Kapitel 5: Dieselbe Schuld

Am Montagmorgen um 7:06 Uhr wusste Eva, welchen Betrag Daniel ihnen hinterlassen hatte.

284.000 Euro.

Die Nachricht der Nordbank Lübeck lag in ihrem elektronischen Postfach. Betreff: Dringende Mitteilung zu Ihrer persönlichen Mithaftung. Darunter folgte eine nüchterne Erklärung, dass die finanzierte Projektgesellschaft eine fällige Zahlung nicht geleistet habe. Die Bank prüfe deshalb die Inanspruchnahme der hinterlegten Sicherheiten.

Eva las bis zum Ende, ohne eine Zeile zu überspringen.

Dann begann sie von vorn.

Ihr Name stand dreimal im Schreiben. Eva Keller, Mitverpflichtete. Eva Keller, Finanzleiterin der Keller Wohnbau GmbH. Eva Keller, elektronische Unterzeichnerin der Sicherungsvereinbarung.

Nur der erste Eintrag war wahr.

Sie hatte nie für Keller Wohnbau gearbeitet. Sie war Lohnbuchhalterin bei HanseKontor Logistik. Daniel wusste das. Die Bank hätte es wissen müssen. Irgendjemand hatte ihr einen Beruf gegeben, den sie nicht hatte, damit ihre Unterschrift zu einem Geschäft passte, das sie nie gesehen hatte.

Eva lud die Anhänge herunter, speicherte sie aber nicht auf dem gemeinsamen Familiencomputer. Sie nahm den privaten USB-Speicher, den sie für ihre Fortbildungsunterlagen nutzte, und legte zusätzlich Ausdrucke an.

Erst danach rief sie Nora an.

„Sagen Sie nichts“, sagte Nora. „Ich habe es auch bekommen.“

Eva schloss die Augen.

„Welcher Betrag?“

„Zweihundertvierundachtzigtausend.“

„Aktenzeichen?“

Nora las es vor.

Es war dieselbe Nummer aus Daniels Notizbuch. Dieselbe Nummer unter Noras fehlender Kreditanlage. Dieselbe Nummer, die nun über Evas Namen stand.

„Schicken Sie mir nur die erste Seite“, sagte Eva. „Schwärzen Sie Kontodaten, die nichts mit der Sache zu tun haben.“

„Warum? Wir sitzen doch im selben Problem.“

„Weil wir uns seit Freitag kennen.“

Am anderen Ende wurde es still.

„Richtig“, sagte Nora schließlich. „Danke für die Erinnerung.“

„So war das nicht gemeint.“

„Doch. Und Sie haben recht.“

Eva hörte das Tippen einer Tastatur. Wenige Sekunden später kam eine Datei.

Sie öffnete beide Schreiben nebeneinander.

Die Texte waren fast identisch. Bei Eva lautete die Funktion Finanzleiterin. Bei Nora stand Eigentümerin der projektnahen Immobilie. Beide sollten eine persönliche Garantie für dasselbe Darlehen übernommen haben.

Evas Unterschrift war digital eingefügt. Sauber, blau, mit einem Prüfvermerk darunter.

Sie erkannte das Signaturbild. Es stammte von einem Zertifikat, das sie bei HanseKontor für interne Lohnfreigaben verwendete. Nicht exakt dasselbe System, aber dieselbe grafische Unterschrift.

Noras Signatur war handschriftlich.

„Haben Sie so unterschrieben?“, fragte Eva.

„Ja.“

Die Antwort kam sofort.

Eva sah auf die Schrift. „Dann ist Ihre echt.“

„Meine Unterschrift ist echt. Die Seite nicht.“

„Erklären Sie das.“

„Vor elf Monaten gab es einen Wasserschaden im Keller. Daniel brachte Unterlagen von der Versicherung mit. Eine Kostenabtretung, Vollmacht für den Handwerker, Bestätigung zur Gebäudeversicherung. Ich habe mehrere Seiten unterschrieben.“

„Haben Sie Kopien?“

„Von fast allem. Aber diese Überschrift habe ich noch nie gesehen.“

Eva verglich die Seitenzahlen. Bei Nora stand unten Seite 9 von 12. Die Datei enthielt nur Seite 9 und eine allgemeine Vertragsseite.

„Die Anlagen fehlen“, sagte sie.

„Genau.“

„Das beweist nicht, dass die Seite ausgetauscht wurde.“

„Ich weiß, wie Beweise funktionieren.“

„Das habe ich nicht bezweifelt.“

„Sie tun es ständig.“

Eva nahm die Brille ab und rieb die Druckstelle an der Nase. Es war kurz vor acht. In dreißig Minuten musste sie bei HanseKontor sein und so tun, als bestehe ihre Welt aus normalen Montagsproblemen.

„Nora, ich versuche, zwischen dem zu unterscheiden, was wir wissen, und dem, was wir vermuten.“

„Und ich versuche, nicht für eine Unterschrift zu bezahlen, die jemand unter eine andere Seite gesetzt hat.“

„Dann wollen wir dasselbe.“

Nora atmete hörbar aus. „Was machen wir?“

„Wir rufen die Bank an. Getrennt. Wir bestreiten beide die Verpflichtung und verlangen die vollständigen Unterlagen. Keine langen Erklärungen, keine Anschuldigungen, bevor wir die Dokumente haben.“

„Und die Polizei?“

„Danach.“

„Daniel hat ausdrücklich gesagt, wir sollen beides nicht tun.“

„Daniel hat auch gesagt, er sei Ihr Mann.“

Nora schwieg.

Eva bereute den Satz. Diesmal entschuldigte sie sich.

„Das war unnötig.“

„Nein“, sagte Nora leise. „Nur präzise.“

Sie beendeten das Gespräch mit einer Uhrzeit: 9:30 Uhr bei der Polizei. Eva schrieb sie auf ihren Block.

Um 7:42 Uhr rief sie die Nummer der Nordbank an, die sie nicht aus der E-Mail, sondern von der offiziellen Webseite nahm. Ein Mitarbeiter verband sie nach mehreren Sicherheitsfragen mit der Abteilung für problematische Finanzierungen.

Eva erklärte, dass sie die Garantie nicht kenne, nie Finanzleiterin bei Keller Wohnbau gewesen sei und die elektronische Signatur bestreite.

„Wir nehmen das auf“, sagte die Sachbearbeiterin. „Sie erhalten eine Eingangsbestätigung.“

„Ich möchte außerdem die vollständige Vertragsakte, soweit sie mich betrifft.“

„Das wird geprüft.“

„Wer hat mich als Finanzleiterin angegeben?“

„Dazu kann ich Ihnen am Telefon keine Auskunft geben.“

„Wurde meine berufliche Position geprüft?“

Eine Pause.

„Frau Keller, ich kann Ihre Fragen nur aufnehmen.“

Eva kannte diesen Ton. Freundlich, korrekt, begrenzt. Sie notierte den Namen der Sachbearbeiterin, Uhrzeit und Gesprächsnummer.

„Dann nehmen Sie bitte noch eine Frage auf. Welche Kontaktadresse wurde für die elektronische Signatur verwendet?“

Die nächste Pause dauerte länger.

„In der Zusammenfassung steht eine Mobilnummer mit der Endung siebenundvierzig.“

Evas Nummer endete auf zwölf.

Daniels auf siebenundvierzig.

„Danke“, sagte sie.

Nach dem Gespräch öffnete Eva den Prüfvermerk unter ihrer Signatur. Dort war nicht nur eine Mobilnummer hinterlegt, sondern eine berufliche E-Mail-Adresse:

[email protected]

Eine Adresse, die sie nie besessen hatte.

Ihr Telefon klingelte. Nora.

„Die Bank hat mir gerade gesagt, wer die Unterlagen eingereicht hat“, sagte sie ohne Begrüßung.

Eva sah auf den falschen Beruf, die falsche E-Mail und ihre echte Unterschrift.

„Daniel?“

„Nein“, sagte Nora. „Helene Keller.“