Seraphine erschien nicht im Amtssaal.
Sie stand auf der unteren Treppe der Akademie, ohne Kronenstab und ohne die goldene Schärpe der Rektorin. Hinter ihr warteten Yara, zwölf Lehrende und mehr als hundert erwachsene Studierende. Elins offener Kanal zeigte jede Person im gleichen Licht.
Mara sah die Übertragung in einem Lagerraum nahe der Stadtmauer. Noch trennte sie eine Kontrolle von Veyra. Auf dem Boden lagen Kräuterballen, unter denen die Händlerinnen ihre Papierabschriften verteilt hatten.
Seraphine begann mit Namen.
Nicht allen. Einige Namenlose hatten einer öffentlichen Nennung nicht zugestimmt. Sie las die Namen der Menschen, deren jährliche Löschung sie selbst genehmigt hatte und die ihre Veröffentlichung erlaubt hatten. Bei den übrigen der insgesamt zwölf Fälle sagte sie nur Jahr und Aktenzeichen.
„Ich habe diese Genehmigungen erteilt“, sagte sie. „In mehreren Fällen habe ich die betroffenen Erwachsenen nicht persönlich nach ihrer Zustimmung gefragt. Ich verließ mich auf Erklärungen des königlichen Siegelamts. Das war mein Handeln, nicht bloß mein Irrtum.“
Im Lagerraum hörte niemand zu atmen auf. Die ältere Kräuterhändlerin setzte sich auf einen Ballen.
Seraphine bestätigte, dass Mara beim diesjährigen Ritual Nein gesagt hatte. Sie bestätigte, dass Cassian die fehlende Zustimmung protokolliert und dass die Akademie das Verfahren trotzdem vorbereitet hatte.
Bei zwei älteren Fällen unterbrach Yara sie. „Können Sie bestätigen, dass diese Personen zugestimmt haben?“
Seraphine sah auf ihre Liste. „Nein.“
„Können Sie bestätigen, dass sie nicht zugestimmt haben?“
„Ebenfalls nein. Ich kann bestätigen, dass ich keine eigenständige Befragung dokumentiert habe.“
Die Unterscheidung klang klein. Mara wusste, wie wichtig sie war. Seraphine durfte das Fehlen einer Prüfung nicht nachträglich in eine erfundene Erinnerung verwandeln, nur weil ein Geständnis vollständiger wirkte.
„Kanzler Rauk behauptet, die Namenlosen hätten den Wall allein beschädigt“, fuhr sie fort. „Die Trennung am Nordknoten hat die Krise verschärft. Zugleich zeigen die von mir geprüften Daten eine vorherige Absenkung königlicher Einspeisungen. Beide Tatsachen müssen untersucht werden.“
Mara spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste und sofort wieder festzog. Seraphine sprach endlich. Das machte zwölf Genehmigungen nicht ungeschehen.
Eine königliche Beamtin trat auf die Treppe. „Seraphine Vael, Ihnen wird mit sofortiger Wirkung die Leitung der Akademie entzogen. Übergeben Sie Ihr Amtssiegel.“
Seraphine zog den Ring von der rechten Hand. Für einen Moment glaubte Mara, sie werde eine letzte Kronenanweisung geben. Stattdessen legte sie ihn in eine leere Steinschale.
„Ich übergebe das Amt“, sagte Seraphine. „Nicht meine Zeugenaussage.“
Die Beamtin erklärte den Kernbereich, die Ratsräume und sämtliche Wallanlagen für Seraphine gesperrt. Zwei Wächter stellten sich neben sie. Keine Ketten, keine dramatische Flucht.
Eine Studentin rief, Seraphine solle ihre Krone nutzen und die Sperre brechen. Seraphine drehte sich nicht zu den Wächtern.
„Wenn meine Aussage nur gilt, solange ich Macht behalte, wiederholt sie den Fehler“, sagte sie. „Ich reiche Einspruch gegen die Sperre ein. Ich hebe sie nicht allein auf.“
Mara spürte Zustimmung und Ärger zugleich. Es war die richtige Grenze, spät gezogen.
Yara hob eine Papiermappe. „Diese Aussage wurde in dreiundvierzig Abschriften verteilt.“
„Die Verbreitung interner Akten ist untersagt“, sagte die Beamtin.
„Es sind meine Mitschriften.“
Studierende im Hintergrund hoben weitere Mappen. Die Beamtin konnte Seraphine von einer Tür ausschließen. Sie konnte nicht alle Hände gleichzeitig leeren.
Seraphine sah direkt in den Projektionsstein.
„Mara Falk“, sagte sie. „Unser Zugang zum Kern ist jetzt geschlossen. Der alte Apothekertunnel unter der siebten Brücke endet jedoch außerhalb des Sperrbezirks. Ich habe seine Existenz drei Jahre lang verschwiegen.“
Mara erstarrte. Das war mehr als eine Wegbeschreibung. Es war eine öffentliche Selbstbelastung und zugleich eine Nachricht, die Severin ebenfalls hörte.
„Warum sagt sie das offen?“, fragte die jüngere Händlerin.
„Damit es kein geheimes Abkommen zwischen uns bleibt.“
Auf der Treppe unterbrach die Beamtin die Übertragung. Der Kanal flackerte, sprang zu einer Abschrift in Yaras Archiv und zeigte Seraphines letzten Satz erneut.
Mara nahm die Karte der unteren Viertel heraus. Der Apothekertunnel lag nahe ihrer geplanten Route. Wenn Severin schnell war, würde er den Ausgang bewachen. Wenn er ihn versiegelte, bestätigte er den Ort.
Sie schrieb Seraphine keine Antwort. Stattdessen bat sie Elin, die Zugangsinformation mit einem Warnhinweis zu versehen: unbestätigt, wahrscheinlich überwacht, keine allgemeine Fluchtroute.
Die beiden Händlerinnen schoben den letzten Ballen auf den Wagen.
„Glaubst du ihr jetzt?“, fragte die ältere.
Mara dachte an Elias, der Seraphine nicht vergeben hatte. An zwölf Namen. An eine Frau, die ihr Amt abgelegt hatte, nachdem andere den Preis getragen hatten.
„Ich glaube, dass sie diese Sätze gesagt hat“, antwortete Mara. „Alles Weitere muss geprüft werden.“
Sie markierte auf ihrer Karte zwei mögliche Ausgänge des Apothekertunnels. Den dritten strich sie nicht, obwohl Seraphine ihn unerwähnt gelassen hatte. Eine Aussage war kein vollständiger Stadtplan. Cassian sollte von einem unabhängigen Schreiber prüfen lassen, ob alte Bauregister die Verbindung bestätigten.
Von der Stadtmauer ertönte die nächste Kontrollglocke.
Seraphine hatte widersprochen.
Nun war der Weg, den sie geöffnet hatte, kein Geheimnis mehr.
