Kapitel 51: Das Datum auf dem Foto

Das Foto war am 12. August 1999 aufgenommen worden.

Der Datumsstempel lag nicht nur am unteren Rand. Auf der Rückseite stand die Nummer eines Fotolabors, dessen alte Auftragslisten im Stadtarchiv erhalten waren. Tobias ließ sich bestätigen, dass die Nummer zur Entwicklung eines Films in derselben Woche gehörte.

Nora legte die Kopie neben Marlenes Kalender.

12. August: Baustelle Königstraße, Abnahme Haus drei.

Zwei Monate und fünf Tage später starb Marlene.

„Also ist das Gebäude im Hintergrund die Königstraße“, sagte Eva.

Nora fand eine alte Presseaufnahme des Projekts. Backstein, drei hohe Fenster, rote Firmenmarke. Die Perspektive stimmte.

Auf Marlenes Foto war rechts am Rand eine kleine Holztafel zu sehen:

Haus 3 – Bestand Brandt.

„Was bedeutet Bestand?“, fragte Nora.

„Kann Gebäudebestand heißen“, sagte Tobias. „Oder interner Aktenbestand. Oder Besitz. Wir brauchen den damaligen Zusammenhang.“

Nora wollte das Wort sofort mit den fünfunddreißig Prozent verbinden. Sie schrieb stattdessen nur die drei Möglichkeiten auf.

Hilde bestätigte die Handschrift auf der Rückseite:

Für Nora bewahren.

Sie erkannte das lange N und die Art, wie Marlene das w mit einer zusätzlichen Schleife schrieb. Jana ließ Vergleichsmaterial sichern. Hildes Aussage war nützlich, ersetzte aber keine formale Prüfung.

„Hat sie Ihnen je von Haus drei erzählt?“, fragte Nora.

„Sie sprach von einem Projekt, das später Erträge für dich sichern sollte“, sagte Hilde. „Ich wusste nicht, ob sie ein Haus oder Anteile meinte.“

„Warum haben Sie das nicht früher gesagt?“

„Weil ich erst jetzt das Foto sehe.“

Nora akzeptierte die Antwort, ohne sie angenehm zu finden.

Eva prüfte die sichtbare rote Firmenmarke. Damals hieß das Unternehmen noch Keller & Brandt Wohnbau. Auf späteren öffentlichen Unterlagen war das Projekt nur Keller Wohnbau zugeordnet.

„Der Name Ihrer Mutter ist nicht nur auf der Gründerseite verschwunden“, sagte sie. „Auch bei diesem Haus.“

Tobias forderte die historischen Projektunterlagen über die zulässigen Register- und Archivwege an. Nora fuhr nicht zur Königstraße, bevor klar war, ob das Grundstück öffentlich zugänglich war und wem es heute gehörte.

Am Nachmittag kam eine erste Grundbuchhistorie. Haus drei war kurz nach Marlenes Tod an eine Projektgesellschaft übertragen worden. Der damalige Gegenwert war in der öffentlichen Kurzfassung nicht erkennbar.

„Welche Gesellschaft?“, fragte Nora.

„KWB Bestand III GmbH“, sagte Tobias.

Die Gesellschaft existierte nicht mehr. Sie war Jahre später auf Keller Wohnbau verschmolzen worden.

Im Verschmelzungsbericht wurde Haus drei nur als „Objekt K-3“ erwähnt. Ein damaliger Bewertungsanhang war nicht öffentlich abrufbar. Tobias beantragte Einsicht, soweit Noras mögliches Nachlassinteresse dafür ausreichte.

Heute bestand das Backsteinhaus aus sechs Mietwohnungen. Die Bewohner hatten mit dem alten Gesellschaftsstreit nichts zu tun. Nora entschied deshalb, weder dort zu klingeln noch Fotos von Namensschildern zu sammeln.

„Wenn meine Mutter Erträge sichern wollte, hängen jetzt Menschen mit Mietverträgen daran“, sagte sie.

„Deshalb ist ein möglicher Anspruch kein Schlüssel zu deren Wohnungen“, sagte Tobias. „Es geht um Rechte und Werte, nicht darum, Bewohner zu verdrängen.“

Nora schrieb auch diese Grenze auf.

Auf dem Foto hielt Marlene keine beliebige Bauzeichnung. Beim Vergrößern war in der unteren Ecke eine römische Drei zu sehen.

„Für Nora bewahren“, sagte Nora. „Sie meinte vielleicht diesen Plan.“

„Oder das Foto“, sagte Eva.

„Oder das Haus.“

„Oder die Rechte daran.“

Vier Möglichkeiten. Keine davon durfte zur Wahrheit erklärt werden, nur weil sie Nora gefiel.

Sie drehte die Fotokopie um. Daniels Satz stand unter dem ihrer Mutter. Zwei Handschriften, siebenundzwanzig Jahre Abstand.

Marlene hatte etwas für Nora bewahren wollen.

Daniel wusste, dass dieser Satz existierte.

Noch immer erklärte das Foto nicht, was bewahrt werden sollte.

Aber das Datum bewies, dass Marlenes Entscheidung vor ihrem Tod und nicht als spätere Familienlegende entstanden war.

Daniel hatte das Originalfoto besessen, obwohl Nora es nie gesehen hatte. Die nächste Frage war deshalb nicht nur, was Marlene bewahren wollte.

Es war auch, aus welchem Archiv Daniel das Bild genommen hatte.

Ein Foto konnte keine fünfunddreißig Prozent übertragen. Aber es verband Marlene, Nora und Haus drei noch vor dem Unfall in einer einzigen, datierten Aufnahme.

Unwiderruflich.