Kapitel 118: Das Kürzel H.K.

Eva schrieb zwei Spalten auf ein Blatt.

In die erste setzte sie „Helene Keller“. In die zweite „Hauptkonto Keller“. Dann ließ sie darunter Platz.

„Du glaubst wirklich, dass es ein Konto sein könnte?“, fragte Lukas.

„Ich glaube, dass zwei Buchstaben noch keine Person sind.“

Sie saßen in Tobias’ Besprechungsraum. Vor ihnen lagen Kopien der Liste aus der Werkbank, alte Kontenpläne und die Verzeichnisse der aufgelösten Mitarbeiterstiftung. Helenes Initialen passten. Aber in drei alten Buchungsunterlagen kam auch die Bezeichnung „Hauptkonto Keller“ vor, abgekürzt H.K. Sie war kein offizieller Bankname, sondern eine interne Sammelbezeichnung für Zahlungen, die später verschiedenen Firmenkonten zugeordnet wurden.

Daniel schob seine Kaffeetasse weg. „Mein Vater hätte H.K. für Mutter geschrieben.“

Eva sah ihn an. „Woher weißt du das?“

„Weil er ihre Namen immer abgekürzt hat.“

„Hast du Beispiele?“

Er dachte nach. „Geburtstagslisten. Notizen am Telefon.“

„Dann gib sie Tobias. Bis dahin ist es eine Erinnerung.“

Daniel presste die Lippen zusammen. Früher hätte Eva seine Gewissheit übernommen, weil die Ehe aus tausend solchen Abkürzungen bestanden hatte. Heute unterschied sie zwischen einem vertrauten Ton und einer belegten Tatsache.

Der Kontenplan machte die Sache nicht einfacher. Das Hauptkonto war kein einzelnes Konto. Es war eine buchhalterische Zwischenstation, die in den Jahren mehrfach wechselte. Wenn Rolf mit H.K. eine Zahlungsroute gemeint hatte, könnten die Kreise und Striche neben den Daten Buchungen oder Freigaben bezeichnen. Wenn er Helene gemeint hatte, könnten sie Gespräche oder Entscheidungen markieren.

Tobias vergrößerte zwei Seiten auf dem Bildschirm. „Bei der Zeile von 2005 steht H.K. links. Bei 2013 rechts.“

„Vielleicht bedeutungslos“, sagte Eva.

„Oder zwei verschiedene Funktionen“, sagte Daniel.

„Auch das ist nur eine Möglichkeit.“

Lukas wurde unruhig. „Wenn wir bei jedem Punkt drei Möglichkeiten offenlassen, kommen wir nie irgendwohin.“

Eva drehte das Blatt zu ihm. „Wenn wir eine Möglichkeit zu früh schließen, kommen wir genau dorthin, wo uns jemand haben will.“

Sie prüften die Daten gegen bekannte Ereignisse. Der 18. Juni 2005 lag drei Tage vor einer Umbuchung aus dem Stiftungskonto. Der 11. November 2009 fiel in die Woche einer Änderung im Gesellschafterregister. Am 27. April 2013 hatte Daniel nach eigener Aussage erstmals wegen eines dänischen Objekts Kontakt zu einem Vermittler aufgenommen. Für keinen dieser Zusammenhänge ließ sich bisher zeigen, dass Rolf davon gewusst oder darauf Bezug genommen hatte.

Dann fand Eva im Kontenplan von 2016 eine handschriftliche Legende. „HK“ bedeutete dort tatsächlich Hauptkonto. Ohne Punkt. Auf Rolfs Liste stand meist „H.K.“, einmal jedoch „HK“.

„Verschiedene Kürzel“, sagte Nora.

„Möglicherweise“, antwortete Eva. „Oder derselbe Schreiber war nicht konsequent.“

Sie bat Tobias, eine Schriftvergleichung der Punkte nicht als großen Gutachtenauftrag, sondern zunächst als technische Sichtung vorzubereiten. Außerdem sollten Helenes ältere geschäftliche Zeichnungen und Rolfs private Notizen getrennt gesammelt werden. Nicht um Helene zu entlasten. Nicht um sie festzulegen. Sondern um das Kürzel an eine überprüfbare Gewohnheit zu binden.

Nora schlug vor, auch die Briefumschläge aus Rolfs Werkstatt zu prüfen. Wenn H.K. eine Person bezeichnete, konnten Anfragen an Helene oder Antworten aus ihrem Büro an denselben Tagen versandt worden sein. Wenn es um das Hauptkonto ging, mussten Buchungsjournale zeitnah Bewegungen zeigen. Tobias teilte die Prüfung deshalb in zwei getrennte Anfragen. Keine Seite sollte wissen, welche Treffer die andere lieferte, bevor die Zeitachsen feststanden.

Eva gefiel die Trennung. Sie verhinderte, dass ein passender Brief eine Kontobewegung plötzlich bedeutungsvoller aussehen ließ oder umgekehrt. Zwei unabhängige Spuren mussten sich treffen, nicht gegenseitig ziehen.

Daniel lehnte sich zurück. „Du schützt sie.“

Eva fühlte, wie der Satz sie treffen sollte. „Nein. Ich schütze die Kette.“

„Sie würde das für dich nicht tun.“

„Das ist nicht der Maßstab.“

Am späten Nachmittag kam eine erste Rückmeldung aus der Buchhaltung. In internen Übersichten war das Hauptkonto fast immer als „HK-Umlage“ oder mit einer Kontonummer bezeichnet worden. Die Form mit Punkten war selten. Helenes Unterschriftenmappen enthielten dagegen mehrere Randnotizen mit ihren Initialen „H.K.“ – gesetzt von unterschiedlichen Mitarbeitern, nicht von Rolf.

Das machte Helene als Bedeutung wahrscheinlicher. Es machte sie nicht zur bewiesenen Verfasserin einer Entscheidung.

Eva ergänzte auf ihrem Blatt eine dritte Spalte: „unbekannt“.

Am Abend waren die Buchstaben nicht mehr leer. Sie hatten Kontext, Vergleichsmaterial und eine Richtung.

Aber Eva ließ ihnen noch keinen Namen.