Kapitel 29: Der einzige Schlüssel

Jana ließ Nora die Haustür von innen öffnen.

„So wie heute Morgen“, sagte sie.

Nora steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte zweimal und drückte die Klinke. Die Tür öffnete sich ohne Widerstand. Jana fotografierte Schloss, Rahmen und Schließblech. Ein Kollege untersuchte die Terrassentür und die Fenster.

„Keine sichtbaren Hebelspuren“, sagte er.

„Heißt das, jemand hatte einen Schlüssel?“, fragte Nora.

„Es heißt, dass wir hier keine sichtbare gewaltsame Öffnung feststellen.“

Nora nickte. Vor zwei Wochen hätte sie den Unterschied als Ausweichen empfunden. Jetzt schrieb sie ihn selbst in ihr Notizbuch.

Eva wartete im Wohnzimmer. Tobias’ Mitarbeiter war geblieben, nachdem er den leeren Platz auf dem Dachboden gesehen hatte. Niemand berührte dort etwas, bis Jana die Stelle dokumentiert hatte.

„Wann wurde das Schloss eingebaut?“, fragte sie.

„Vor vier Jahren.“

„Wer hatte Schlüssel?“

„Daniel und ich.“

„Ersatzschlüssel?“

Nora dachte nach. „Einer lag in einer kleinen Dose in der Küchenschublade.“

Die Dose war da. Leer.

„Wann haben Sie zuletzt hineingesehen?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht vor Monaten.“

„Wer wusste von dem Platz?“

„Daniel. Ich.“

Dann erinnerte sie sich an den Tag des Einbaus. Der Schlosser war zu spät gekommen. Daniel hatte die falsche Zylinderlänge bestellt. Lukas hatte auf dem Rückweg von einer Baustelle angehalten und Werkzeug gebracht.

„Lukas war hier.“

Eva sah auf.

„Beim Schlosswechsel“, erklärte Nora. „Er hat Daniel geholfen. Ich war zwischendurch im Baumarkt.“

„Hat er einen Schlüssel erhalten?“, fragte Jana.

„Nicht von mir.“

„Haben Sie gesehen, wie viele Schlüssel in der Packung waren?“

Nora schloss die Augen. Eine blaue Schachtel. Daniel am Küchentisch. Drei oder fünf Schlüssel? Sie wusste es nicht.

„Nein.“

Jana notierte nur, dass Lukas Zugang zum Einbauvorgang gehabt hatte. Sie machte daraus keinen Täter.

Eva bat Nora, den Tag des Schlosswechsels wie einen Schadenablauf zu rekonstruieren. Daniel hatte morgens die Verpackung geöffnet. Lukas war gegen Mittag gekommen. Nora fuhr zwischen 13 und 14 Uhr zum Baumarkt. Als sie zurückkehrte, steckte bereits ein Schlüssel in der Haustür. Wie viele weitere auf dem Küchentisch lagen, konnte sie nicht sagen.

„Daniel hat mir zwei gegeben“, sagte sie. „Einen für meinen Bund, einen für die Dose.“

„Und seinen eigenen hatte er schon“, sagte Jana.

Mindestens drei Schlüssel waren damit belegt. Ob die Packung drei oder fünf enthalten hatte, blieb offen.

Die Versicherungshotline bestätigte am Mittag, dass der vorhandene Zylinder keine von außen erkennbare Beschädigung zeigte. Für eine verbindliche Beurteilung müsse er ausgebaut und fachlich untersucht werden. Nora stimmte dem Austausch zu, nachdem Jana die Sicherung des alten Zylinders veranlasst hatte.

„Heute bekommen nur Sie zwei neue Schlüssel“, sagte der Schlosser.

Nora nahm beide an sich. Keiner ging an Daniel, niemand bekam einen für Notfälle.

Während der Arbeiten prüfte Jana die nähere Umgebung. Eine private Türkamera des gegenüberliegenden Hauses erfasste nur dessen Einfahrt. Der öffentliche Verkehrsbereich am Ende der Straße wurde von einer Kamera überwacht, deren Bilder wegen einer Baustellenumleitung kurzzeitig gespeichert wurden.

Am Nachmittag bat Jana Eva und Nora ins Präsidium.

„Wir haben eine Person, die gestern Abend um 22:18 Uhr aus Ihrer Straße kam“, sagte sie. „Das Bild ist nicht gut genug für eine automatische Identifizierung.“

Sie zeigte ihnen zwei Standbilder.

Eine Frau trug einen dunklen Mantel und flache Schuhe. Unter dem Arm hielt sie einen rechteckigen Gegenstand, eingewickelt in einen hellen Sack oder eine Decke. Ihr Gesicht war auf dem ersten Bild abgewandt. Auf dem zweiten sah man ein Profil.

Nora erkannte sie nicht.

Eva schon.

„Katrin Vogt.“

Jana hob die Hand. „Sagen Sie mir, woran Sie sie erkennen.“

„Das Profil. Die Haare. Und die Brosche am Mantel.“

Auf dem Revers lag ein heller Kreis mit einem dunklen Strich. Katrin trug bei Firmenveranstaltungen eine silberne Brosche in Form eines Baukrans. Helene hatte sie den leitenden Mitarbeiterinnen zum Jubiläum geschenkt.

„Kann eine andere Person dieselbe Brosche besitzen?“

„Ja. Mindestens fünf Frauen haben eine bekommen.“

„Und die Statur?“

„Passt zu Katrin.“

Nora beugte sich näher. „Der Gegenstand könnte der Koffer sein.“

„Könnte“, sagte Jana. „Die Abmessungen müssen verglichen werden.“

Auf einem weiteren Bild stieg die Frau in einen hellen Kleinwagen. Das Kennzeichen war teilweise sichtbar. Jana erklärte nicht, welche Abfrage bereits lief.

„Daniel ist es jedenfalls nicht“, sagte Nora.

„Nein.“

Eva berichtete Jana vom Empfang am Morgen vor Helenes falscher Frage. Katrin hatte gehört, wie Eva Marlenes Namen auf der Bautafel erwähnte, und Eva hatte Helenes Blick gesehen, bevor Katrin den Raum verließ.

„Wenn es Katrin ist, hatte sie einen Schlüssel“, sagte Nora.

Jana schob das Bild zurück in die Akte. „Oder Zugang über einen anderen Weg, den wir noch nicht kennen. Wir werden sie dazu befragen.“

„Sie arbeitet für Helene.“

„Das wissen wir.“

Eva sah auf die Zeitmarke.

Vier Stunden nachdem Helene gefragt hatte, wo das Original liege, verließ eine Frau aus ihrem Vorzimmer Noras Straße.

Und sie trug etwas, das die Größe des verschwundenen Dokumentenkoffers hatte.

Jana erinnerte beide daran, Katrin nicht anzurufen. Eine Identifizierung durch Eva war ein Ermittlungsansatz, keine öffentliche Feststellung. Nora löschte den bereits getippten Namen aus einer Nachricht an Hilde und schrieb stattdessen nur: Der Koffer ist weg. Die Polizei prüft es.