Kapitel 19: Evas Zertifikat

Eva öffnete das Protokoll ihres Signaturkontos um 6:18 Uhr, noch bevor sie Kaffee gekocht hatte.

Der Anbieter hatte die Daten über das geschützte Kundenportal bereitgestellt. Sie musste sich mit ihrem eigenen Ausweis legitimieren und eine neue Zugangsnummer eingeben. Daniel konnte diesen Vorgang nicht mehr für sie übernehmen.

Auf dem Bildschirm erschienen sieben Signaturereignisse aus den vergangenen fünf Jahren.

Sechs kannte Eva.

Das siebte fand am 1. Januar um 14:07 Uhr statt.

An diesem Nachmittag hatte Eva ihren Vater im Pflegeheim besucht.

Sie erinnerte sich an den Speisesaal, an den Geruch nach Kaffee und Desinfektionsmittel, an die Papierschlangen, die eine Pflegerin für die Neujahrsfeier aufgehängt hatte. Ihr Vater hatte kaum gesprochen. Daniel war angeblich zu Hause geblieben, weil ihn eine Erkältung plagte.

Das Protokoll zeigte:

Vorgang: Dokumentenfreigabe Nordbank.

Bestätigungskanal: registrierte Mobilnummer.

Endziffern: 4421.

Daniels Nummer.

Gerätebezeichnung: Familien-Tablet Keller.

Eva setzte sich an den Küchentisch. Bereits in den Bankunterlagen hatte sie gesehen, dass ein Bestätigungscode an Daniels Telefon gegangen war. Neu waren der genaue Zeitpunkt, die Gerätebezeichnung und eine technische Anlage, die sie nicht vollständig verstand.

Sie rief nicht beim Anbieter an, bevor Tobias erreichbar war.

„Fragen Sie nach einer verständlichen Erläuterung“, sagte er. „Und nach der Herkunft der Gerätebezeichnung. Hat der Anbieter sie erfasst oder stammt sie von der Bank?“

Eva schrieb ihre Fragen auf. Dann rief sie die Servicenummer für Sicherheitsvorfälle an.

Der Mitarbeiter erklärte, die Gerätebezeichnung sei vom verwendeten Browser übermittelt worden. Sie könne vom Nutzer geändert worden sein und beweise nicht, welches konkrete Gerät verwendet wurde. Die Bestätigung an die registrierte Nummer sei dagegen im System protokolliert.

„Warum war die Nummer meines Mannes registriert?“

„Das kann ich im Sicherheitsprotokoll nicht sehen. Die Änderung müsste Teil der Kontohistorie sein.“

Nach weiteren zehn Minuten fand er den Eintrag. Vier Monate vor der Signatur war die Nummer über ein Aktualisierungsformular geändert worden. Als Identitätsnachweis hatte eine Arbeitgeberbestätigung gedient.

Eva kannte das Dokument bereits aus der Bankakte. Es nannte sie fälschlich Finanzleiterin bei Keller Wohnbau und trug Helenes Unterschrift.

„Kann ich feststellen, wer am 1. Januar vor dem Gerät saß?“

„Nein. Das Protokoll zeigt den Vorgang, nicht die Person.“

Die Antwort enttäuschte Eva und beruhigte sie zugleich. Ein seriöser Datensatz versprach nicht mehr, als er leisten konnte.

Der Mitarbeiter verwies auf eine zweite Anlage mit den Verbindungsdaten. Darin stand eine Zahlenfolge, die Eva als IP-Adresse erkannte, und daneben eine Klassifizierung:

Unternehmenszugang, vorregistriertes Vertrauensnetz.

„Was bedeutet das?“

„Die anfragende Bank hatte für bestimmte Firmenkunden feste Netzzugänge hinterlegt. Ich darf Ihnen im Rahmen Ihrer eigenen Auskunft mitteilen, welchem Mandanten der Zugang zugeordnet war.“

Eva wartete.

„Keller Wohnbau GmbH, Lübeck.“

Sie schrieb den Satz wörtlich auf und bat um eine schriftliche Erläuterung im Portal. Der Mitarbeiter kündigte eine Ergänzung durch die Sicherheitsabteilung an. Er sagte nicht, dass Helene signiert habe. Er sagte nicht, dass Daniel am Computer saß. Er bestätigte nur, dass der Vorgang über einen Keller Wohnbau zugeordneten Zugang lief.

Eva schloss das Gespräch und suchte ihre Unterlagen vom Pflegeheim.

Die Besucherliste zeigte ihre Ankunft um 13:31 Uhr und das Ende des Besuchs um 16:22 Uhr. Ein Foto der Neujahrsrunde trug den Zeitstempel 14:11 Uhr. Eva stand darauf neben ihrem Vater und hielt ihm eine Tasse.

Vier Minuten nach der Signatur.

Sie schickte Tobias weder das Foto noch die Liste unaufgefordert. Zuerst rief sie im Heim an und fragte, wie sie eine offizielle Bestätigung ihres eigenen Besuchs beantragen könne.

„Das beweist doch, dass Sie es nicht waren“, sagte Nora, als Eva ihr später die Daten zeigte.

Sie trafen sich in Evas Mittagspause auf einer Bank an der Trave. Eva hatte nur Kopien mitgebracht.

„Nein. Ich hätte theoretisch vom Pflegeheim aus etwas freigeben können.“

„Ohne Ihr Handy?“

„Der Code ging an Daniel.“

„Eben.“

„Es zeigt, dass der vorgesehene Bestätigungsweg nicht bei mir lag. Nicht, wer ihn benutzt hat.“

Nora zog ihre gelbe Schalschnur enger. „Manchmal möchte ich, dass ein Beweis einfach ein Beweis ist.“

„Ich auch.“

Eva dachte an ihren Vater. Daniel hatte sie am Abend gefragt, ob der Besuch anstrengend gewesen sei. Er hatte Tee gekocht und ihr eine Decke gebracht. Während sie glaubte, er habe krank zu Hause gelegen, war über seine Telefonnummer und ein Firmennetzwerk ein Dokument in ihrem Namen freigegeben worden.

Diese Gleichzeitigkeit war grausamer als die Daten.

Um 15:04 Uhr kam die Ergänzung des Signaturanbieters. Tobias leitete sie an die Nordbank weiter, zusammen mit Evas Widerspruch, der Arbeitgeberbestätigung und dem Antrag auf Sicherung sämtlicher Originalprotokolle.

Die Sicherheitsabteilung formulierte vorsichtig:

Das Signaturereignis könne Eva nicht sicher als handelnder Person zugeordnet werden. Der zweite Faktor sei an eine nicht von Eva genutzte Mobilnummer gesendet worden. Der Netzwerkzugang sei zum Ereigniszeitpunkt dem Geschäftskunden Keller Wohnbau GmbH zugeordnet gewesen.

Eva las den Absatz, bis jedes Wort seinen richtigen Platz hatte.

Am Neujahrstag war ihre Signatur nicht irgendwo im Internet benutzt worden.

Sie war aus Daniel und Helenes Büro gekommen.

Wer dort den Vorgang ausgelöst hatte, blieb offen. Dass Eva es nicht gewesen sein musste, stand nun schwarz auf weiß.