Mara fand Lena am Tannbach.
Der Regen hatte aufgehört, aber das Wasser lief hoch und braun zwischen den Steinen. Über den Wurzeln der Erlen hing Nebel. Lena saß auf dem umgestürzten Stamm, auf dem sie als Kinder ihre Schuhe ausgezogen hatten. Damals war der Bach für Mara so breit wie ein Grenzfluss gewesen.
„Cassian hat dich nicht geschickt“, sagte Lena.
„Cassian schickt mich nicht.“
Lena nickte, als hätte sie die Korrektur erwartet. Neben ihr lag kein Gepäck. Nur ein flacher, schwarzer Stein, dessen Oberfläche von einer silbernen Linie geteilt wurde. Mara erkannte ihn aus dem Kräuterbuch. Lena hatte ihn zwischen die Seiten gelegt, wenn sie Pflanzen am Wasser presste.
Mara setzte sich mit einem Abstand von einer Handbreit neben sie.
„Weißt du noch, wie ich hier hineingefallen bin?“, fragte Lena.
„Du bist nicht gefallen. Du wolltest beweisen, dass die Strömung dich nicht umwerfen kann.“
„Das klingt eher nach dir.“
„Ich war acht.“
„Du warst schon damals beleidigt, wenn die Welt stärker war als du.“
Mara musste lächeln. Der Bach roch nach nassem Holz und Eisen. Sie erinnerte sich an Lenas Hand um ihr Handgelenk, an einen verlorenen roten Strumpf, an den Zorn ihrer Mutter. Die Einzelheiten lagen ungewöhnlich klar in ihr. Kein fremdes Bild, kein vom achten Siegel verstärktes Echo. Eine Erinnerung, die beiden gehörte, ohne dass eine sie der anderen beweisen musste.
Lena berührte den schwarzen Stein.
Plötzlich sah Mara das Wasser im Sommerlicht. Lena war siebzehn, Mara zwölf. Lena hatte erklärt, dass sie nach Veyra gehen wolle. Mara hatte behauptet, die Akademie nehme nur Menschen, die ihre Familie vergessen könnten.
„Du hast gesagt, du würdest jeden zweiten Tag schreiben“, erinnerte Mara sich.
„Und du hast gesagt, du würdest die Briefe nicht lesen.“
„Ich habe alle gelesen.“
„Das wusste ich.“
Die Erinnerung glitt weiter: Lenas Finger waren mit Tinte beschmiert gewesen. Sie hatte Mara den flachen Stein gegeben und gesagt, ein Versprechen sei kein Käfig. Wenn eine von ihnen es nicht mehr halten könne, müsse sie es sagen dürfen.
Mara sog scharf Luft ein. Der silberne Ring in ihrer Handfläche reagierte, aber er zog nichts aus ihr. Lena teilte die Erinnerung, statt sie zu öffnen.
„Ich wollte, dass du weißt, dass es uns wirklich gab“, sagte Lena. „Nicht nur die Jagd nach meinem Namen.“
„Das weiß ich.“
„Du hast Teile verloren.“
„Du auch.“
Lena sah zum Wasser. „Unter der Erde habe ich mich manchmal gefragt, ob ich dich erfunden hatte, um nicht allein zu sein.“
Mara legte ihre Hand neben Lenas auf den Stamm, ohne sie zu berühren. „Und jetzt willst du aus unserer Erinnerung einen Grund machen, dir zu folgen.“
„Ich will, dass du verstehst, warum ich nicht noch sieben Tage warten kann.“
„Ich verstehe es.“
Lena drehte sich zu ihr. „Dann komm mit.“
„Nein.“
Das Wort fiel leise zwischen sie. Kein Windstoß, kein magischer Widerstand folgte. Nur Lenas Atem, der einmal stockte.
„Du hast gesehen, was die Verbindung mit uns macht“, sagte sie. „Elias verliert Jahreszeiten. Dornfink erinnert sich nicht mehr an die Stimme seiner Tochter. Jeder weitere Tag nimmt uns etwas.“
„Und wenn du den Wall brichst, nimmt der Sturm den Menschen am Pass vielleicht ihre Namen, ihre Wege, ihre Häuser. Du entscheidest, dass dieses Risiko geringer ist, weil du es nicht selbst trägst.“
„Ich trage es seit drei Jahren.“
„Deines. Nicht ihres.“
Lena stand auf. „Severin entscheidet bereits für sie.“
„Dann darf unsere Antwort nicht dieselbe Form haben.“
Mara spürte Tränen hinter den Augen, doch sie wollte ihre Schwester nicht mit sichtbarem Schmerz zur Umkehr zwingen. Liebe war kein zusätzlicher Zeuge und kein Ersatz für Zustimmung.
„Am Bach hast du mir gesagt, ein Versprechen sei kein Käfig“, sagte sie. „Ich verspreche dir, dass ich die Verbindungen beenden werde. Aber ich verspreche nicht, jede deiner Entscheidungen richtig zu nennen.“
Lena hob den schwarzen Stein auf. Ihre Hand schloss sich darum.
„Wenn du in Veyra gewinnst, schreiben sie die Geschichte so, als hätten ihre Verfahren uns gerettet.“
„Dann schreiben wir unsere eigenen Berichte daneben.“
„Papier schützt niemanden vor dem Sturm.“
„Nein. Aber es verhindert, dass der nächste Severin behauptet, niemand habe widersprochen.“
Lena trat ans Ufer. Für einen Moment dachte Mara, sie werde die Hand ausstrecken. Stattdessen steckte sie den Stein ein.
„Morgen vor Sonnenaufgang“, sagte sie.
„Ich werde nicht bei dir sein.“
„Ich weiß.“
Lena ging über die nassen Steine, ohne sich umzudrehen. Mara blieb sitzen, bis der Nebel ihre Gestalt verschluckt hatte.
Auf dem Rückweg bemerkte sie, dass sie sich noch an den roten Strumpf erinnerte.
Das machte die Trennung nicht weniger wahr.
