Kriminalhauptkommissarin Jana Mertens hörte zu, ohne Daniel in Gedanken bereits zu einem Opfer zu machen.
Das bemerkte Eva nach den ersten drei Minuten.
Sie saßen zu dritt in einem kleinen Besprechungsraum der Lübecker Polizei. Nora hatte den braunen Ordner mit den Ausweiskopien mitgebracht. Eva legte den Bankbrief, die Ausdrucke der Nachrichten und ihre Liste der fehlenden Gegenstände daneben.
Jana war eine kräftige Frau mit kurz geschnittenem grauem Haar. Sie trug keinen sichtbaren Schmuck außer einer Uhr. Während Nora sprach, schrieb sie wenig. Während Eva sprach, gar nichts.
„Wann hatten Sie zuletzt direkten Kontakt zu Herrn Keller?“, fragte sie.
„Freitagmorgen“, sagte Eva. „Kurz vor acht.“
„Er wirkte normal?“
Eva dachte an den Kaffeefleck auf dem Mantel, den Kuss an ihre Schläfe und seinen Satz über Hamburg.
„So, wie er wirken wollte.“
Jana sah sie einen Moment an. „Ich brauche beobachtbare Dinge, Frau Keller.“
„Er war angezogen wie an einem normalen Arbeitstag. Er nahm seinen Schlüsselbund und seine Arbeitstasche. Er sagte, es werde spät.“
„Gut.“
Nora räusperte sich. „Ich habe ihn Donnerstagabend gesehen. Er hat bei mir geschlafen und ist Freitag gegen halb sieben gegangen.“
Eva hielt den Blick auf ihre Unterlagen gerichtet.
Jana fragte: „Gab es Streit?“
„Nein.“
„Drohungen, gesundheitliche Probleme, Anzeichen für Selbstgefährdung?“
„Nein.“
„Dann muss ich Ihnen etwas sagen, das in dieser Situation unbefriedigend klingen wird. Ein erwachsener Mensch darf seinen Aufenthaltsort verbergen. Er darf eine Beziehung verlassen, sogar zwei. Allein aus der Tatsache, dass Herr Keller nicht erreichbar ist, entsteht noch kein Vermisstenfall mit Gefahrenlage.“
Nora stieß hörbar Luft aus. „Er hat uns Ausweiskopien hinterlassen und zweihundertvierundachtzigtausend Euro Schulden.“
„Das ist relevant. Aber möglicherweise für andere Delikte.“
„Möglicherweise?“
„Wir haben zwei Schreiben einer Bank, die Sie bestreiten. Wir haben eine echte Unterschrift auf einer möglicherweise ausgetauschten Seite und eine elektronische Signatur, deren Verwendung ungeklärt ist. Das nehmen wir auf. Wir trennen es trotzdem von der Frage, ob Herr Keller gegen seinen Willen verschwunden ist.“
Eva verstand die Trennung. Nora offenbar nicht.
„Und wenn seine Mutter dahintersteckt?“, fragte sie.
„Worin genau?“
„Die Bank sagt, Helene Keller habe die Unterlagen eingereicht.“
„Haben Sie das schriftlich?“
Nora schwieg.
Eva antwortete: „Noch nicht. Es war eine telefonische Auskunft.“
„Dann vermerken wir es als Ihre Gesprächswiedergabe, nicht als bestätigte Tatsache.“
Nora wandte sich Eva zu. „Sie finden das wahrscheinlich wieder sehr vernünftig.“
„Ja“, sagte Eva. „Weil es vernünftig ist.“
Jana zog den braunen Ordner zu sich, ohne ihn zu öffnen. „Gehört der Ordner Ihnen, Frau Brandt?“
„Er lag in Daniels Arbeitszimmer in meinem Haus.“
„Und das Telefon?“
„Auch dort.“
„Haben Sie Inhalte verändert?“
„Nein. Wir haben Fotos gemacht.“
„Gut. Ich nehme Gerät und Ordner zunächst mit Ihrem Einverständnis zur Dokumentation entgegen. Sie erhalten eine Bestätigung.“
Nora nickte.
Eva schob die Ausdrucke der Nachrichten über den Tisch. „Daniel hat ausdrücklich geschrieben, wir sollten keine Polizei und keine Bank kontaktieren.“
„Das kann eine Warnung sein“, sagte Jana. „Oder der Versuch, Zeit zu gewinnen.“
„Genau.“
„Was glauben Sie?“
Eva sah auf Daniels Worte. Wenn ihr zu früh handelt.
„Ich glaube, dass er mit unserer Reaktion gerechnet hat.“
Jana stellte weitere Fragen: Kennzeichen, Arbeitsweg, bekannte Aufenthaltsorte, Freunde, Bargeld, Medikamente. Eva antwortete. Nora ergänzte. Ihre zwei Versionen von Daniel überlappten sich kaum und widersprachen sich doch selten. Er hatte nicht zwei Persönlichkeiten erfunden. Er hatte dieselbe Person in zwei Zeitpläne geteilt.
Am Ende stand Jana auf.
„Wir prüfen die Hinweise und geben den möglichen Urkunden- und Betrugsverdacht weiter. Wenn Herr Keller sich meldet, versprechen Sie ihm nichts. Vereinbaren Sie kein geheimes Treffen. Und informieren Sie uns.“
„Suchen Sie ihn?“, fragte Nora.
„Wir versuchen zunächst festzustellen, ob eine Gefahr vorliegt.“
Das war keine Antwort, die beruhigte. Es war eine Antwort, mit der man arbeiten konnte.
Vor dem Gebäude blieb Nora stehen.
„Ich muss zur Arbeit.“
„Ich auch“, sagte Eva.
„Wie machen Sie das?“
„Was?“
„Einfach hingehen.“
Eva blickte zur Straße. Menschen stiegen aus Bussen, hielten Kaffeebecher, sahen auf ihre Telefone. Montagmorgen verlangte von niemandem, dass das eigene Leben noch stimmte.
Vor dem Bäcker gegenüber stellte eine Verkäuferin Kreidetafeln auf den Gehweg. Busse kamen, Türen öffneten sich, Termine begannen. Die Welt behandelte Daniels Verschwinden wie eine private Unregelmäßigkeit.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie.
Nora ging zum Parkplatz. Eva setzte sich in ihr Auto, öffnete aber zuerst die Banking-App des gemeinsamen Haushaltskontos.
Daniel hatte für größere Ausgaben ein eigenes Konto. Lebensmittel, Strom und Hauskosten liefen über das gemeinsame. Eva suchte die Buchungen vom Freitag.
18:52 Uhr. Parkgebühr Lübeck Hauptbahnhof.
12,00 Euro.
Die Nachricht war um 18:40 versendet worden.
Eva fotografierte die Buchung und rief Jana an.
„Er war danach noch am Bahnhof“, sagte sie.
„Oder jemand hatte seine Karte.“
„Ja.“
Jana schwieg kurz. „Die Karte wurde kontaktlos eingesetzt. Wir fragen Aufnahmen im relevanten Zeitraum an.“
Eva bedankte sich und legte auf.
Zwölf Minuten nach der Nachricht hatte jemand Daniels Karte benutzt.
Zum ersten Mal an diesem Morgen hoffte Eva, dass es Daniel selbst gewesen war.
