Die Mühle hatte Platz für achtzig Menschen.
Hundertsechzehn standen vor der Tür.
Mara zählte nicht nur Köpfe. Sie ließ Familien, Nachbarn und Reisegruppen sich gegenseitig nennen. Wer keinen Zeugen hatte, bekam zwei Freiwillige zugeteilt, die Name, Herkunft und gewünschte Anrede auf Papier notierten. Im Nachtbruch konnte man einen Weg vergessen. Manchmal auch den Grund, warum man ihn gegangen war.
„Die obere Straße ist gesperrt“, meldete ein Wächter. „Der Wind dreht die Wegzeichen.“
„Dann markieren wir die Hauswände.“
„Mit Magie?“
„Mit Kalk.“
Zwei Maurer nahmen Eimer und liefen los. Mara schickte niemanden allein. Sie selbst ging mit Heda zum letzten Wohnhaus am Hang, wo ein alter Mann seine Tür nicht öffnen wollte.
„Ich verlasse mein Haus nicht wegen einer königlichen Übung“, rief er durch das Holz.
Eine Böe bog die Bäume bis fast auf den Boden. Im Hof schimmerte für einen Augenblick ein fremder Weg, der geradewegs in den dunklen Teil des Passes führte.
Mara stellte sich dicht an die Tür. „Herr Velten, Ihre Nachbarin Ria wartet in der Mühle. Sie hat Ihren Namen und den Ihres Hundes eingetragen. Das ist keine Übung.“
„Woher wissen Sie meinen Namen?“
„Sie haben mir vor zwei Wintern Wacholderrinde verkauft.“
Es dauerte lange, bis der Riegel zurückgeschoben wurde. Herr Velten trug einen Mantel, aber keine Schuhe. Heda holte sie, während Mara den Hund an einer Schnur führte. Auf halbem Weg blieb der Mann stehen.
„Warum gehen wir zur Mühle?“
„Weil der Wall gerissen ist.“
„Der Wall reißt nicht.“
Mara zeigte ihm die Notiz, die Ria für ihn geschrieben hatte. Er las seinen Namen, den Namen des Hundes und den vereinbarten Treffpunkt. Dann ging er weiter.
Vor der Mühle hatte Cassian die Menge in drei Gruppen geteilt. Nicht nach Rang, sondern nach Bedarf: Menschen, die ihren Orientierungssinn verloren; Menschen mit körperlichen Einschränkungen; Menschen, die noch bei Transporten helfen konnten.
„Der südliche Keller ist frei“, sagte er. „Aber der Weg dorthin führt über die Brücke.“
„Die Brücke hält keine hundert.“
„Je zwölf, mit Abstand.“
Jeder Übergang wurde von zwei Steinhandwerkern begleitet. Mara blieb am Brückenkopf und prüfte mit Flutresonanz, wann die Erschöpfung gefährlich wurde. Sie heilte niemanden. Sie konnte nur erkennen, wer Ruhe brauchte, und die Last verteilen.
Beim fünften Übergang kam der nächste Stoß.
Der Fluss hob sich, obwohl kein Regen fiel. Die Menschen auf der Brücke vergaßen gleichzeitig, auf welche Seite sie gehen sollten. Einige drehten sich um.
„Stehen bleiben!“, rief Mara. „Niemand dreht um.“
Ihre Stimme ging im Wind unter. Cassian nahm den Botenstein, verstärkte nur die Richtung und wiederholte ihre Worte. Heda schlug mit einem Hammer dreimal auf das Geländer. Drei Schläge bedeuteten Süden. Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung.
Mara hörte im Wasser einen Namen, den sie kannte. Lena.
Nicht als Ruf. Als Schmerz, der über eine gespannte Verbindung lief.
Sie hätte ihm folgen können. Der Riss zeigte ihr einen Weg zum Nordknoten, einen silbernen Faden durch die falschen Straßen. Stattdessen wandte sie sich zur nächsten Gruppe.
„Zwölf Personen“, sagte sie. „Nennt eure Namen.“
Als die letzten Bewohner die Brücke überquert hatten, waren Maras Lippen taub. Sie konnte das Salz im eigenen Schweiß nicht mehr schmecken. Verblassen begann mit kleinen Dingen, aber kleine Dinge waren Warnungen.
Cassian reichte ihr eine Tasse Brühe. „Du setzt dich für fünf Minuten.“
„Ist das ein Befehl?“
„Eine Information. Deine Hände zittern.“
Mara sah hin. Er hatte recht.
Sie setzte sich auf eine Mehlsackstufe und ließ Sava die nächste Namensgruppe übernehmen. Cassian blieb nicht über ihr stehen. Er ging zum Eingang und half beim Sortieren der Papierlisten.
Draußen färbte der Nachtbruch den Himmel violettgrau. Die Menschen in der Mühle sprachen ihre Namen in regelmäßigen, für alle gemeinsam vereinbarten Abständen. Manche klangen gereizt, andere ängstlich. Alle waren da.
Sava ging aufmerksam mit einem Korb durch die Räume und sammelte widersprüchliche Notizen ein. Eine Frau hatte ihren Treffpunkt zweimal mit verschiedenen Straßen angegeben. Statt eine Fassung zu vernichten, heftete Sava beide zusammen und schrieb die Namen der Zeugen dazu. Der Nachtbruch sollte später nicht entscheiden, welche Erinnerung als bequem galt.
Ein Windbote kam durch die Tür gestürzt.
„Hilfe aus der Akademie“, keuchte er. „Stein-Leute, mindestens zwanzig. Joris Bell führt sie.“
Mara stand auf, bevor die fünf Minuten vorbei waren.
Vom Pass her antworteten regelmäßige Hammerschläge auf den Sturm.
