Kapitel 50: Er lebt

Der Anruf kam aus Rostock.

Nicht aus einem bestimmten Haus und nicht aus einem Hotelzimmer. Die Verbindung lief über einen öffentlichen Internetzugang in der Nähe des Hauptbahnhofs und eine nicht registrierte Telefonkarte. Jana konnte keinen exakten Standort nennen.

„Aber er war es“, sagte Eva.

„Die Stimme, sein Wissen über das Hotel und die technische Spur sprechen sehr deutlich dafür.“

Nora saß neben ihr. „Dann lebt er.“

„Zum Zeitpunkt des Anrufs mit hoher Wahrscheinlichkeit, ja.“

Jana bestätigte außerdem, dass keine andere Person im Hintergrund Anweisungen gab. Daniel hatte frei gesprochen, die Verbindung selbst beendet und Informationen ausgewählt.

Das bewies nicht, dass er ohne Angst handelte.

Es bewies, dass er aktiv an seinem Verschwinden beteiligt war.

Eva spürte keine Erleichterung, die lange genug blieb. Daniel lebte. Das war gut. Daniel lebte und ließ zwei Frauen mit einer Garantie, falschen Signaturen und einer öffentlichen Verdächtigung zurück. Das war die nächste Wahrheit.

„Er hat nach fünf gleichen Zahlungen gefragt“, sagte Jana. „Wissen Sie, was er meint?“

Eva schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“

Sie hatte den Satz in ihrer Notiz markiert. Kein privater Suchauftrag von Daniel. Wenn die Zahlungen in ihren rechtmäßig erhaltenen Unterlagen auftauchten, würde sie sie prüfen. Sie würde ihm nicht nach Rostock folgen.

Am Nachmittag kam ein Brief für Nora.

Der Umschlag trug einen Rostocker Poststempel vom Vortag. Kein Absender. Tobias bat Nora, ihn nicht allein zu öffnen. Sie trafen sich in seiner Kanzlei, fotografierten den Zustand und informierten Jana.

Der Brief war vor Daniels Anruf aufgegeben worden. Er konnte ihre Reaktion also nicht gekannt haben. Foto und Satz gehörten zu einer vorbereiteten nächsten Spur, nicht zu einer spontanen Antwort.

Im Umschlag lag ein altes Foto.

Marlene stand vor einem fast fertigen Backsteinhaus. Sie trug einen weißen Helm und hielt eine gerollte Zeichnung. Neben ihr war ein Teil des roten Firmenlogos zu sehen.

Nora kannte das Bild nicht.

Auf der Rückseite stand Marlenes Handschrift:

Für Nora bewahren.

Darunter hatte Daniel einen Satz geschrieben:

Du warst von Anfang an der Grund.

Nora legte das Foto auf den Tisch. „Der Grund wofür?“

Eva dachte an Daniels Treffen am Grab einen Tag vor der ersten Begegnung. An den Holzkoffer, die digitalisierten Kassetten und Helenes Frage nach dem Original.

„Dass er Sie angesprochen hat“, sagte sie.

„Oder dass er verschwunden ist.“

„Oder beides.“

Tobias betrachtete nur die überprüfbaren Merkmale. Foto, Handschrift, Poststempel, neuer Satz. Das Bild allein erklärte nicht, was für Nora bewahrt werden sollte. Es konnte ein Projekt, ein Anteil, eine Erinnerung oder etwas anderes meinen.

Am unteren Rand war ein Datum eingeprägt: August 1999, zwei Monate vor Marlenes Tod. Im Hintergrund stand das erste Wohnprojekt von Keller & Brandt. Diese Angaben waren überprüfbar. Daniels Satz auf der Rückseite blieb eine Deutung.

Nora wollte Daniel anrufen. Es gab keine Nummer. Sie wollte zum Rostocker Bahnhof fahren. Ihre Zusammenarbeit sagte, dass sie Jana informierte und nicht allein einer Spur folgte.

„Ich fahre nicht“, sagte sie, bevor Eva fragen konnte.

Sie ließ die Entscheidung auf dem Tisch liegen.

Jana nahm den Umschlag zur Prüfung mit. Nora behielt nach Dokumentation eine Kopie des Fotos. Das Original wurde gesichert.

Am Abend stand sie vor dem zweiten Briefkasten in Bad Oldesloe. Daniels Name klebte noch neben ihrem. Sie strich ihn nicht ab. Noch nicht. Der Briefkasten war Teil des Ortes, an dem die Lüge sichtbar geworden war.

Eva rief an.

„Jana hat bestätigt, dass Daniel das Hotel am Morgen allein verlassen hat.“

„Dann ist er wirklich nicht verschwunden worden.“

„Er versteckt sich.“

„Und er steuert, was wir wann sehen“, sagte Nora.

Nora sah auf Daniels Namen am Briefkasten. „Dann hören wir auf, seine Reihenfolge mit unserer zu verwechseln.“

Nora sah auf die Fotokopie ihrer Mutter. Marlenes Hand lag fest um die Bauzeichnung. Hinter ihr stand eines der ersten Häuser der Firma.

Daniel lebte.

Daniel hatte sie von Anfang an gesucht.

Und statt zurückzukommen, schickte er ihr die nächste Hälfte einer Wahrheit.

Die erste Phase ihrer Suche endete nicht mit einer Rettung.

Sie endete mit der Gewissheit, dass der vermisste Mann lebte, plante und beide Frauen noch immer bewegen wollte.