Jana legte Noras Fotos nebeneinander und fragte als Erstes: „Haben Sie die Folie angehoben?“
„Nein.“
„Das Tor geöffnet?“
„Nein.“
„Mit Nachbarn gesprochen?“
„Nein.“
„Gut.“
Nora saß mit Eva und Tobias im Besprechungsraum des Polizeigebäudes. Jana hatte sie diesmal nicht nur als Angehörige eines freiwillig verschwundenen Mannes eingeladen. Die manipulierten Finanzierungsunterlagen, die Signaturdaten und die Versicherungsadresse wurden inzwischen gemeinsam bewertet. Jana versprach keine bestimmte strafrechtliche Einordnung. Aber sie nahm Unterlagen offiziell entgegen.
Nora übergab keine losen Ausdrucke. Tobias hatte eine Liste vorbereitet: Bilddateien mit Aufnahmezeit, öffentliche Ausschreibung, Versicherungsübersicht, Schadenhistorie und ihre Missbrauchsmeldung. Die Originaldateien blieben unverändert gespeichert.
„Marlene Brandt war Ihre Mutter?“, fragte Jana.
„Ja.“
„Todesdatum?“
„17. Oktober 1999.“
„Und die verdeckte Bautafel wurde sechs Jahre vor heute gedruckt.“
„Laut Randdatum.“
Jana sah auf das Foto. „Dann kann Ihre Mutter die dort behauptete Projektleitung nicht ausgeübt haben.“
Endlich ein Satz ohne Vielleicht.
Nora hatte darauf gewartet. Er fühlte sich trotzdem nicht wie Erleichterung an.
„Was, wenn sie früher solche Dinge gemacht hat?“, fragte sie. „Was, wenn ihre Unterlagen schon damals nicht sauber waren?“
Eva drehte den Kopf zu ihr.
„Meine Mutter hat Helene vertraut“, fuhr Nora fort. „Sie hat eine Firma aufgebaut, von der ich nichts wusste. Jetzt taucht ihr Name bei einem leeren Haus und Versicherungszahlungen auf. Vielleicht war sie nicht nur das Opfer, das ich gern hätte.“
Jana antwortete nicht für Marlene. „Wir prüfen Handlungen und Zeitpunkte. Ein Dokument aus der Gegenwart kann einer Verstorbenen nicht als tatsächliche Handlung zugerechnet werden.“
„Aber alte Dokumente können echt sein.“
„Ja.“
Nora sah auf die Aufnahme der Bautafel. Ihre Mutter lächelte auf Familienfotos selten. Bei der Firmengründung hatte sie den Messingschlüssel gehalten, als gehöre die Zukunft ihr.
Unter dem Tisch berührte Eva Noras Hand.
Nicht lange. Kein tröstendes Streicheln. Nur ein fester Druck, der sagte: Bleiben Sie bei dem, was wir wissen.
Nora drückte zurück.
Tobias erklärte die rechtliche Trennung der Spuren. Die mögliche Treuhandregelung betraf Marlenes Gesellschaftsrechte und Noras Nachlassinteresse. Die aktuelle Nutzung ihres Namens konnte auf falsche Projektunterlagen hindeuten. Die Einbindung von Noras Versicherungsvertrag war ein weiterer Vorgang. Keine einzelne Spur bewies automatisch die anderen.
„Aber dieselben Firmen und Personen verbinden sie“, sagte Eva.
„Deshalb werden die Überschneidungen dokumentiert.“
Jana nahm eine Kopie der Personalkapazitätsliste. „Jens Alwardt ist als Projektleiter mit der Adresse des Musterhauses angegeben. Kennen Sie ihn?“
Beide Frauen verneinten.
„Wir prüfen, ob die Person existiert und in welcher Beziehung sie zu den Zahlungsempfängern steht.“
„Und die Bautafel?“, fragte Nora.
„Die wird im Originalzustand gesichert, wenn die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen. Sie fahren nicht noch einmal hin.“
Nora nickte. Diesmal fiel es ihr leichter.
Jana schob ihr eine Empfangsbestätigung über die übergebenen Dateien zu. „Der Versicherer hat uns unabhängig davon mitgeteilt, dass er Ihre Missbrauchsmeldung prüft. Wenn er Sie kontaktiert, beantworten Sie nur, was Sie selbst wissen. Sie müssen keine Theorie über Ihre Mutter liefern.“
„Und wenn sie fragen, warum mein Name im Vertrag steht?“
„Dann sagen Sie, welche Unterschrift Sie anerkennen und welche Vertragsänderungen Sie bestreiten. Genau wie bei der Bank.“
Nora faltete die Bestätigung nicht. Sie legte sie gerade in ihre Mappe.
Nach dem Termin gingen sie mit Tobias in seine Kanzlei. Dort wartete eine Nachricht der Nordbank. Wegen der vorgelegten Widersprüche werde die Garantie nicht automatisch zur Vollstreckung freigegeben. Die Angelegenheit gehe in eine vertiefte Prüfung; bis zu einer Entscheidung bleibe die vorläufige Zurückstellung bestehen.
„Ist das die Aussetzung?“, fragte Nora.
„Es ist Zeit“, sagte Tobias. „Noch keine endgültige Befreiung.“
Eva las den Absatz zu ihrer Signatur. Die Bank bestätigte, dass der zweite Faktor nicht an ihre Nummer gegangen war. Eine interne Prüfung der Arbeitgeberbestätigung sei eröffnet.
„Lukas sagte, ohne die Garantie würden Löhne ausfallen“, sagte sie.
„Eine Bankprüfung ist nicht dasselbe wie das sofortige Ende der Finanzierung“, sagte Tobias. „Wir lassen uns nicht durch unbestätigte Folgen zur Anerkennung einer bestrittenen Verpflichtung drängen.“
Nora stellte den Silberring auf Tobias’ Schreibtisch. „Und was sagt die heutige Spur über die fünfunddreißig Prozent?“
„Direkt? Nichts.“
Sie stöhnte.
„Aber sie verändert eine andere Frage“, fuhr er fort. „Bisher konnten Helene und die aktuelle Firmendarstellung behaupten, Marlene habe das Unternehmen vollständig verlassen und spiele seit 1999 keine Rolle mehr.“
Er zeigte auf die moderne Bautafel und die Personalanlage.
„Wenn diese Unterlagen echt aus dem Geschäftsbetrieb stammen, wurde Marlenes Name Jahre nach ihrem Tod weiterverwendet. Das ist kein Beweis, dass Nora heute Gesellschafterin ist. Es ist aber ein starker Grund, die historischen und aktuellen Projektakten zusammen zu sichern.“
Nora betrachtete die zwei Schichten der Bautafel. Oben ihr eigener Name in einer Rolle, die sie nie übernommen hatte. Darunter ihre tote Mutter als Leiterin eines Projekts, das sie nie gesehen hatte.
„Sie haben sie nicht einfach vergessen“, sagte Eva.
Tobias schüttelte den Kopf.
„Wenn die Tafel und die Unterlagen zusammengehören, dann wurde Marlene Brandt nie vollständig aus der Firma entfernt. Ihr Name blieb dort erhalten, wo jemand ihn gebrauchen konnte.“
