Kapitel 143: Joris hält den Pass

Joris hatte sich den Empfang anders vorgestellt.

Zwanzig erwachsene Studierende und sechs Wagen mit Steinankern erreichten den Westpass. Niemand jubelte. Eine Müllermeisterin drückte ihm eine Liste in die Hand und sagte: „Diese Häuser sind geräumt. Diese noch nicht. Die nördliche Stütze bewegt sich.“

„Auch schön, Sie kennenzulernen“, murmelte er.

Mara hörte es und lächelte nur kurz. Ihr Gesicht war grau vor Erschöpfung.

„Die Akademie hat euch geschickt?“

„Die Akademie hat uns verboten zu gehen.“ Joris zeigte auf Elins Unterschrift unter einer studentischen Gefahrenmeldung. „Wir sind als freiwillige Hilfsgruppe hier. Jeder hat sich selbst eingetragen.“

Hinter ihm hob eine Studentin ihre Hand. „Und jeder kann wieder umkehren.“

„So oft sie will“, ergänzte Joris.

Ein weiterer Stoß lief durch den Pass. Die nördliche Stützmauer gab ein Geräusch von sich, das Joris in den Zähnen spürte. Er legte die Hand auf den Stein. Sein Siegel antwortete mit einem Bild aus Drucklinien: zu viel Last auf einer alten Reparatur, Wasser im inneren Verband, ein Riss, der unter dem Putz schneller wuchs als außen.

„Wir halten nicht die ganze Mauer“, sagte er. „Wir geben ihr drei neue Lastwege.“

Der königliche Baubeauftragte, der mit den Wagen gekommen war, runzelte die Stirn. „Die Standardordnung sieht eine zentrale Steinbindung vor.“

„Die Standardordnung steht in Veyra und ist trocken.“

Joris wandte sich an die örtlichen Steinmetze. Heda, Miro und zwei ältere Handwerker traten vor. Sie kannten jede Ausbesserung des Passes. Joris erklärte nicht, wie Stein grundsätzlich funktionierte; er fragte, welche Fugen im letzten Winter nachgegeben hatten.

Heda zeigte auf drei Stellen. „Wenn du die Mitte bindest, zieht es die Westkante heraus.“

„Dann binden wir nicht die Mitte.“

Sie teilten die Arbeit. Die Studierenden setzten die mitgebrachten Anker, doch nur nach den Zeichen der örtlichen Leute. Jeder magische Griff wurde von einer mechanischen Stütze begleitet. Als eine Studentin zu viel Resonanz in einen Anker drückte, ließ Joris sie sofort lösen.

„Ich kann noch“, protestierte sie.

„Dein Name?“

„Tessa Rohn.“

„Und warum bist du hier?“

Sie blinzelte. „Weil … weil Elin …“

Joris nahm ihre Hand vom Stein. „Pause. Trinken. Dann entscheidest du neu.“

Tessa wollte widersprechen, aber Heda führte sie bereits zum Wagen. Joris hatte selbst während der Namenprüfung gelernt, wie leicht Lob zu einer Verpflichtung wurde. Er würde kein „Held des Passes“ aus Menschen bauen, die nicht mehr wussten, warum sie standen.

Die erste Seitenstütze griff. Die Mauer sank um einen Fingerbreit und blieb.

„Zweite Linie!“, rief Heda.

Der Wind warf Kies über den Weg. Joris kniete im Schmutz und setzte sein Stein-Siegel in die Verbindung. Druck schoss durch seinen Arm. Für einen Moment vergaß er die Farbe der Akademiedächer. Nicht wichtig, dachte er. Dann erinnerte er sich, dass genau dieser Gedanke gefährlich war.

„Zeuge“, sagte er.

Miro beugte sich zu ihm. „Du heißt Joris Bell. Dein Vater war Steinmetz. Du hasst Fenchel.“

„Das Letzte hätte niemand aufschreiben müssen.“

„Du redest wieder. Also wirkt es.“

Gemeinsam schlossen sie die zweite Linie.

Beim dritten Lastweg brach ein alter Mauerstein aus. Niemand wurde getroffen, aber die Öffnung ließ den grauen Wind wie Wasser in den Pass strömen. Namen auf den Evakuierungslisten begannen zu verblassen.

Joris sah zu Mara. Sie hielt die Papiere fest, während Cassian sie laut vorlas.

„Wir brauchen drei Minuten!“, rief sie.

Joris hatte keine drei Minuten in seinem Siegel. Die Handwerker vielleicht.

„Nicht alles auf mich“, sagte er. „Sechs Punkte. Einer pro Person. Heda verteilt.“

Der königliche Beauftragte öffnete den Mund. Heda war schneller. Sie stellte die Gruppen nach Erfahrung zusammen, nicht nach Rang. Joris übernahm nur einen der sechs Punkte.

Stein antwortete auf Stein. Nicht als glänzende Wand, sondern als knirschende, unvollkommene Arbeit. Der Druck verteilte sich. Das Loch schloss sich nicht, doch der Wind wurde schmal genug, dass zwei Zimmerleute eine Holzbarriere einsetzen konnten.

Nach vier Minuten stand der Pass noch.

Joris löste seine Hand. Seine Finger fühlten sich an wie fremde Werkzeuge.

Mara kam zu ihm. „Du hast ihn gehalten.“

„Wir haben ihn davon überzeugt, noch nicht umzufallen.“

Heda stieß ihn mit der Schulter an. „Und wer genau ist wir?“

Joris sah auf die Studenten, die Steinmetze, die Zimmerleute und die Menschen an den Papierlisten.

„Alle, deren Namen dort stehen“, sagte er.

Über ihnen öffnete sich im Wall ein neuer Lichtspalt.

Diesmal richtete sich Elins öffentlicher Projektionskanal darauf.