Die fünf Beträge standen nicht nebeneinander.
Eva fand sie auf fünf verschiedenen Seiten der Cashflow-Anlage, verteilt über drei Projektgesellschaften. Jeder Betrag lautete auf 3.842 Euro. In der Spalte Art stand jeweils Lohn. Die Empfängerkonten waren verschieden.
Daniel hatte nicht gesagt, wo sie suchen sollte.
Er hatte nur gewusst, dass es fünf waren.
Eva kopierte keine Kontonummern in private Tabellen. Sie arbeitete mit den Unterlagen, die ihr als Garantin vorlagen, und markierte nur Seiten, Datum, Betrag und die dort angegebenen Mitarbeiterkürzel.
Die fünf Kürzel sahen wie Personalnummern aus. Zwei begannen mit derselben Ziffernfolge wie die beschädigte Lohnvorlage aus dem Hotel. Drei folgten einem neueren Schema.
„Kann man daran erkennen, ob die Personen existieren?“, fragte Nora.
„Nein. Man erkennt, dass jemand die Darstellung an echte Lohnlisten angelehnt hat.“
Eva verlangte keine Einsicht in die Sozialversicherungsdaten von Keller Wohnbau. Sie verglich stattdessen die Summen mit einer anonymisierten Übersicht, die der Finanzierungsanlage selbst beigefügt war. Dort sollten Gesamtlohn, Arbeitgeberanteile und Sozialabgaben je Monat zusammenpassen.
Im betreffenden Monat erhöhte sich der ausgewiesene Nettolohn um genau fünfmal 3.842 Euro.
Die gemeldete Gesamtsumme der Sozialabgaben blieb unverändert.
„Fünf Menschen ohne Versicherung“, sagte Nora.
„Oder fünf Zahlungen, die als Lohn bezeichnet wurden, ohne in dieser Zusammenfassung als reguläre Beschäftigung aufzutauchen.“
Eva überprüfte die Folgemonate. Die Beträge erschienen weiter, manchmal mit einem Cent Unterschied, vermutlich um eine automatische Gleichheitsprüfung zu vermeiden. In zwei Monaten fehlte eine Zahlung. Im nächsten tauchte sie doppelt auf.
Sie strich das Wort vermutlich wieder. Die Centabweichungen konnten viele Gründe haben. Belastbar war nur, dass die Serie trotz wechselnder Projekte fortbestand und die beigefügten Sozialabgaben ihre Bewegung nicht abbildeten. Diese nüchterne Fassung übernahm Tobias in die Anfrage.
Das Muster war nicht sauber genug für eine echte Lohnserie und zu regelmäßig für zufällige Rechnungen.
Sie erinnerte sich an Daniels Anruf.
Fünf gleiche Zahlungen.
Er hatte nicht vor ihnen gewarnt, als er die Unterlagen vorbereitete. Er erwähnte sie erst, nachdem er verschwunden war und Eva öffentlich als mögliche Mitwirkende galt.
„Er will, dass Sie damit seine spätere Hilfe sehen“, sagte Nora.
„Oder dass wir etwas finden, das er nicht mehr kontrolliert.“
Beides konnte gelten. Keine Möglichkeit nahm ihm die frühere Beteiligung.
Eva prüfte die Bezeichnungen. Die angeblichen Beschäftigten waren jeweils verschiedenen Bauvorhaben zugeordnet, doch die Überweisungen liefen am selben Tag und trugen dieselbe interne Freigabenummer. Diese Nummer gehörte nicht zum System von HanseKontor. Sie konnte sie nicht entschlüsseln.
Tobias formulierte eine begrenzte Anfrage an die Bank und die Ermittlungsstelle: Wurden die fünf Zahlungen als Lohn geprüft? Gab es dazu Sozialversicherungsnachweise? Wer hatte die Cashflow-Anlage eingereicht?
Eva lieferte keine Behauptung über Scheinarbeitnehmer. Sie lieferte eine Abweichung.
Am nächsten Tag erhielt sie von der Bank eine Eingangsbestätigung. Die Prüfer würden die Angaben mit den für die Finanzierung vorgelegten Lohnnachweisen vergleichen. Wegen des laufenden Verfahrens nannten sie keine fremden Kontoinhaber.
Nora nahm ihre alte Versicherungsliste. „Kann ich die Empfänger über Adressen suchen?“
„Nur über öffentliche berufliche Angaben und Baustellenlisten. Keine privaten Meldedaten.“
„Ich weiß.“
Es klang nicht beleidigt. Ihre Regeln begannen, sich wie gemeinsames Handwerk anzuhören.
Eva sah sich die fünf Zeilen noch einmal an. Die Beträge waren hoch genug für qualifizierte Projektleitungen. Auf den öffentlichen Baustellenschildern der betroffenen Vorhaben standen andere Namen.
Ein Zusatz in der Anlage fiel ihr erst spät auf. Bei einer der fünf Zahlungen war die Art nicht nur Lohn, sondern:
Lohn / betriebliche Vorsorge.
Der Empfänger war kein Versicherer, sondern eine Firma, die auch als Materiallieferant geführt wurde.
„Das ist nicht nur eine Personalliste“, sagte Eva.
„Was dann?“
„Möglicherweise ein Weg, unterschiedliche Zahlungen unter einem vertrauten Begriff zu verstecken.“
Sie fotografierte nichts Neues. Die Anlage lag bereits gesichert vor. Sie notierte den Fund und schickte die Seiten über Tobias an die zuständigen Stellen.
Fünf gleiche Beträge beantworteten Daniels Hinweis.
Sie zeigten ein Muster, das nicht zu den beigefügten Sozialabgaben passte.
Die nächste Frage gehörte nicht mehr Daniel.
Sie lautete, ob hinter den fünf Namen überhaupt Menschen standen und wer die falsche Kategorie gewählt hatte.
