Kapitel 48: Evas Zeile

Das alte Formular war echt.

HanseKontor bestätigte es am nächsten Morgen. Der Aufbau der zerrissenen Lohnliste entsprach einem Freigabedeckblatt, das die Firma bis vor vier Jahren verwendet hatte.

Die Beträge und Namen gehörten jedoch nicht zu HanseKontor.

„Jemand hat unsere Vorlage mit fremden Daten gefüllt“, sagte die Compliance-Beraterin.

Eva saß mit Sabine und dem Personalleiter im Besprechungsraum. Jana nahm telefonisch teil. Das Original des Fundstücks blieb bei der Polizei; HanseKontor arbeitete mit einer gesicherten Abbildung.

„Wo konnte Daniel die Vorlage bekommen?“, fragte Jana.

Die interne Prüfung verglich nicht nur das Aussehen. Am linken Rand des Hotelfunds stand eine alte Versionskennung, die HanseKontor tatsächlich verwendet hatte. Sie war seit vier Jahren ungültig und nie für externe Firmen freigegeben worden.

„Damit ist die Herkunft aus unserem Vorlagenbestand wahrscheinlicher“, sagte die Beraterin. „Nicht die Herkunft der eingetragenen Daten.“

Eva erinnerte sich an den ersten Winter im Homeoffice. Während einer genehmigten Systemstörung hatte sie ein leeres Deckblatt ausgedruckt, um Freigaben telefonisch vorzubereiten. Das Blatt enthielt keine Beschäftigtendaten, aber ihre Personalnummer stand als zuständige Sachbearbeiterin im Fußbereich.

Später hatte sie es zu Hause für Schulungsnotizen benutzt.

„Es lag in meinem Arbeitsordner“, sagte sie. „In einem verschlossenen Schrank.“

„Wer hatte den Schlüssel?“

„Ich. Und einen Ersatzschlüssel bewahrte Daniel mit den anderen Hausschlüsseln auf.“

Sabine sah sie an, sagte aber nichts.

Eva erklärte weiter. Vor einem Jahr hatte Daniel den alten Multifunktionsdrucker verkauft. Vorher sicherte er angeblich private Scans vom Familiencomputer. Wenn das Deckblatt einmal über diesen Drucker gelaufen war, konnte eine Abbildung im lokalen Archiv gelegen haben.

„Das ist eine Möglichkeit“, sagte die Compliance-Beraterin. „Wir prüfen, ob die konkrete Vorlage aus einem internen Export oder einem Scan stammt.“

Die Linie unter der Freigabenummer war leicht schief. Im Originalformular war sie gerade. Auf dem Hotelfund sah sie aus, als sei eine Papierkopie erneut kopiert worden.

Außerdem fehlte ein Sicherheitsfeld, das in elektronischen Exporten automatisch erzeugt wurde. Der Fund konnte daher von einem Ausdruck oder Scan stammen, nicht zwingend aus einem Zugriff auf das produktive Lohnsystem.

„Keine direkte Datei aus unserem aktuellen System“, sagte Sabine.

„Wahrscheinlich nicht“, sagte die Beraterin.

Evas Personalnummer HK-274 war auf dem alten Deckblatt echt. Der rote Kreis und der Vermerk Freigabe 2 waren später hinzugefügt worden.

„Wurde meine Nummer für eine elektronische Freigabe benutzt?“, fragte Eva.

„Das Blatt beweist nur, dass sie auf einer Liste steht“, sagte Jana. „Wir brauchen die zugrunde liegenden Zahlungsdaten.“

Tobias beantragte, dass Nordbank und Keller Wohnbau die angeblichen Freigabeprotokolle zu den acht sichtbaren Zeilen sicherten. Eva selbst griff auf kein System zu.

Am Nachmittag erhielt sie die vorläufige interne Auswertung. In HanseKontors echten Protokollen existierte keine Zahlung mit den auf dem Blatt sichtbaren Beträgen. Evas Personalnummer war dort nur für reguläre Arbeitgebervorgänge verwendet worden.

Das entlastete das Firmensystem.

Es erklärte nicht, warum Daniel ihre Nummer in einer fremden Lohnliste führte.

„Er hat aus Ihrer Arbeit eine Kulisse gebaut“, sagte Sabine.

Eva sah auf die Vorlage. Ihre echten Linien. Ihre echte Nummer. Fremde Namen und Beträge.

„Eine Kulisse, die nur glaubwürdig wirkt, wenn niemand bei HanseKontor nachfragt.“

Eva dachte an Daniels Lebenslauf für sie. Auch dort hatte er echte Ausbildung, echte Berufsjahre und falsche Funktionen verbunden. Er brauchte keine perfekte Fälschung. Er brauchte nur genug echte Details, damit die Bank die nächste Frage nicht stellte.

Genau das hatte Daniel vermieden. Er hatte Eva als Finanzleiterin eines anderen Unternehmens erfunden und ihre echte Fachkenntnis benutzt, ohne ihre echte Firma einzubeziehen.

Der Personalleiter hob die vorläufige Einschränkung nicht auf. Die Prüfung lief weiter. Eva durfte jedoch wieder an der Vier-Augen-Kontrolle teilnehmen; die letzte Freigabe blieb vorerst bei Sabine.

Sie verlangte keine sofortige vollständige Rückkehr. Sie verlangte, dass schriftlich festgehalten wurde: Keine Übereinstimmung mit echten HanseKontor-Zahlungen.

Am Abend legte sie eine Kopie der Bestätigung in ihre blaue Mappe.

Auf Daniels zerrissenem Blatt stand ihre Personalnummer.

In ihrem tatsächlichen System stand keine einzige seiner Zahlungen.

Zum ersten Mal hatte sie nicht nur bestritten, seine Finanzfrau zu sein.

Ihr Arbeitgeber konnte es belegen.

Die Bestätigung nahm ihr den Verdacht nicht vollständig. Aber sie gab ihrem echten Berufsleben eine Grenze zurück, die Daniel auf dem Papier gelöscht hatte.