Kapitel 148: Lenas Fehler

Lenas Nachricht kam aus dem beschädigten Nordknoten.

Das Bild war schlecht. Grauer Wind lief in Wellen darüber, und die Umrisse der vier Namenlosen lösten sich immer wieder vom Hintergrund. Mara erkannte Lena an der Haltung, bevor ihr Gesicht scharf wurde.

„Ich spreche für mich“, begann Lena. „Nicht für alle Namenlosen.“

Mara stand inzwischen in einer Schlange vor dem Kräutertor. Vor ihr warteten Händlerwagen, hinter ihr stritten zwei Beamte über Papierausweise, weil die Namensspiegel nur das königliche Wappen zeigten. Mehrere Menschen hielten ihre Botensteine hoch. Lenas Stimme sprang von einem zum nächsten.

„Ich habe heute am Nordknoten meine eigene Verbindung gelöst. Die königliche Einspeisung war bereits gesenkt. Meine Handlung hat den Abschnitt zusätzlich destabilisiert.“

Niemand in der Schlange sprach.

Lena erklärte nicht, wie sie die Verbindung gelöst hatte. Sie nannte den Zeitpunkt, die gemessene Last und die Namen der drei erwachsenen Begleiter, soweit diese einer Nennung zugestimmt hatten. Dornfink blieb bei seinem Rufnamen.

„Ich hielt den Schaden für begrenzbar“, sagte sie. „Diese Einschätzung war falsch.“

Mara schloss für einen Augenblick die Augen. Sie hatte auf die Worte gewartet. Jetzt, da sie kamen, fühlten sie sich nicht wie Genugtuung an.

Lena trat zur Seite. Hinter ihr war ein Segment des Kernraums sichtbar. Die Wand pulsierte unregelmäßig. Zwei alte Trägerverbindungen waren nicht gelöst worden, aber sie mussten nun mehr Last aufnehmen.

Dornfink trat ins Bild. Er bestätigte, dass er Lenas Vorgehen unterstützt hatte und dass sie die anderen drei nicht gezwungen hatte. Eine zweite Begleiterin erklärte, sie habe geglaubt, die Last werde von den freiwilligen Kreisen übernommen. Der dritte Name blieb unveröffentlicht; seine Aussage lag laut Lena bei Elias und den Zählenden. Selbst jetzt gehörte Sichtbarkeit nicht automatisch zum Preis einer Zeugenschaft.

„Ich werde nicht zulassen, dass Kanzler Rauk meine Entscheidung benutzt, um dreihundert Menschen ohne Zustimmung anzuschließen“, sagte Lena. „Ich werde aber auch nicht behaupten, sein früherer Eingriff habe meine Verantwortung aufgehoben.“

Ein Mann in der Schlange rief: „Dann stell dich!“

Lena konnte ihn nicht hören. Oder der Kanal übertrug keine Antworten. Mara wusste es nicht.

„Der sechste Schlüssel bleibt bei mir, bis eine gewählte Vertretung der Namenlosen am Kern ankommt“, fuhr Lena fort. „Ich erkenne das Ergebnis der Abstimmung an. Ich löse keine weitere fremde Verbindung.“

Die Übertragung endete.

Sofort erschienen zwei königliche Kommentare. Der erste nannte Lenas Erklärung ein Geständnis des Angriffs. Der zweite ließ ihre Sätze über die vorherige Drosselung und die Grenze weiterer Trennungen aus.

Mara schrieb die vollständige Fassung auf, solange sie sie im Kopf hatte. Die jüngere Händlerin verglich jedes Wort mit ihrer eigenen Mitschrift.

An einer Stelle unterschieden sie sich. Mara hatte gehört, Lena werde keine fremde Verbindung lösen. Die Händlerin hatte notiert, Lena werde keine weitere fremde Verbindung lösen. Sie spielten die öffentliche Abschrift erneut ab. Das Wort weitere war deutlich. Mara korrigierte ihren Text. Der Unterschied hielt fest, dass bereits andere Leitungen belastet worden waren.

„Solltest du ihr nicht antworten?“, fragte sie.

„Nicht öffentlich als Schwester.“

„Warum nicht?“

„Weil ihre Verantwortung weder größer noch kleiner wird, wenn ich sie liebe.“

Die ältere Frau nickte, ohne Trost anzubieten. „Und wenn sie dich trotzdem braucht?“

„Dann kann sie mich fragen. Sie kann nicht meine Antwort als Freispruch benutzen.“

Am Tor verlangte ein Beamter Maras Namen. Sie gab den falschen nicht an. Stattdessen reichte sie die Warenliste der Händlerinnen, in der sie als erwachsene Begleitperson ohne Käuferkontakt verzeichnet war. Das war nach den alten Marktregeln zulässig.

Der Beamte betrachtete ihr Gesicht. Hinter ihm hing ihr Fahndungsbild.

„Nehmen Sie die Kapuze ab.“

Die ältere Händlerin trat vor. „Auf welcher Grundlage? Die Namensspiegel funktionieren nicht. Sie können ihre Identität ohnehin nicht prüfen.“

„Sicherheitsanweisung.“

„Dann zeigen Sie sie schriftlich.“

Während sie stritten, lief ein Zittern durch die Stadtmauer. Die Wartenden griffen nach den Wagen. Auf dem königlichen Wappen über dem Tor entstand ein feiner Riss.

Mara hörte darin nicht Lena, sondern Hunderte überlastete Namen.

Der Beamte wandte sich zum Spiegel. Für drei Atemzüge vergaß er die Kontrolle. Die Händlerin zog ihren Wagen weiter, langsam genug, um keine Flucht zu sein. Mara ging neben dem hinteren Rad durch das Tor.

Drinnen roch Veyra nach Stein, Rauch und Angst. Die Namenanzeigen waren leer. Menschen trugen Zettel an Mänteln und Taschen.

An der ersten Hauswand hing bereits eine Abschrift von Lenas Erklärung.

Daneben stand die Abstimmung der Namenlosen mit allen drei Ergebnissen. Niemand hatte die vierzehn Ja-Stimmen entfernt, obwohl sie verloren hatten. Mara strich mit dem Finger über die Zahlen. Eine Mehrheitsentscheidung durfte nicht so sauber werden, dass ihre Minderheit wieder namenlos blieb.

Unter dem Satz Diese Einschätzung war falsch hatte jemand geschrieben:

Ein Fehler ist kein Freispruch. Ein Eingeständnis ist kein Schweigen.

Mara nahm den Stift, der an einer Schnur danebenhing, und setzte ihren Namen unter die vollständige Fassung.