Kapitel 26: Zutritt verweigert

Eva drückte um 9:03 Uhr auf die Klingel von Keller Wohnbau.

Die Glastür war nicht verschlossen. Trotzdem wartete sie, bis Katrin Vogt am Empfang den Summer betätigte. Eva war als Betroffene der Garantie gekommen, nicht als Familienmitglied und nicht als Schwiegertochter auf der Suche nach einem offenen Aktenschrank.

„Frau Keller“, sagte Katrin. „Haben Sie einen Termin?“

„Ich habe meine Anfrage gestern schriftlich angekündigt.“

„Das war keine Terminbestätigung.“

Eva legte den Brief auf den Empfangstresen, ohne ihn aus der Hand zu geben. Sie verlangte Auskunft darüber, aus welchen Quellen Keller Wohnbau ihre Berufsangaben, ihre elektronische Signatur und die angebliche Handlungsvollmacht erhalten hatte. Tobias hatte den Text geprüft. Eine Kopie war bereits per Einschreiben unterwegs.

„Ich kann dazu nichts sagen“, erklärte Katrin.

„Dann bestätigen Sie bitte den Eingang.“

„Unsere Rechtsabteilung wird antworten.“

„Hat Keller Wohnbau eine Rechtsabteilung?“

Katrin lächelte, ohne die Frage zu beantworten. „Bitte warten Sie.“

Sie verschwand durch eine matte Glastür. Eva blieb vor dem Tresen. Rechts führte ein Flur zu den Besprechungsräumen. Links hing eine Wand mit Firmenfotos: Richtfeste, Spatenstiche, ein Gruppenbild zum zwanzigjährigen Bestehen.

Eva kannte die Wand. Bei Helenes sechzigstem Geburtstag hatte Daniel ihr die Bilder gezeigt. Damals waren ihr nur die wechselnden Frisuren und die zunehmende Größe der Projekte aufgefallen.

Heute sah sie das älteste Foto.

Es war dieselbe Aufnahme aus dem Zeitungsarchiv: Helene und Marlene vor dem Backsteingebäude, den Messingschlüssel zwischen sich.

Ein neues Schild hing über der rechten Bildhälfte.

UNSERE GRÜNDERIN: HELENE KELLER.

Das Schild verdeckte Marlenes Gesicht.

Eva trat nicht über die Linie vor dem Empfang. Sie fotografierte die Wand auch nicht. An der Tür hing ein Hinweis, dass Bildaufnahmen in den Geschäftsräumen untersagt seien. Stattdessen notierte sie Position, Beschriftung und sichtbare Teile des Fotos in ihrem Block.

Unter dem Schild ragten zwei alte Schraublöcher hervor. Die neue Tafel war kleiner als eine frühere Beschriftung. Eva erinnerte sich nicht an deren Wortlaut, nur daran, dass Daniel bei der Jubiläumsfeier einmal vor der Wand gestanden und sie hastig zum Buffet weitergeführt hatte.

Katrin kehrte zurück. „Frau Keller lässt ausrichten, dass das Unternehmen Ihnen keine internen Unterlagen aushändigt.“

„Auch nicht die Arbeitgeberbestätigung in meinem Namen?“

„Die Bank hat Ihnen die relevanten Dokumente bereits zur Verfügung gestellt.“

„Ich frage nach der Quelle.“

„Dazu kann ich nichts sagen.“

Eva zeigte auf die Empfangsbestätigung. „Dann stempeln Sie bitte nur den Eingang meiner Anfrage.“

Katrin nahm das Blatt widerwillig. Als sie sich zum Stempel drehte, öffnete sich die Glastür.

Helene trug einen grauen Hosenanzug und hielt keine Mappe. „Eva. Sie hätten anrufen können.“

„Das habe ich. Schriftlich.“

„Sie wissen, wie viel hier gerade zu tun ist.“

„Lukas hat es erklärt. Hundert Menschen, drei Bauabschnitte, eine Garantie, die angeblich nicht ausfallen darf.“

Für einen Moment glitt Helenes Blick zu Katrin.

„Mein Sohn spricht zu viel, wenn er unter Druck steht.“

„Welcher Sohn?“

Helene ließ die kleine Spitze stehen. „Kommen Sie mit.“

„Ich möchte nur meine Anfrage abgeben.“

„Dann können wir fünf Minuten sprechen.“

Eva sah in den Flur. Keine offene Gefahr. Trotzdem hatte sie Tobias versprochen, keine privaten Gespräche ohne Dokumentation zu führen.

„Hier am Empfang.“

Helenes Lächeln wurde schmaler. „Sie machen aus einer Familie eine Akte.“

„Meine Akte bei der Bank hat jemand aus meiner Familie gemacht.“

Katrin setzte den Stempel auf Evas Kopie. Datum, Uhrzeit, Firmenname. Eva steckte das Blatt ein.

„Die Auskunft kommt über Herrn Rehm“, sagte sie.

„Sie glauben, ein Anwalt könne Ihnen erklären, was Daniel getan hat.“

„Er kann mir erklären, was eine belegte Tatsache ist.“

Helene trat näher, blieb aber auf der anderen Seite des Tresens. „Daniel hat diese Unterlagen vorbereitet. Er hat Nora gesucht. Er hat Sie benutzt. Und jetzt sitzt er irgendwo und wartet darauf, dass wir uns gegenseitig zerstören.“

„Dann helfen Sie der Bank, die Quellen zu prüfen.“

„Wenn ich jedes interne Dokument öffne, das Daniel berührt hat, verliert die Firma das Vertrauen ihrer Partner.“

„Das Vertrauen meiner Bank in eine falsche Unterschrift scheint Sie weniger zu stören.“

Helene antwortete nicht.

Eva blickte noch einmal zur Fotowand. Vom ursprünglichen Bild waren Marlenes Schulter, ihre Hand und ein Teil des Messingschlüssels sichtbar. Das Gesicht lag unter dem Schild.

„Warum haben Sie Marlene überdeckt?“

Katrin hielt mitten in einer Bewegung inne.

Helene folgte Evas Blick. „Die Wand wurde modernisiert.“

„Das Foto nicht.“

„Marlene ist seit Jahrzehnten tot.“

„Ihr Name steht auf einer Bautafel von vor sechs Jahren.“

Eva hatte nicht geplant, diesen Punkt zu nennen. Helenes Gesicht blieb ruhig, doch sie atmete einmal hörbar ein.

„Nora hat Sie also bereits vollständig auf ihre Seite gezogen.“

„Es gibt keine Seite, auf der eine Verstorbene ein aktuelles Projekt leitet.“

Helene sah zu Katrin. „Lassen Sie uns allein.“

Katrin ging durch die Glastür. Helene wartete, bis sie geschlossen war.

„Heute um sechs“, sagte sie. „Mein Büro. Ohne Nora, ohne Rehm.“

„Nein.“

„Dann werden Sie nie erfahren, warum Daniel verschwunden ist.“

Eva hob ihre Tasche.

Helene sprach leiser.

„Oder vor wem er wirklich Angst hatte.“

Eva verließ das Gebäude mit einer abgestempelten Anfrage und ohne eine einzige interne Seite. Hinter der Glastür blieb Helene stehen, genau vor dem Foto, auf dem Marlenes Gesicht nicht mehr zu sehen war.