Kapitel 74: Der Berater

Ernst Bader sprach langsamer als alle anderen Beteiligten.

Eva merkte, dass es keine Unsicherheit war. Er ordnete jeden Satz danach, was er sagen durfte und was nicht.

Das Gespräch fand in Tobias’ Kanzlei statt. Bader hatte einen eigenen Anwalt dabei. Nora saß neben Eva, Jana war per Video zugeschaltet. Niemand verlangte, dass der pensionierte Berater einen ganzen Mandantenbestand öffnete.

„Herr Keller kam mit drei Fragen“, sagte Bader.

Er meinte Daniel.

Erstens: Ob eine alte Treuhandpflicht ende, wenn die begünstigte Minderjährige erwachsen werde.

Zweitens: Ob ein späterer Geldbetrag als endgültiger Ausgleich gelten könne.

Drittens: Wer beweisen müsse, dass ein Anhang nie existiert habe.

„Wann stellte er diese Fragen?“, fragte Jana.

„Zum ersten Mal vor sieben Jahren. Er kam später mehrfach darauf zurück.“

Eva sah nicht zu Nora. Sie wusste, dass sieben Jahre ungefähr an den Beginn von Daniels Kontakt zu ihr grenzten.

„Haben Sie ihm geraten, Nora Brandt zu suchen?“, fragte Tobias.

„Nein.“

Bader sagte, er habe Daniel erklärt, dass eine mögliche Begünstigte nicht durch eine private Beratung ihre Rechte verliere. Ohne Dokumente könne er keinen konkreten Anspruch bewerten.

„Haben Sie A-3 gesehen?“, fragte Nora.

Bader blickte zu seinem Anwalt.

„Diese Frage betrifft geschützte historische Unterlagen. Ich habe noch keine Freigabe, ihren Inhalt zu bestätigen.“

Nora presste die Lippen zusammen, blieb aber still.

„Was können Sie zum Treffen in Wismar sagen?“, fragte Jana.

Bader hatte Daniel eine öffentlich beschaffbare Liste früherer Verwahrstellen gezeigt. Keine Kopie des Nachtrags. Keine Mandatsakte. Die graue Mappe enthielt Angaben dazu, welche Institution alte Akten der aufgelösten Notariatskanzlei übernommen hatte.

„Warum haben Sie ihm geholfen?“

„Weil er behauptete, eine formale Klärung zu suchen.“

„Glaubten Sie ihm?“

Bader strich mit dem Daumen über den Griff seines Stocks. „Ich hielt seine Frage für berechtigt. Seine Methode hielt ich für unklar.“

Er hatte Daniel aufgefordert, mit Anwalt und möglicher Begünstigter gemeinsam vorzugehen. Daniel hatte abgelehnt. Er sagte, Nora dürfe erst erfahren, dass es um sie ging, wenn das Original gesichert sei.

Eva kannte diese Logik. Daniel nannte Geheimhaltung Schutz, wenn er einer anderen Person die Wahl nehmen wollte.

„Hat er erwähnt, dass er mit Nora zusammenlebte?“, fragte sie.

„Er sagte, er habe Zugang zu Familienunterlagen.“

Keine Beziehung. Kein privates Versprechen. Zugang.

Bader bestätigte außerdem, dass der Ausdruck „minderjährige Begünstigte“ in alten Treuhandfällen eine konkrete rechtliche Bedeutung haben konnte. Er durfte nicht sagen, ob er in diesem Fall Nora meinte.

„Dann reden wir über die Form und nicht über den Inhalt“, sagte Tobias.

Bader nickte.

Er erklärte, dass eine Archivliste meist auch dann bestehen blieb, wenn eine Anlage entnommen, verlagert oder falsch eingeordnet worden war. Die Liste konnte die Existenz einer Position belegen, aber nicht automatisch ihren vollständigen Inhalt oder ihre heutige Wirkung.

Eva notierte das. Es passte zu Peters Brief über zwei Originale und zu der halben Terminkarte.

Am Ende gab Bader keine Akte heraus. Er übermittelte über seinen Anwalt einen Antrag auf begrenzte Freigabe an die zuständige Stelle. Noras möglicher Begünstigtenstatus sollte geprüft werden, bevor geschützte Angaben geöffnet wurden.

„Wie lange dauert das?“, fragte Nora.

„Nicht so lange wie sieben Jahre“, sagte Bader.

Zum ersten Mal lag etwas wie Scham in seiner Stimme.

Vor dem Gehen bat er, einen Punkt zu ergänzen. Daniel habe bei seiner ersten Beratung nicht allgemein nach einer unbekannten Minderjährigen gefragt. Er habe einen Namen genannt.

Bader durfte den Inhalt seines alten Kalenders offenlegen, soweit der Termin Daniel selbst betraf und Nora die betroffene Person war. Sein Anwalt bestätigte die begrenzte Freigabe.

„Welchen Namen?“, fragte Jana.

Bader öffnete keine graue Mappe. Er verwies auf den gesicherten Kalendereintrag, der über die formale Stelle übermittelt werden sollte.

„Nora Brandt.“

Eva hörte, wie Nora langsam ausatmete.

Daniel hatte nicht erst nach Jahren entdeckt, dass seine Suche sie betraf.

Er hatte ihren vollständigen Namen schon bei der ersten Beratung benutzt.

Bader hatte kein Geheimnis gebrochen, um sie zu retten.

Er hatte nur endlich bestätigt, dass Daniels Frage von Beginn an eine konkrete Person gewesen war.