Der Cafébesitzer hieß Matthias Krüger und wollte seine Erinnerung nicht größer machen, als sie war.
Nora mochte ihn dafür.
Jana führte das formale Gespräch am nächsten Tag per Videokonferenz. Nora und Eva nahmen nicht teil. Sie erhielten später nur die freigegebene Zusammenfassung, weil ihre private Suche die Zeugenaussage nicht beeinflussen sollte.
Krüger erinnerte sich an Daniel, nachdem Jana ihm ein aktuelles Foto gezeigt hatte. Daniel hatte in der Vorwoche am Fenstertisch gesessen. Gegen fünf war ein älterer Mann gekommen.
Der Mann trug eine beige Jacke und benutzte einen Stock.
Krüger kannte ihn aus früheren Jahren.
Ernst Bader.
„Dann hat Daniel seinen alten Berater gefunden“, sagte Nora.
„Rolf Kellers früheren Berater“, korrigierte Eva.
Die Zusammenfassung enthielt keine vollständige Gesprächswiedergabe. Krüger hatte nur einzelne Wörter gehört: Treuhand, Nachtrag, Nora. Das letzte Wort konnte ein Name oder ein anderer Ausdruck gewesen sein. Jana vermerkte die Unsicherheit.
Die graue Mappe war vom älteren Mann zu Daniel gewandert. Daniel hatte sie geöffnet, eine Seite betrachtet und zurückgegeben. Danach schrieb Bader etwas auf eine Serviette.
„Hat er die Serviette mitgenommen?“, fragte Nora.
„Laut Zeuge ja.“
Das Café hatte keinen Gegenstand zurückbehalten. Die Kameraaufnahmen waren routinemäßig überschrieben. Niemand hatte damals einen Anlass zur Sicherung gekannt.
Eine erhaltene Spur gab es trotzdem.
Daniel hatte bar bezahlt, Bader mit Karte. Der Cafébeleg nannte als Karteninhaber nicht Ernst Bader privat, sondern:
Bader Steuerberatung Nachfolgeabwicklung.
Die Bezeichnung entsprach einer kleinen Gesellschaft, die nur noch alte Mandate und Archivpflichten verwaltete. Im Handelsregister stand als Zweck die Abwicklung früherer Treuhand- und Steuerberatungsangelegenheiten.
Nora betrachtete das Wort Treuhand.
„Er kann uns sagen, ob A-3 existierte.“
„Wenn er dazu Auskunft geben darf“, sagte Tobias.
Bader war nicht einfach ein privater Zeuge. Frühere Verschwiegenheitspflichten konnten weiter gelten. Eine Einladung zum Gespräch durfte nicht zur Aufforderung werden, fremde Mandate unzulässig offenzulegen.
Tobias schrieb ihm über die Geschäftsadresse. Er nannte Noras möglichen Begünstigtenstatus, das konkrete historische Aktenzeichen und die laufenden Verfahren. Er bat um Auskunft darüber, welche formale Freigabe erforderlich wäre.
Bader antwortete am selben Abend.
Er bestätigte nur, Daniel getroffen zu haben. Inhaltliche Fragen könne er ohne Prüfung der Berechtigung nicht beantworten.
„Warum bestätigt er das Treffen?“, fragte Nora.
„Weil Daniel selbst kein geschützter Mandatsinhalt sein muss“, sagte Tobias. „Oder weil Bader diesen Teil freigeben kann. Wir sollten nicht mehr hineinlesen.“
Am folgenden Morgen kam ein zweiter Brief. Bader erklärte, seine frühere Kanzlei habe Angelegenheiten von Rolf Keller und Keller & Brandt betreut. Eine mögliche Treuhand zugunsten Minderjähriger könne Rechte Dritter betreffen. Er werde die zuständige Aufsicht um eine begrenzte Freigabe bitten, wenn Nora ihre Identität und ihren möglichen Bezug nachweise.
Nora reichte die erforderlichen Unterlagen über Tobias ein.
Keine Kopie ihrer gesamten Familiengeschichte. Geburtsurkunde, Marlenes Sterbeurkunde, der Hinweis aus dem Anlagenverzeichnis und die konkrete Frage.
Am Nachmittag fuhren Nora und Eva nicht noch einmal nach Wismar. Daniel hatte seine Karte als Einladung gestaltet, doch der nächste Schritt gehörte einem formalen Verfahren.
„Glauben Sie, Bader hat Daniel etwas gegeben?“, fragte Nora.
Eva deutete auf Krügers Aussage. „Er hat ihm eine graue Mappe gezeigt. Was darin war, wissen wir nicht.“
„Daniel hat sie zurückgegeben.“
„Laut Erinnerung des Zeugen.“
Nora schrieb die Grenze auf.
Sie fragte sich, warum Daniel nicht selbst mit Bader zur Polizei gegangen war. Wenn er wirklich Beweise sichern wollte, hätte er den Berater offen benennen können. Stattdessen schickte er eine private Erinnerung an Eva und ließ sie die Route erraten.
Weil Kontrolle ihm wichtiger blieb als Klarheit.
Der Cafébeleg beantwortete die Postkarte. Daniel war in Wismar gewesen und hatte Ernst Bader getroffen.
Er beantwortete nicht, ob Bader ihm den Nachtrag, eine Kopie oder nur eine Erklärung gezeigt hatte.
Kurz vor Büroschluss erhielt Tobias einen Anruf.
Bader war bereit, in einem begrenzten Gespräch zu erklären, wonach Daniel gefragt hatte.
Nicht, was in den geschützten Unterlagen stand.
Noch nicht.
Nora legte den Cafébeleg in den Ordner. Aus einem alten privaten Witz war eine unabhängige Spur geworden.
Nicht weil Daniel am Tisch gewartet hatte.
Sondern weil ein anderer Mann dort mit Karte bezahlt hatte.
