Kapitel 45: Helenes Mantel

Helene blickte direkt in die Kamera.

Nur für einen Schritt. Dann wandte sie den Kopf ab und zog den Schal höher. Das Bild reichte trotzdem aus, um Eva ihre Schwiegermutter erkennen zu lassen.

Jana zeigte die Aufnahme getrennt zuerst Eva, dann Lukas. Nora kannte Helene zu wenig für eine sichere Identifizierung.

„Das ist sie“, sagte Eva.

„Meine Mutter“, sagte Lukas später.

Die Kamera am Südausgang hatte Helene um 20:25 Uhr erfasst. Sie ging allein zu einem wartenden Wagen. Das Kennzeichen gehörte einem Fahrdienst, der die Buchung bestätigte, aber nur den Behörden weitere Daten gab.

Daniel erschien auf derselben Kamera vier Minuten später.

Auch allein.

Er trug den roten Ordner unter dem Arm und ging in Richtung Fernbahnsteige.

„Sie hat ihn nicht mitgenommen“, sagte Nora.

„Auf diesen Bildern nicht“, sagte Jana.

„Er war frei.“

„Es gibt keinen sichtbaren Zwang. Das ist die belastbare Aussage.“

Nora sah auf Daniels Gesicht. Eine Woche lang hatte sie jede Verzögerung als Beweis genommen, dass niemand ihn retten wollte. Nun musste sie akzeptieren, dass er genügend Freiheit gehabt hatte, einen Fahrplan zu lesen, zu telefonieren und eine Verbindung zu wählen.

Das bedeutete nicht, dass er sicher war.

Es bedeutete, dass er entschieden hatte, sie nicht anzurufen.

Eva sah die Sequenz erneut. Helene ging schnell, aber nicht panisch. Daniel blieb am Fahrplan stehen, trank Wasser und telefonierte. Er wirkte wie ein Mann, der eine Verbindung suchte, nicht wie jemand, der gerade einer Entführung entkommen war.

Das schloss Angst nicht aus.

Es schloss aber die Geschichte aus, die Nora in den ersten Tagen noch gehofft hatte: Daniel werde irgendwo festgehalten und könne nur deshalb nicht zurückkehren.

„Mit wem telefonierte er?“, fragte Eva.

„Die Verbindung lief über eine nicht registrierte Guthabenkarte. Wir haben keinen Inhalt.“

„Hat Helene dieselbe Nummer benutzt?“

„Das wird geprüft.“

Tobias bat um eine schriftliche Bestätigung der Abfolge: Treffen, getrennte Wege, Daniel weiterhin mit Ordner. Er wollte verhindern, dass ein einzelnes Standbild später als vollständiger Beweis für freiwillige Flucht behandelt wurde.

Am Nachmittag gab Helene über ihre Anwältin eine Erklärung ab. Sie habe Daniel am Bahnhof getroffen, weil er Firmenunterlagen zurückgeben wollte. Er sei aufgebracht gewesen und habe die Herausgabe verweigert. Sie habe nicht gewusst, wohin er danach fuhr.

„Warum hat sie das nicht sofort gesagt?“, fragte Nora.

„Weil wir die Bilder noch nicht hatten“, sagte Eva.

Helene behauptete außerdem, der rote Ordner enthalte keine historischen Gesellschafterunterlagen, sondern aktuelle Finanzierungsakten.

Ihre Erklärung sagte nichts zur Aufschrift BR/417 und nichts dazu, warum sie das Treffen erst nach Vorlage der Bilder einräumte. Tobias stellte beide Fragen schriftlich. Helenes Anwältin bestätigte nur den Eingang.

Eva legte die Aussage neben das Etikett BR/417. „Dann soll sie erklären, warum eine aktuelle Finanzierung dieselbe Nummer wie Marlenes Nachlassakte trägt.“

Tobias nahm die Frage in seine schriftliche Anfrage auf.

Lukas rief Eva am Abend an. „Du hättest mir sagen können, dass ihr Bilder von ihr habt.“

„Ich wusste es erst heute.“

„Sie wollte Daniel überzeugen zurückzukommen.“

„Dann hätte sie der Polizei von dem Treffen erzählen können.“

„Sie schützt die Firma.“

„Vor der Wahrheit über einen Bahnhof?“

Lukas beendete das Gespräch nicht. Im Hintergrund hörte Eva eine Tür.

„Daniel hatte den Ordner schon vorher“, sagte er. „Meine Mutter hat ihn nicht aus dem Archiv genommen.“

„Woher wissen Sie das?“

Stille.

„Lukas?“

„Weil der Schrank leer war, bevor Daniel verschwand.“

Dann legte er auf.

Eva schrieb den Satz sofort auf und gab ihn an Jana weiter.

Helene hatte Daniel am Abend seines Verschwindens getroffen. Sie hatte die rote Akte gesehen. Sie hatte ihn danach allein gehen lassen.

Oder sie hatte ihn nicht aufhalten können.

Beides bedeutete dasselbe für die wichtigste Frage der ersten Woche:

Daniel war nicht in Helenes Wagen verschwunden.

Er war mit der Akte weitergereist.

Wohin, war noch offen. Dass er den nächsten Schritt selbst gegangen war, nicht mehr.

Eva hörte auf, sein Schweigen mit einer fremden Hand zu erklären.

Es war nun auch seine Entscheidung.

Seine eigene.

Bewusst.