Kapitel 134: Der Tausch

Daniel las Helenes Angebot dreimal.

Es war keine direkte Nachricht. Ihr Anwalt hatte seinem Anwalt eine „vertrauliche Möglichkeit zur Bereinigung privater Unterlagen“ übermittelt. Helene könne eine vollständige Fassung von A-3 zur Verfügung stellen. Im Gegenzug solle Daniel sämtliche noch vorhandenen Belege herausgeben, die interne Zahlungsanweisungen und ihre persönliche Freigabe beträfen.

Keine Seite nannte Polizei oder Gericht.

Daniel saß allein im kleinen Besprechungszimmer der Kanzlei seines Anwalts. Die Tür war aus Glas, doch niemand konnte den Text auf dem Bildschirm lesen. Sein Anwalt hatte ihm ausdrücklich gesagt, dass jedes Angebot mit möglichem Beweisbezug dokumentiert und an die zuständigen Stellen weitergegeben werden müsse.

„Es kann eine Falle sein“, sagte sein Anwalt.

Daniel nickte.

Er dachte trotzdem an die zwei fehlenden Seiten. Wenn Helene sie wirklich besaß, konnte er Nora geben, was sie seit Jahren suchte. Vielleicht würde Eva dann endlich sehen, dass er nicht nur Beweise gegen sie gesammelt hatte. Er stellte sich den Moment vor, in dem beide Frauen die vollständige Urkunde vor sich sahen und er den letzten Umschlag auf den Tisch legte.

In dieser Vorstellung fragte niemand, warum er den Umschlag kontrollierte.

Die Zahlungsbelege auf seiner alten Festplatte betrafen fünf Serien von Freigaben. Daniel glaubte, dass eine Datei Helenes persönliche Kennung vor der späteren Änderung zeigte. Er hatte sie damals kopiert, weil Helene begonnen hatte, Fehler allein ihm zuzuordnen.

Er hatte selbst an den fünf Zahlungen mitgewirkt. Das wusste die Staatsanwaltschaft inzwischen aus seiner Aussage. Die mögliche Kennung Helenes machte ihn nicht zum bloßen Boten. Trotzdem stellte er sich die Datei als Grenze zwischen Hauptschuld und benutztem Sohn vor. Wenn er sie zuerst kontrollierte, konnte er vielleicht beeinflussen, wie diese Grenze beschrieben wurde.

Dieser Wunsch war nicht Schutz für Eva oder Nora. Daniel erkannte das für einen Moment. Dann gab er ihm einen besseren Namen: vollständiger Zusammenhang.

Er wusste nicht, ob die Datei wirklich einzigartig war.

Eva hatte bereits Bankunterlagen und den ursprünglichen Pflegebeleg vorgelegt. Jana besaß mehrere Exportlisten. Doch Daniel hielt an der Möglichkeit fest, dass nur seine Kopie den entscheidenden Zwischenschritt zeigte.

„Wenn wir den Tausch kontrolliert durchführen, bekommen alle die Dokumente“, sagte er.

Sein Anwalt antwortete, ein privater Austausch könne Herkunft, Vollständigkeit und spätere Verwertbarkeit beschädigen. Außerdem dürfe Daniel nicht über Unterlagen verfügen, die möglicherweise Beweismittel seien, als gehörten sie ihm allein.

„Die Festplatte ist mein Eigentum.“

„Der Inhalt kann trotzdem relevant sein.“

Daniel erklärte, er wisse gar nicht, wo sie sei. Es gebe nur eine alte Sicherung unter seinen privaten Sachen. Sein Anwalt erinnerte ihn daran, dass auch eine Sicherung genannt werden müsse, wenn sie die angebotenen Zahlungsbelege enthielt.

Daniel sagte: „Vielleicht ist sie leer.“

Er hörte selbst, wie der Satz klang.

Helenes Angebot enthielt einen Ort nicht. Es verlangte zunächst nur Daniels Bereitschaft. Als er nicht antwortete, kam eine zweite Nachricht. Helene wolle keine Anwälte im Raum. Eine vertraute Person könne die Unterlagen an einem neutralen Ort zeigen.

Daniels Anwalt fragte Helenes Anwalt schriftlich, ob die vollständige A-3-Fassung tatsächlich in dessen Besitz sei. Die Antwort wich aus: Die Mandantin könne den Zugang ermöglichen, sobald Daniel seine Kooperationsbereitschaft gezeigt habe. Weder Original noch Kopie wurden bezeichnet.

Daniel wusste, dass ein echtes Herausgabeangebot keine Gegenleistung brauchte. Er wusste ebenso, dass Helene nie etwas abgab, ohne den Preis vorher sichtbar zu machen. Gerade deshalb hielt er das Angebot für glaubwürdig.

Daniel fragte, ob ein Parkplatz neutral sei.

Sein Anwalt sah ihn lange an. „Warum fragen Sie das?“

„Weil sie früher Übergaben in Parkhäusern gemacht hat. Bauunterlagen, Schlüssel, nichts Illegales.“

„Dann ist genau diese Erinnerung jetzt zu dokumentieren.“

Daniel stimmte zu. Er erlaubte seinem Anwalt, beide Nachrichten weiterzuleiten. Nach außen akzeptierte er den Plan: kein privater Kontakt, keine Übergabe, jede Kommunikation über die Anwälte.

Doch als er später auf dem Flur wartete, öffnete er eine neue Nachricht an Helenes alte Büronummer.

Er schrieb keinen vollständigen Satz. Nur:

Kann die Mitte vorher gesehen werden?

Er löschte den Entwurf.

Das Löschen beruhigte ihn nicht. Der Nachrichtendienst speicherte Entwürfe möglicherweise kurzzeitig, und sein Anwalt hatte Transparenz verlangt. Daniel überlegte, ob ein nicht versandter Satz überhaupt eine Kontaktaufnahme war. Die Frage zeigte ihm, dass er bereits nach einer kleineren Bezeichnung für seine Handlung suchte.

Dann fragte er seinen Anwalt, ob ein Gespräch mit Helene allein wirklich verboten sei, wenn er nichts mitbringe.

„Es wäre unkontrolliert und gegen meinen Rat“, sagte sein Anwalt. „Und sobald Beweise angeboten werden, melden wir es.“

Daniel nickte wieder.

Er sagte sich, er wolle nur prüfen, ob Helene bluffte. Er sagte sich, eine Sichtung sei kein Tausch. Er sagte sich, dass Nora ohne ihn vielleicht weitere Jahre warten würde.

Keiner dieser Sätze änderte, worüber er nachdachte.

Er wollte den verlorenen Sohn spielen, der beide Seiten zu einem vernünftigen Austausch brachte. In Wahrheit hatte er das Verfahren gerade deshalb nicht den Anwälten überlassen wollen, weil dann niemand ihm die Übergabe verdanken musste.

Helene bot Wahrheit gegen Wahrheit.

Und Daniel prüfte noch immer, welchen Teil davon er zuerst in der eigenen Hand behalten konnte.