Nora roch das alte Maschinenöl, bevor Tobias die Tür der Werkstatt ganz geöffnet hatte.
Der Raum lag hinter einem ehemaligen Möbelhaus am Stadtrand. Licht fiel durch zwei hohe, schmutzige Fenster auf eine Drehbank, Regale mit Schraubgläsern und eine breite Werkbank, deren blaue Lackierung an den Kanten abgeschabt war. Nichts sah aus wie ein Firmenarchiv. Gerade deshalb hatte Rolf es vielleicht benutzt.
Jana erinnerte alle daran, dass sie nicht als Leiterin einer Durchsuchung hier war. Sie begleitete die freiwillige Bestandsaufnahme und würde nur eingreifen, wenn etwas erkennbar mit dem laufenden Verfahren zusammenhing. Ein neutraler Nachlasspfleger führte das Protokoll. Helenes Anwalt stand neben der Tür und prüfte jede Formulierung.
Der Schlüssel mit dem blauen Band öffnete die beiden normalen Schubladen der Werkbank. In der oberen lagen Zangen und stumpfe Bohrer. In der unteren fanden sie Rechnungen für Holz, ein altes Taschenradio und eine Stofftasche mit Münzen.
„Das war es“, sagte Helenes Anwalt.
Lukas kniete noch vor der Bank. Er zog die untere Schublade ganz heraus und hielt inne. Zwischen Schubladenboden und Werkbank blieb mehr Höhe, als die Konstruktion brauchte.
Der Nachlasspfleger maß nach. Dann löste er, mit Zustimmung aller Vertreter, zwei von außen sichtbare Schrauben. Eine flache Holzplatte senkte sich auf einer Seite.
Darunter lag kein Ordner.
Nora spürte zuerst Enttäuschung und schämte sich gleich dafür. Sie war nicht hier, um eine dramatische Belohnung zu bekommen. Sie war hier, um die Lücke zu vermessen.
In dem doppelten Boden befanden sich ein schmaler Kalender, drei Durchschläge von Briefen und ein zusammengefaltetes Blatt mit Datumsangaben. Der Pfleger legte alles einzeln auf säurefreies Papier. Jana fotografierte erst, nachdem Helenes Anwalt bestätigt hatte, dass die sichtbaren Zeilen einen Bezug zum Verfahren hatten.
Oben auf dem Blatt stand: „Anfragen M.B./N.B.“
Darunter folgten keine Inhalte, nur Daten und knappe Vermerke:
14.02.00 – Kanzlei.
03.09.02 – Vater des Kindes.
18.06.05 – Stiftung.
11.11.09 – Registerfrage.
27.04.13 – Dänemark.
08.08.16 – D.K.
Neben fast jeder Zeile stand dasselbe Kürzel: H.K.
Nora las die Liste zweimal. Der Eintrag zum Vater des Kindes ließ ihre Finger kalt werden. Ihr Vater hatte ihr kaum etwas über Marlenes Beteiligung erzählt. Er hatte immer gesagt, es gebe keine Unterlagen mehr und er wolle Nora nicht in einen alten Streit ziehen.
„Was bedeutet der Haken hinter manchen Daten?“, fragte sie.
Niemand antwortete. Bei drei Einträgen war ein kleiner Strich gesetzt, bei den anderen ein Kreis. Der Kalender enthielt an denselben Tagen nur neutrale Begriffe wie „Telefon“ oder „Post“. Ein Briefdurchschlag war an die aufgelöste Mitarbeiterstiftung gerichtet und bat um Bestätigung, dass „keine direkte Auskehr ohne Freigabe“ erfolge. Die Unterschrift fehlte.
„Das beweist nicht, dass der Brief abgesandt wurde“, sagte Eva.
Nora nickte. Eva nahm ihr die Bedeutung nicht weg. Sie verhinderte nur, dass die Bedeutung schneller wuchs als das Papier.
Der zweite Durchschlag betraf eine Terminanfrage bei Ernst Bader. Der dritte war ein Entwurf an „Herrn Brandt“. Rolf fragte darin, ob das ihm übergebene Verwahrstück noch verschlossen sei. Das Datum war der 6. September 2002, drei Tage nach dem Listeneintrag zum Vater.
Nora musste sich am Rand der Werkbank abstützen.
„Hat mein Vater geantwortet?“
In der Schublade lag keine Antwort.
Daniel stand hinter ihr, sagte aber nichts. Nora wusste nicht, ob er den Entwurf kannte. Sie fragte ihn nicht in diesem Raum. Jede spontane Antwort hätte sich später mit dem Fund vermischt, als sei sie ein Teil davon gewesen. Jana notierte nur, dass alle Anwesenden den Durchschlag gleichzeitig gesehen hatten.
Auf der Rückseite des Kalenderblatts fand die Restauratorin außerdem Druckspuren, aber keine lesbare Schrift. Das Blatt wurde nicht mit Bleistift abgerieben. Eine solche Behandlung konnte die Oberfläche beschädigen. Jana veranlasste stattdessen eine berührungslose Aufnahme unter seitlichem Licht. Vielleicht würden sich dadurch weitere Daten erkennen lassen. Vielleicht auch nur die Einkaufslisten, die Rolf auf demselben Block geschrieben hatte.
Tobias ließ jeden Fund nummerieren und in getrennte Hüllen legen. Die Werkstatt wurde nicht ausgeräumt. Weitere Schränke blieben geschlossen, bis ihre Eigentumszuordnung geklärt war.
Als sie hinausgingen, sah Nora noch einmal auf die offene Werkbank. A-3 war nicht darin gewesen. Kein fehlender Vertrag, keine mittleren Seiten, kein Satz, der ihr Rechte zusprach.
Rolf hatte etwas anderes versteckt: eine Chronologie der Menschen, die nach diesen Rechten gefragt hatten.
Und jemand mit dem Kürzel H.K. war fast jedes Mal Teil der Antwort gewesen.
