Der erste Bankumschlag war schwerer als er sein durfte.
Eva bemerkte es am Samstagmorgen, als sie ihre Unterlagen für Tobias neu sortierte. Der braune Umschlag, den sie in Daniels Mantel gefunden und zum zweiten Briefkasten gebracht hatte, lag seit Tagen in einer Klarsichthülle. Darin befanden sich nur noch zwei Seiten.
Trotzdem blieb der Boden steif.
Eva drückte nicht daran. Sie legte den Umschlag flach auf den Tisch, fotografierte Vorder- und Rückseite und rief Jana an.
„Nicht aufschneiden“, sagte Jana.
Eine Stunde später nahm sie den Umschlag mit. Nora kam direkt zum Präsidium. Tobias war telefonisch erreichbar. Niemand versprach ihnen, dass sich im Umschlag etwas befand.
Unter schrägem Licht war eine zusätzliche Klebekante am unteren Falz sichtbar. Der Umschlag wurde dokumentiert und in ihrer Gegenwart geöffnet.
Zwischen zwei Papierschichten lag eine Speicherkarte.
So klein, dass Eva sie übersehen hätte, wenn Daniel den Falz sauberer geklebt hätte.
„Die stecken wir nicht in Ihren Laptop“, sagte Jana.
„Das hatte ich nicht vor.“
„Gut. Ich sage es trotzdem.“
Die technische Sicherung dauerte. Eva und Nora warteten in einem nüchternen Raum mit einem Wasserspender, dessen Becher nach Pappe schmeckten. Nora lief zweimal zum Fenster und zurück.
„Er hat gewusst, dass Sie den Umschlag finden“, sagte sie.
„Oder er hat gehofft, dass jemand ihn findet.“
„Er lag in seinem Mantel.“
„Den ich normalerweise zur Reinigung gebracht hätte.“
Nora blieb stehen. „Dann war der zweite Briefkasten vielleicht nicht der geplante Fundort.“
Eva dachte an den handschriftlichen Adressaufkleber. Daniel hatte den Umschlag in eine Tasche gesteckt, die sie beim Aufräumen leerte. Vielleicht hatte er ihren Ablauf gekannt. Vielleicht hatte er nur unter Zeitdruck ein Versteck gebraucht.
„Wir wissen es nicht.“
„Ich werde diesen Satz nach der Geschichte hassen.“
„Sie verwenden ihn schon selbst.“
Am späten Nachmittag kam Jana mit einer Liste. Die Karte enthielt vier Dateien. Drei waren Bildscans, eine war eine Audiodatei.
„Wir zeigen Ihnen nur das, was für Ihre Angaben notwendig ist“, sagte sie. „Die Originalkarte bleibt gesichert.“
Der erste Scan war eine Seite aus einem Sitzungsprotokoll. Kopfzeile: Keller & Brandt Wohnbau, 8. November 1999. Die Teilnehmerliste war abgeschnitten. Im Text standen die Worte Nachlass, minderjährige Begünstigte und vorläufige Verwaltung.
Der zweite Scan zeigte eine Tabelle mit Zahlungen über mehrere Jahre. Empfänger war nicht Nora, sondern ein Konto mit dem Vermerk B-Treuhand. Beträge und Buchungstexte waren teilweise unleserlich.
Der dritte Scan war ein Deckblatt:
Zusatzvereinbarung A—
Die rechte Seite fehlte. Eine handschriftliche Notiz am unteren Rand lautete:
Original in Verwahrung. Zweitausfertigung bei M.B.
Nora legte den Silberring neben den Ausdruck. „A-drei?“
„Die Ziffer fehlt“, sagte Jana. „Nicht ergänzen.“
Nora nahm den Ring wieder an sich. „Die Schule ist überall.“
Eva betrachtete die Scanränder. Sie waren schief und unterschiedlich hell. Auf einer Seite lag der Schatten einer Klammer. Daniel hatte offenbar keine vollständige Akte kopiert, sondern einzelne Blätter.
„Er hat genug genommen, um Druck zu machen“, sagte Nora.
„Oder genug, um eine Prüfung auszulösen“, sagte Eva.
„Sie verteidigen ihn wieder.“
„Nein. Beide Absichten passen zu denselben drei Seiten. Wir wissen erst mehr, wenn wir das Original oder weitere Dateien finden.“
Daniel hatte die Karte in Evas Umschlag versteckt und ihren Namen in der Aufnahme genannt. Das konnte Sorge sein. Es konnte ebenso der Versuch sein, ihr die gefährlichsten Belege zuzuschieben, während er selbst verschwand.
„Wann wurden die Dateien erstellt?“, fragte sie.
„Die technischen Daten zeigen nur, wann diese Kopien auf die Karte geschrieben wurden. Nicht sicher, wann die Papierseiten gescannt wurden.“
„Und die Audiodatei?“
Jana stellte einen Lautsprecher auf den Tisch. „Sie enthält zwei Teile. Zuerst Daniel. Danach eine ältere Aufnahme. Sagen Sie mir nur, ob Sie Stimmen erkennen. Keine Deutung.“
Sie startete die Datei.
Rauschen.
Dann Daniels Stimme, leise und nah am Mikrofon:
„Wenn Helene merkt, was ich kopiert habe, wird sie Eva dafür bezahlen lassen.“
Eva spürte, wie Nora zu ihr sah. Sie hielt den Blick auf den Lautsprecher gerichtet.
Daniel fuhr fort:
„Nora darf das Original nicht allein zu ihr bringen. Lukas kennt die Zahlungen, aber nicht den Anfang. Falls ich weg bin, geht mit den Seiten zu Rehm.“
Tobias’ Name.
„Woher kannte er Sie?“, fragte Nora.
„Später“, sagte Jana und ließ die Datei weiterlaufen.
Es klickte. Daniels moderne Aufnahme endete. Das Rauschen wurde breiter, mechanischer, wie bei einer alten Kassette. Im Hintergrund schlug eine Tür. Mehrere Menschen sprachen durcheinander.
Eine Männerstimme sagte: „Das lässt sich, wenn dir etwas zustößt, nicht einfach fortführen.“
Eine zweite Frau antwortete, zu weit vom Mikrofon entfernt, um sie zu verstehen.
Dann kam eine Stimme, die Nora seit siebenundzwanzig Jahren nur in Träumen gehört hatte.
Jünger als in ihrer Erinnerung. Bestimmt. Ein wenig atemlos.
„Nein“, sagte die Frau. „Die fünfunddreißig Prozent bleiben gebunden. Wenn Nora achtzehn wird, soll sie selbst entscheiden, ob—“
Die Aufnahme brach ab.
Nora bewegte sich nicht.
Eva fragte nicht, ob sie sicher war. Jana ebenfalls nicht.
Nach einigen Sekunden nahm Nora den Ring in die geschlossene Hand.
„Das“, sagte sie, „war die Stimme meiner Mutter.“
Jana stoppte die Wiedergabe und notierte Noras vorläufige Erkennung. Eine Bestätigung war das noch nicht. Für Nora reichte der eine Satz trotzdem, um zu wissen, dass Marlene selbst über eine Entscheidung für ihre Tochter gesprochen hatte.
