Kapitel 63: Die Namen ohne Menschen

Nora suchte keine Wohnungen.

Sie suchte berufliche Spuren.

Die fünf Namen aus den Finanzierungsunterlagen waren teilweise abgekürzt. Tobias hatte ihr bestätigt, dass sie öffentliche Firmenprofile, Baustellenschilder, Handelsregister und berufliche Verzeichnisse prüfen durfte. Private Adressen, Nachbarn oder Melderegister blieben außerhalb ihrer Aufgabe.

Der erste Name erschien nirgends.

Der zweite gehörte zu einem pensionierten Elektriker in Bayern, der erkennbar nichts mit Keller Wohnbau zu tun hatte. Nora nahm keinen Kontakt auf. Namensgleichheit war kein Beweis für Identität.

Beim dritten Namen fand sie ein öffentliches Profil. Die Person arbeitete seit zehn Jahren bei einem Krankenhaus in Kiel.

„Vielleicht ein Nebenjob“, sagte Nora.

Eva sah auf die Projektmonate. „Dann müsste es trotzdem einen nachvollziehbaren Beschäftigungs- oder Auftragsgrund geben.“

Sie saßen in einem öffentlich zugänglichen Bereich der Lübecker Bibliothek. Nora hatte ihren alten Versicherungsblock dabei. Sie zeichnete für jeden Namen eine kleine Zeitleiste: sichtbare berufliche Tätigkeit, angebliche Projektzuordnung, Zahlung.

Der vierte Name stand auf einem alten Lehrgangsverzeichnis, aber mit einer anderen Initiale. Der fünfte war überhaupt kein vollständiger Name. In der Anlage erschien nur:

M. Brand.

Nora hielt den Stift an.

„Marlene Brandt.“

„Sie war seit siebenundzwanzig Jahren tot, als diese Zahlungen begannen“, sagte Eva.

„Vielleicht soll es jemand anderes sein.“

„Dann braucht die Firma eine Personaldokumentation für jemand anderen.“

Nora dachte an die Baustelle, auf deren Schild Marlene als heutige Projektleiterin gestanden hatte. Der Name ihrer Mutter war in der Firma gleichzeitig gelöscht und weiterverwendet worden. Unsichtbar in der Gründungsgeschichte, nützlich in modernen Unterlagen.

Sie suchte die öffentlich genannten Projektteams. Keiner der fünf angeblichen Beschäftigten tauchte auf. In Baugenehmigungen, Pressemitteilungen und Vergabebekanntmachungen standen andere Projektleiter.

Das bewies nicht, dass niemand intern gearbeitet hatte. Manche Beschäftigte hinterließen keine öffentliche Spur.

Nora schrieb deshalb keine Anklage, sondern Fragen:

Gab es Arbeitsverträge?

Gab es Anmeldungen zur Sozialversicherung?

Welche Tätigkeit rechtfertigte den Betrag?

Warum liefen fünf Zahlungen unter einer gemeinsamen Freigabenummer?

Warum fehlte die entsprechende Veränderung in der Sozialabgabenübersicht?

Wer war M. Brand?

Eva ergänzte, welche Antworten sich aus den vorliegenden Anlagen erwarten ließen. Tobias übernahm die Liste und strich zwei Fragen, die zu breit nach sämtlichen Beschäftigtendaten verlangten. Die endgültige Anfrage beschränkte sich auf die fünf konkreten Buchungen.

„Sie machen aus meiner Liste immer eine kleinere Liste“, sagte Nora.

„Eine kleinere Frage wird eher vollständig beantwortet“, sagte er.

Nora kannte das aus der Schadensprüfung. Ein Versicherter, der alles gleichzeitig behauptete, machte jede einzelne Abweichung schwerer prüfbar.

Am Nachmittag kam eine Rückfrage der Bank. Eine der Kontoverbindungen gehörte laut den Finanzierungsunterlagen nicht einer Privatperson, sondern der Nordwerk Ausbau GmbH.

Trotzdem hatte Keller Wohnbau die Zahlung in der Lohnspalte geführt.

Eine zweite Verbindung gehörte Nordhafen Service, der Gesellschaft, die Daniels Rostocker Schließfach bezahlt hatte.

Die Bank bestätigte noch keine Unregelmäßigkeit. Sie erklärte lediglich, die Empfängerklassifizierung passe nicht zur eingereichten Zahlungsart und werde geprüft.

Sie bat Keller Wohnbau um die ursprünglichen Zahlungsbelege, die Lohnkontenzuordnung und die Erklärung, warum Gesellschaftskonten unter Personalkürzeln erschienen. Die Antwortfrist lief unabhängig von Eva und Nora. Keine von beiden konnte sie verkürzen oder den Prüfungsumfang eigenmächtig erweitern.

Nora sah ihre fünf Zeitlinien an. Zwei führten nicht zu Menschen, sondern zu Firmen, die bereits in anderen Teilen der Geschichte auftauchten.

„Daniel kannte das“, sagte sie.

„Er kannte zumindest die fünf Zahlungen“, sagte Eva.

„Weil er sie vorbereitet hat?“

„Oder geprüft. Oder später entdeckt. Das müssen die Freigaben zeigen.“

Nora schloss den Browser. Sie hatte niemanden aufgesucht und keine fremden Wohnungen fotografiert. Trotzdem waren die Namen weniger menschlich geworden.

Nicht weil sie bewiesen hatte, dass es die Personen nicht gab.

Sondern weil die Unterlagen selbst zwei Empfänger als Firmen auswiesen.

Tobias schickte die präzise Fragenliste an Bank und Ermittlungsstelle. Jana bestätigte den Eingang und bat beide Frauen, die mutmaßlichen Namensinhaber nicht selbst zu kontaktieren.

Nora hatte keine Absicht dazu.

Sie schrieb über die fünf Zeitleisten:

Namen ohne bestätigte Beschäftigung – zwei Konten gehören Unternehmen.

Das war keine Schlagzeile.

Es war genug, um die Lohnbezeichnung nicht länger hinzunehmen.

Und genug, um die betriebliche Vorsorge in der nächsten Zeile sehr genau anzusehen.