Kapitel 22: Lukas schweigt

Lukas rief Eva an, bevor Jana ihn erreichen konnte.

„Du hast mein Kennzeichen genannt.“

Eva stand im Flur von HanseKontor, das Telefon am Ohr. Niemand außer Jana, Nora und ihr konnte wissen, dass sie sich an das Kennzeichen erinnert hatte.

„Woher weißt du das?“

„Ein Kollege hat gesehen, wie die Polizei meinen Wagen auf dem Parkplatz fotografiert.“

„Warst du gestern am Café?“

Lukas antwortete nicht sofort. Im Hintergrund hörte Eva eine Hallentür und das Piepen eines rückwärtsfahrenden Fahrzeugs.

„Wir sollten reden“, sagte er.

„Mit Tobias Rehm dabei.“

„Ich brauche keinen Anwalt, um mit meiner Schwägerin zu sprechen.“

„Ich schon.“

Sie vereinbarten keinen privaten Ort. Eine Stunde später saßen sie in Tobias’ Besprechungsraum. Nora war per Video zugeschaltet. Jana wusste von dem Treffen, nahm aber nicht teil; Lukas war nicht festgenommen und die Frauen führten ihr eigenes Gespräch.

Lukas trug seine Arbeitsjacke. An den Ärmeln klebte heller Baustaub. Er sah Eva kaum an.

„Ja, ich war dort“, sagte er.

„Haben Sie das Foto gemacht?“, fragte Tobias.

„Nein.“

„Wer war in Ihrem Wagen?“

„Niemand.“

„Dann erklären Sie, warum Ihr Fahrzeug am Café stand.“

Lukas legte den Autoschlüssel auf den Tisch. „Meine Mutter wollte wissen, ob Eva Firmenunterlagen an Nora weitergibt.“

Nora beugte sich im Bildschirm näher. „Ich bin die Frau, deren Haus Ihre Firma belastet hat.“

„Ich kenne Ihre Version.“

„Sie kennen die Bankunterlagen.“

Lukas sah nicht zu ihr. „Ich kenne eine Projektfinanzierung.“

Eva zog die Kopie der Arbeitsvereinbarung nicht aus ihrer Mappe. „Hat Helene Sie gebeten, uns zu beobachten?“

„Sie hat mich gebeten, mit dir zu sprechen. Ich sah euch am Fenster und wusste, dass du dich entschieden hast.“

„Wofür?“

„Gegen die Familie.“

Eva dachte an die falsche Arbeitgeberbestätigung mit Helenes Unterschrift. „Die Familie hat sich gegen meinen Namen entschieden, bevor ich Nora kannte.“

Lukas rieb mit dem Daumen über den Autoschlüssel. „Du verstehst nicht, was an dieser Finanzierung hängt.“

„Dann erklären Sie es“, sagte Tobias.

„Drei laufende Bauabschnitte. Nachunternehmer. Materialrechnungen. Löhne für mehr als hundert Leute.“

„Keller Wohnbau beschäftigt laut öffentlichem Bericht achtundsechzig Menschen“, sagte Eva.

„Mit den Projektgesellschaften und Nachunternehmern.“

„Und warum sollen zwei Frauen privat dafür garantieren?“

„Die Bank wollte zusätzliche Sicherheit.“

Der Satz fiel zu schnell.

Eva ließ eine Sekunde verstreichen. „Woher wissen Sie, was die Bank wollte?“

Lukas sah jetzt zu ihr. „Weil ich Betriebsleiter bin.“

„Am Sonntag wussten Sie angeblich fast nichts von der Garantie.“

„Ich sagte, Daniel habe die Finanzierung geführt.“

„Sie sagten, Sie hätten die Unterlagen nie gesehen.“

Lukas schwieg.

Eva zog die öffentlich zugängliche Projektübersicht hervor. „Welche drei Bauabschnitte meinen Sie?“

Lukas nannte nur interne Kürzel.

„Wie viele eigene Beschäftigte sind dort eingeplant?“

„Das kann man nicht trennen. Die Gesellschaften arbeiten als Verbund.“

„Dann zeigen Sie Tobias eine anonymisierte Aufstellung. Wenn Sie mit ausfallenden Löhnen argumentieren, muss es eine Grundlage geben.“

„Die Unterlagen gehören der Firma.“

„Mein Name gehört mir“, sagte Eva. „Und er steht in denselben Unterlagen.“

Lukas schob die Übersicht zurück, ohne sie anzusehen. Sein Schweigen wirkte nicht mehr wie Unwissen. Es wirkte wie eine Grenze, die er im Auftrag eines anderen bewachte.

Nora hielt eine Seite in die Kamera. „Kennen Sie diese Kontaktübersicht? Ihre Mutter gibt die Projektgesellschaft frei. Ihre Assistentin nimmt meine Bankpost entgegen. Eva wird zur Finanzleiterin erklärt. Und Sie wollen nur von Bauabschnitten wissen?“

„Ich werde keine internen Dokumente in einer Videokonferenz diskutieren.“

„Dann beantworten Sie die einfache Frage“, sagte Eva. „Wer hat das Foto geschickt?“

„Ich nicht.“

„Aber Sie waren dort, weil Helene wissen wollte, ob wir zusammenarbeiten.“

„Ja.“

„Sie haben uns gesehen.“

„Ja.“

„Und Sie haben Helene angerufen.“

Wieder keine Antwort.

Tobias schob seinen Block zur Seite. „Herr Keller, Sie müssen hier nichts sagen. Aber Sie sollten verstehen, dass Beobachtung und anonyme Bilder die Bereitschaft meiner Mandantinnen zu informellen Gesprächen nicht erhöhen.“

Lukas stand auf. „Wenn die Bank die Garantie nicht akzeptiert, friert sie die nächste Auszahlung ein.“

„Das ist ein Problem der Firma“, sagte Nora.

„Es wird zum Problem der Beschäftigten. Am Monatsende fehlen dann nicht nur Zahlen auf einem Konto. Menschen können ihre Miete nicht zahlen.“

Eva kannte diese Art Argument. In der Lohnabrechnung war jede falsche Kontonummer tatsächlich ein Mensch, der auf Geld wartete. Gerade deshalb durfte man private Namen nicht als Ersatz für fehlende Unternehmenssicherheit benutzen.

„Wie viele Löhne hängen konkret an dieser Auszahlung?“, fragte sie.

Lukas griff nach seinem Schlüssel. „Zu viele.“

„Nennen Sie eine Zahl.“

„Das kann ich nicht.“

„Oder wollen Sie nicht?“

Er ging zur Tür.

Nora sagte: „Wussten Sie, dass mein Haus mit 320.000 Euro belastet ist?“

Lukas blieb stehen.

Er drehte sich nicht um. „Die Grundschuld ist nur die zweite Sicherung. Solange die persönliche Garantie hält, passiert mit dem Haus nichts.“

Im Raum wurde es still.

Eva hatte ihm weder die Reihenfolge der Sicherheiten noch die Höhe der Grundschuld genannt.

Lukas öffnete die Tür.

„Die Garantie darf nicht platzen“, sagte er. „Sonst reißt Daniel mehr Menschen mit, als ihr euch vorstellen könnt.“

Dann ging er, ohne zu erklären, woher er genau wusste, welche Sicherung zuerst greifen sollte.