Kapitel 49: Der Anruf ohne Entschuldigung

Daniel rief um 22:06 Uhr an.

Eva saß am Küchentisch, als das Telefon eine unterdrückte Nummer zeigte. Sie nahm ab, weil Jana ihr gesagt hatte, sie solle unbekannte Kontakte nicht automatisch ignorieren.

„Eva.“

Daniels Stimme.

Eine Woche lang hatte Eva sich vorgestellt, was sie sagen würde. Nichts davon kam.

„Wo bist du?“

„Du darfst Nora nicht glauben.“

Keine Entschuldigung. Keine Frage, ob es ihr gut ging. Nicht einmal der Versuch, seine Stimme weich zu machen.

Eva stellte den Lautsprecher nicht an. Sie öffnete mit der freien Hand die vorbereitete Notiz auf ihrem Tablet und schrieb die Uhrzeit. Eine automatische Aufzeichnung startete sie nicht; Jana hatte ihr erklärt, dass sie keine heimlichen Mitschnitte anfertigen solle.

„Bist du in Gefahr?“, fragte sie.

„Jeder ist in Gefahr, wenn das Original auftaucht.“

„Hast du den roten Ordner noch?“

Daniel antwortete nicht.

„Helene sagt, darin waren aktuelle Finanzierungsakten.“

„Helene sagt immer die Version, in der die Firma zuerst gerettet werden muss.“

„Und deine Version?“

„Meine Version bringt mich ins Gefängnis.“

Eva schrieb den Satz auf. „Dann weißt du, dass du verantwortlich bist.“

„Ich weiß, was sie mir anhängen wird.“

Wieder ein Satz, der Schuld nicht bestritt, sondern verteilte.

„Welches Original?“

„Was auch immer Nora dir zeigt. Sie versteht nicht, was ihre Mutter unterschrieben hat.“

„Und du verstehst es?“

Am anderen Ende rauschte Verkehr. Eine Ansage war zu hören, zu undeutlich für einen Ort.

„Helene hat Fehler gemacht“, sagte Daniel. „Aber Nora wird die Firma zerstören, wenn sie glaubt, eine alte Seite mache sie zur Eigentümerin.“

„Nora glaubt das nicht mehr.“

„Sie hört auf dich.“

„Nein. Wir prüfen gemeinsam.“

Daniel schwieg kurz. „Dann bist du schon zu tief drin.“

Eva dachte an achtzehn Jahre, in denen er Entscheidungen als Fürsorge bezeichnet hatte. Das mache ich schon. Du musst dich nicht darum kümmern. Jetzt klang selbst seine Warnung wie eine Rolle, die er ihr noch einmal zuteilen wollte.

„Warum steht meine Personalnummer auf deiner Lohnliste?“

Das Rauschen änderte sich.

„Welche Liste?“

„Die aus dem Hotelzimmer von Jens Alwardt.“

Daniel atmete hörbar ein.

„Sie haben das Zimmer gefunden.“

„Warum hast du meine Nummer benutzt?“

„Eva, hör mir zu. Die Unterlagen, die Nora sucht, sind nicht vollständig. Wenn sie dir einen Vertrag zeigt, gib ihn Rehm, nicht der Polizei.“

„Warum nicht der Polizei?“

„Weil Helene dann behaupten wird, er sei verändert.“

„Und was behauptest du?“

Keine Antwort.

Eva fragte nicht, ob er sie jemals geliebt hatte. Die Frage hätte ihm erlaubt, über Gefühle zu reden, statt über Handlungen.

„Hast du meine elektronische Signatur benutzt?“

Stille.

„Daniel.“

„Ich wollte Zeit gewinnen.“

„Mit meinem Namen?“

„Die Bank hätte sonst alles gestoppt.“

„Zeit wofür?“

„Um die fehlenden Seiten zu finden.“

„Du hattest sechs Jahre bei Nora.“

Daniel schwieg.

„War die Beziehung nur eine Suche?“

„Nein.“

Das Wort kam schnell. Eva ließ sich nicht in die nächste Erklärung ziehen.

„Also ja?“

„Du verstehst die Lage nicht.“

„Dann erkläre sie. Wer hat am Neujahrstag aus dem Firmennetz meine Freigabe ausgelöst?“

Im Hintergrund ertönte eine kurze Ansage. Eva verstand nur das Wort Gleis.

„Frag Lukas nach den fünf gleichen Zahlungen“, sagte Daniel.

„Ich frage dich.“

„Die Liste ist nicht das, was sie aussieht.“

„Warum steht meine Nummer darauf?“

Daniel sagte ihren Namen. So, wie er ihn früher gesagt hatte, wenn er einen Streit beenden wollte.

Eva ließ es nicht funktionieren.

„Warum hast du meine Signatur benutzt?“

Elf Sekunden lang hörte sie nur seinen Atem und den Verkehr.

Dann brach die Verbindung ab.

Eva rief nicht zurück. Es gab keine sichtbare Nummer.

Sie schrieb den Wortlaut sofort aus dem Gedächtnis auf und markierte unsichere Stellen. Danach rief sie Jana und Tobias an.

Daniel hatte nicht gesagt, dass jemand anderes ihre Signatur benutzt hatte.

Er hatte nicht bestritten, Zeit mit ihrem Namen gekauft zu haben.

Er hatte zugegeben, die fehlenden Seiten gesucht zu haben. Und er hatte gesagt, seine eigene Version könne ihn ins Gefängnis bringen.

Und in seinem ersten Anruf hatte er keine einzige Sekunde dafür verwendet, sich zu entschuldigen.