Hände neben die Papiere, nicht darauf. „Ich möchte, dass festgehalten wird, dass ich die Garantie bestreite. Nicht, dass ich jede Unterschrift meines Lebens bestreite.“
„Genau so formuliere ich es“, sagte Tobias.
Nora hasste den letzten Satz, weil Daniel genau auf diese Unsicherheit gebaut hatte. Er hatte ihr Stapel hingelegt, gelbe Klebezettel gesetzt und gesagt: „Nur die Versicherungssachen, Liebling.“
Sie hatte ihm vertraut. Vertrauen war kein Beweis für Zustimmung zu jedem Blatt in einem Stapel.
Am späten Nachmittag bestätigte der Versicherer den Eingang der unterschriebenen Vier-Seiten-Fassung am 13. Februar. Sechs Wochen vor dem Datum der Garantie.
Tobias nahm die Bestätigung in seinen Schriftsatz auf.
Um 17:26 Uhr traf die Antwort der Nordbank ein.
Die Bank werde die vorgelegten Einwände intern prüfen. Eine freiwillige Aussetzung könne jedoch nur bis zum Ablauf der bereits eingeräumten Frist aufrechterhalten werden. Danach gehe die Sache in die reguläre Vollstreckungsprüfung.
Nora las die letzte Zeile zweimal.
Verbleibende Frist: 72 Stunden ab Zugang dieser Nachricht.
Unter der E-Mail hing die Garantieseite mit ihrer Unterschrift.
Nicht einer ähnlichen Unterschrift.
Der Unterschrift, die sie sechs Wochen vorher unter eine Versicherungserklärung gesetzt hatte.
Nora nahm die Originalkopie vom Boden und schloss sie in die Dokumentenmappe. Die Bank hatte eine Frist. Sie hatte jetzt eine belegbare Reihenfolge.
