Eva begann mit der Zahl hundert.
Lukas hatte von mehr als hundert Menschen gesprochen, deren Löhne an der Finanzierung hingen. Keller Wohnbau selbst wies im letzten veröffentlichten Unternehmensprofil achtundsechzig Beschäftigte aus. Die Differenz konnte aus Projektgesellschaften und Nachunternehmen stammen. Oder sie konnte nur Druck erzeugen.
Eva wollte wissen, welche Möglichkeit näher lag.
Sie benutzte keine internen Systeme von HanseKontor. In ihrer Mittagspause öffnete sie auf ihrem privaten Gerät ausschließlich Unterlagen, die die Nordbank ihr als angeblicher Garantin übermittelt hatte, öffentliche Firmenangaben und frei zugängliche Baustelleninformationen.
Im Bankpaket fand sie eine Anlage mit dem Titel Personalkapazität Projektverbund Nord.
Sie enthielt siebenundvierzig Namen.
Fünf Personen waren als Projektleitung aufgeführt, zwölf als Baukoordination, der Rest als kaufmännische oder technische Mitarbeitende. Neben jedem Namen standen eine Gesellschaft und ein geplanter Kostenanteil.
Eva prüfte nicht, ob die Menschen an ihrer Privatadresse lebten. Sie suchte nur nach beruflichen Spuren, die zu der behaupteten Rolle passen konnten: Unternehmensseiten, öffentliche Ausschreibungen, Baustellenschilder, Pressemitteilungen und berufliche Profile.
Nach zwei Stunden hatte sie drei Gruppen.
Grün: öffentlich mit Keller Wohnbau oder einem genannten Projekt verbunden.
Gelb: Person auffindbar, Tätigkeit unklar.
Rot: keine berufliche Spur in den behaupteten Firmen oder Projekten.
Elf Namen blieben rot.
Das war noch kein Beweis, dass sie erfunden waren. Nicht jeder Handwerker hatte ein Onlineprofil. Nicht jede Projektgesellschaft veröffentlichte ihr Personal. Eva schrieb deshalb nicht Scheinbeschäftigte über die Liste.
Sie schrieb: Zuordnung derzeit nicht öffentlich verifizierbar.
Bei vier Namen passten die behaupteten Funktionen nicht zu den auffindbaren Personen. Eine Frau arbeitete laut öffentlicher Teamseite in einer Kieler Zahnarztpraxis. Ein Mann mit seltenem Doppelnamen war seit zwei Jahren als Fotograf in Bremen tätig. Eva markierte auch diese Treffer gelb statt rot. Gleicher Name bedeutete nicht gleiche Person.
Nur die Adressen und Firmenverbindungen aus dem Bankanhang behandelte sie als sicher, weil genau diese Angaben der Nordbank vorgelegt worden waren.
Sabine brachte ihr am Nachmittag einen Kaffee und sah die farbigen Markierungen.
„Private Sache?“
„Ja.“
„Brauchst du Hilfe?“
Eva schüttelte den Kopf. „Ich darf die Daten nicht mit Arbeitsmitteln prüfen.“
Sabine nickte und fragte nicht weiter.
Nach Feierabend traf Eva Nora in Tobias’ Kanzlei. Tobias hatte klargestellt, dass sie öffentlich zugängliche Angaben vergleichen dürften. Er wollte jedoch die Quelle jedes Treffers sehen.
Nora nahm die Liste und ging die Gesellschaften durch. „Zwei davon tauchen in meinem Versicherungsnachtrag auf.“
„Als Versicherungsnehmer?“
„Als mitversicherte Projektträger. Ich habe das damals nicht beachtet, weil Daniel sagte, es gehe um die Sanierungsphase unseres Hauses.“
Sie öffnete den vierseitigen Originalnachtrag. Auf Seite zwei standen drei zusätzliche Risikoadressen. Eine war Noras Haus. Die zweite gehörte zu einer Baustelle in Lübeck. Die dritte lag am Rand von Bad Oldesloe:
Am Birkenrain 6.
Eva suchte die Adresse in der Personalanlage.
Der Name Jens Alwardt, angeblich technischer Projektleiter der KW Projektservice GmbH, trug dieselbe Anschrift als geschäftliche Kontaktadresse.
„Eine Person kann an einem Projektstandort arbeiten“, sagte Tobias.
„Aber eine Wohngebäudeversicherung führt die Adresse als leer stehendes Musterhaus“, sagte Nora.
Sie meldete sich in ihrem persönlichen Versicherungsportal an. Da ihr Name als Versicherungsnehmerin geführt wurde, konnte sie die Vertragsübersicht legal sehen. Die Adresse Am Birkenrain 6 war vor vier Jahren in ihren Vertrag aufgenommen und erst vor sechs Monaten wieder entfernt worden.
„Ich habe dort nie gewohnt“, sagte sie. „Ich besitze das Gebäude nicht. Ich habe nicht einmal gewusst, dass es versichert war.“
„Wer hat die Änderung eingereicht?“, fragte Tobias.
In der Übersicht stand nur Vermittler: Daniel Keller.
Nora forderte die zugehörigen Erklärungen und Vollmachten an. Dann öffnete sie die Schadenhistorie, die für sie als Versicherungsnehmerin sichtbar war.
Drei Meldungen in vier Jahren.
Leitungswasser.
Sturmschaden.
Einbruchschaden.
Insgesamt waren 61.800 Euro reguliert worden. Zahlungsempfänger war nie Nora. Die Auszahlungen gingen an eine Projektgesellschaft und zwei Reparaturbetriebe.
„Darf ich das sehen?“, fragte Eva.
Nora drehte den Bildschirm erst, nachdem sie die privaten Daten anderer Personen ausgeblendet hatte. „Sie dürfen sehen, dass mein Vertrag verwendet wurde.“
Tobias notierte die Schadennummern. „Das melden Sie dem Versicherer als möglichen Missbrauch. Sie ermitteln nicht selbst, ob die Schäden echt waren.“
„Aber ich kann das Haus ansehen.“
„Von öffentlichem Grund aus. Nicht betreten, niemanden täuschen, keine Nachbarn ausfragen, als wären Sie Ermittlerin.“
Nora schnaubte. „Sie nehmen jeder Idee den Spaß.“
„Das ist ein Teil meines Geschäftsmodells.“
Eva blieb bei der Personalliste. Neben Jens Alwardt stand kein privates Geburtsdatum, keine Personalnummer, nur eine Kontakt-E-Mail. Die Domain gehörte nicht Keller Wohnbau, sondern einer Projektgesellschaft, deren öffentliche Adresse wiederum Helenes Büro war.
Sie öffnete die archivierte Ausschreibung für das Musterhaus. Als Ansprechpartner wurde dort kein Jens Alwardt genannt. Stattdessen stand unter Bauleitung ein Kürzel:
M. Brandt.
Nora sah es gleichzeitig.
„Das kann jemand anderes sein.“
„Ja“, sagte Eva.
Nora speicherte den öffentlichen Ausdruck als PDF mit Datum und Quelle. Dann nahm sie ihren Mantel.
„Morgen früh fahre ich zum Birkenrain.“
Auf der Personalliste war Jens Alwardt angeblich ein Beschäftigter.
Seine Geschäftsadresse war ein leer stehendes Haus, das vier Jahre lang ohne Noras Wissen über ihren Namen versichert worden war.
