Daniel bezahlte die Fahrkarte mit Bargeld.
Die Kamera am Automaten zeigte ihn um 20:37 Uhr. Er legte zwei Scheine ein, nahm Wechselgeld und steckte das Ticket in den roten Ordner. Ziel und Preis waren auf dem Bild nicht lesbar.
Der Automat protokollierte jedoch den Verkauf:
Hamburg Hauptbahnhof nach Rostock Hauptbahnhof.
Abfahrt 20:52 Uhr.
Der Preis passte zu keinem Betrag, der an diesem Abend von Daniels Karten abgebucht worden war. Das Bargeld ließ keine direkte Kontospur zur Fahrkarte entstehen. Erst Automatendaten, Uhrzeit und Kamera verbanden den Kauf mit ihm.
„Er hat nicht spontan irgendeinen Zug genommen“, sagte Nora.
„Er hat ein konkretes Ziel gewählt“, sagte Jana. „Ob es vorher geplant war, ergibt sich daraus noch nicht.“
„Hat er den Zug genommen?“, fragte Eva.
Jana zeigte ein Bild vom Bahnsteig. Daniel stieg in den richtigen Wagen. Der Ordner blieb unter seinem Arm.
„Wir konnten ihn in Rostock beim Verlassen des Bahnhofs nachvollziehen“, sagte sie. „Danach endet die Kamerakette.“
Nora betrachtete den kleinen Papierbecher in Daniels anderer Hand. „Er sieht aus, als würde er nach Hause fahren.“
„Er sieht aus, als würde er in einen Zug steigen“, sagte Eva.
Die Korrektur war inzwischen automatisch geworden.
Daniel hatte seinen Reisepass in Lübeck gelassen. In den ersten Tagen hatte Nora darin ein Zeichen gesehen, dass er nicht freiwillig verschwunden sein konnte. Eva hatte geglaubt, er plane nur eine kurze Reise.
Nun lag Rostock auf dem Tisch.
„Für eine Fahrt innerhalb Deutschlands braucht er keinen Reisepass“, sagte Eva.
„Er brauchte trotzdem Kleidung.“
„Vielleicht hatte er welche vorbereitet.“
Jana bestätigte, dass Daniel am Bahnhof kein Schließfach geöffnet hatte. Das schloss ein Depot an einem anderen Ort nicht aus. Sein Bargeldverbrauch ließ sich nicht über das gemeinsame Konto verfolgen.
„Wie viel hat er abgehoben?“, fragte Nora.
„In den Wochen vor seinem Verschwinden mehrere kleinere Beträge. Kein einzelner auffälliger Bezug.“
Eva erinnerte sich an Daniels Angewohnheit, beim Einkauf Bargeld mitzunehmen. Fünfzig Euro hier, achtzig dort. Beträge, die in einem gemeinsamen Haushalt nicht wie Fluchtvorbereitung wirkten.
Sie öffnete ihre Haushaltsübersicht. In acht Wochen hatte Daniel insgesamt 1.460 Euro zusätzlich abgehoben. Nicht genug für ein neues Leben, aber genug für Fahrkarten, billige Hotels und einige Tage ohne Kartenspur. Eva übergab die Übersicht Jana; sie machte aus der Summe keinen Diebstahlsbeweis.
„Er hat den Pass absichtlich liegen lassen“, sagte sie.
„Das können wir nicht wissen“, sagte Jana.
„Er nahm den roten Ordner, passende Kleidung aus zwei Häusern und Bargeld. Der Pass im Schubfach ließ uns denken, er könne nicht weit.“
„Es ist eine plausible Schlussfolgerung“, sagte Jana. „Noch keine bestätigte Absicht.“
Eva schrieb sie als solche auf.
Tobias prüfte unterdessen Helenes Erklärung zum Bahnhof. Die Firma behauptete, Daniel habe aktuelle Finanzierungsunterlagen entzogen. Die rote Aktennummer und die kopierten Protokollseiten sprachen für einen historischen Bestand. Beides konnte im selben Ordner liegen.
„Wenn er die Akte retten wollte, warum nahm er sie mit nach Rostock?“, fragte Nora.
„Vielleicht wollte er einen Käufer“, sagte Eva.
„Oder einen Zeugen.“
„Oder ein Versteck.“
Sie stoppten bei drei Möglichkeiten.
Am Nachmittag fand Jana heraus, dass Daniel am Rostocker Bahnhof kein Taxi mit Karte bezahlt hatte. Eine Buskamera zeigte möglicherweise einen Mann mit seinem Mantel, doch das Gesicht war verdeckt.
„Wir prüfen Hotels und bekannte Firmenkontakte im zulässigen Rahmen“, sagte sie. „Sie fahren nicht nach Rostock.“
Nora hob die Hände. „Ich habe nichts gesagt.“
„Sie haben den Autoschlüssel genommen.“
Nora legte ihn zurück auf den Tisch.
Eva sah erneut auf das Automatenbild. Daniel hatte kein Gepäck. Doch am unteren Rand des roten Ordners ragte ein gefalteter Zettel hervor. Vielleicht eine Reservierung, vielleicht eine Rechnung, vielleicht nichts Relevantes.
Ein Mann musste keinen Koffer tragen, wenn er seine Flucht Wochen vorher verteilt hatte.
Seine Kleider auf zwei Häuser.
Sein Bargeld auf viele Einkäufe.
Seine Beweise auf Speicherkarte und roten Ordner.
Der Pass im Schubfach war kein Hindernis gewesen.
Er war Teil des Bildes, das Daniel zurücklassen wollte.
Eva erinnerte sich, wie deutlich er den Schubkasten immer geschlossen hatte. Wenn sie gemeinsam verreisten, prüfte Daniel zweimal, ob die Pässe darin lagen. Gerade dieser sichtbare Verzicht hatte sie beruhigen sollen.
